Lord Nicholas Herbert Stern(63)
ereilte 2006 mit der Publikation des nach ihm benannten “Stern-Reports” beinah über Nacht weltweite Bekanntheit. Der Bericht gab eine detaillierte quantitative Analyse der wirtschaftlichen Auswirkungen des Klimawandels und der möglichen Gegenmaßnahmen an die Hand. Stern studierte Mathematik in Cambridge, Großbritannien, und promovierte in Wirtschafts-
wissenschaften in Oxford. Er war als Professor unter anderem an der London School of Economics tätig sowie als Chefökonom bei der Weltbank. Kürzlich brachte er den Report auf neuesten Stand.
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Sie fordern eine drastische Reduzierung der CO2-Emissionen, um die schlimmsten Auswirkungen des drohenden Klimawandels vermeiden zu können. Heißt das, wir müssen unseren Lebensstandard herunterschrauben?
Stern: So würde ich das nicht formulieren. Ein schlechteres Leben müssen wir nicht führen, aber ein anderes. Wir müssen unsere Investitionsentscheidungen auf anderer Grundlage fällen und Energie effizienter einsetzen. Es geht vor allem darum, unsere Wirtschaftsordnung so umzubauen, dass sie grüner und sicherer wird, dynamischer und innovativer und mehr Biodiversität zulässt. Wenn das gelingt, bedeutet das meiner Meinung nach sogar einen höheren Lebensstandard als heute. Der Transportsektor ist ein gutes Beispiel. Indem wir den öffentlichen Nahverkehr attraktiver machen, geben wir den Menschen Anreize, auf die ein oder andere Autofahrt zu verzichten. Anreizstrukturen sind unverzichtbar, um verantwortungsbewusstes Handeln zu belohnen. Dennoch sollten wir auch das individuelle Verantwortungsbewusstsein nicht unterschätzen: So wie die meisten Menschen heute nicht betrunken Auto fahren, werden sie vielleicht eines Tages für so wenig Verschmutzung wie möglich verantwortlich sein wollen.
Was haben Sie selbst bisher getan, um weniger Treibhausgas-Emissionen zu produzieren?
Stern: Ich nutze den öffentlichen Nahverkehr öfter als früher. Ein großes Opfer ist das aber nicht, da ich ohnehin nicht gerne Auto fahre. Manchmal muss ich aber, auch weil ich nicht die ganze Zeit in London wohne, sondern oft in meinem Haus in Sussex. In London ist der öffentliche Nahverkehr in jedem Fall die attraktivere Option. Zudem habe ich mein Haus, das im 15 Jahrhundert gebaut wurde, nachgerüstet, etwa mit einer Wärmepumpe. Unseren Strom kaufen wir darüber hinaus von einem Windstromanbieter. Was Heizung und Elektrizität betrifft, sind wir also so gut wie CO2-neutral. Leider muss ich viel zu viel fliegen. Das würde ich gerne reduzieren. Aber das Thema, mit dem ich mich beruflich beschäftige, ist seinem Wesen nach ein internationales. Wenn man also wie ich mit Indien, China, Afrika und den USA eng zusammenarbeitet, dann lassen sich Reisen schwer vermeiden.
Wie können technologische Innovationen beim Kampf gegen den Klimawandel helfen?
Stern: Technologie wird eine ganz wesentliche Funktion haben. Sie öffnet Möglichkeiten, um unser tägliches Leben energieeffizienter zu gestalten. Darüber hinaus können wir den Einsatz neuer Formen erneuerbarer Energien vorantreiben. Wir müssen aber noch viel über die Möglichkeiten des Energiespeicherns und der Speicherung von Kohlendioxid lernen, das so genannte Carbon-Capturing. Auch die Kosten für die Erzeugung erneuerbarer Energien müssen sinken. Technologische Innovation in diesen Bereichen ist unverzichtbar.
Welchen Beitrag können internationale Großunternehmen leisten?
Stern: Internationale Großunternehmen haben einen wichtigen Vorteil: Sie können sich, mehr noch als kleine Firmen, einen längeren Atem erlauben, wenn es um Zukunftsmärkte und die entsprechende Produktentwicklung geht – trotz des Drucks, der aus dem teils in der Kritik stehenden Konzept von Shareholder Value entsteht. Schon heute lässt sich mit einem hohen Maß an Sicherheit sagen, dass die Zukunft unseres Planeten und die Entwicklung unserer Volkswirtschaften in den sogenannten Low-carbon-Industrien liegt, also in den Industriezweigen, die mit geringem Einsatz kohlenstoffhaltiger Energieträger wirtschaften. Wer diesen Zug verpasst, der wird zurückbleiben. Unternehmen mit Weitblick investieren längst massiv in diesen Feldern – auch im Hinblick auf ihre Verantwortung gegenüber ihren Eignern, ihren Mitarbeitern und anderen Interessengruppen.
Lassen sich ambitionierte Klimaschutzziele nur bei gleichzeitiger Verminderung des Wirtschaftswachstums erreichen?
Stern: Wenn Sie mich nach einem Modell für niedriges Wachstum fragen, dann ist es ohne Zweifel unser High-carbon-Modell. Dies wird sich aber ganz von selbst erledigen: einerseits durch steigende Preise für fossile Brennstoffe und zweitens, weil es zu einer fortschreitenden Verschlechterung für die Umwelt und unseren Lebensstandard führt. Wir sollten den Schaden nicht unterschätzen, den wir dem Planeten wahrscheinlich zufügen, indem wir immer mehr Treibhausgase produzieren. Im Laufe der nächsten 30 bis 60 Jahre könnten wir einen Temperaturanstieg erleben, der jenseits aller menschlichen Erfahrung liegt. Diese Risiken müssen wir reduzieren. Deshalb ist das Low-carbon-Modell das einzige, das nachhaltiges Wachstum verspricht. Den Übergang müssen wir in den kommenden zwei bis drei Jahrzehnten auf eine möglichst kreative und produktive Weise schaffen. Es wird dies eine Zeit herausragender Innovationen und großen Erfindungsreichtums sein – und beides wird zu wirtschaftlichem Wachstum beitragen.
Wie reagieren Sie auf Kritiker, die argumentieren, dass der Kampf gegen Krankheiten wie AIDS und Malaria ein besseres Kosten-Nutzen-Verhältnis biete als die Vermeidung von CO2-Emissionen?
Stern: Wer so etwas vorrechnet, der hat von wirtschaftlichen Zusammenhängen keine Ahnung. Das Argument beruht darauf, verschiedene Programme einzeln durchzurechnen, sodass auf einmal ein ökonomischer Zielkonflikt zwischen Malariabekämpfung und dem Kampf gegen den Klimawandel behauptet werden kann. Tatsächlich sind aber diese beiden – und nicht nur diese beiden – Themen eng miteinander verflochten. Der Klimawandel wird die Gesundheit und den Lebensstandard von Millionen Menschen in den unterschiedlichsten Teilen der Welt auf drastische Weise beeinflussen. Steigende Temperaturen werden Malaria zu einem noch größeren Problem machen, als es diese Krankheit heute schon ist. Die Wanderbewegungen, die durch den Klimawandel bedingt sind, können zu steigenden HIV-Infektionsraten beitragen. Wer etwas gegen den Klimawandel tut, der tut damit also indirekt auch etwas gegen Malaria und AIDS. Natürlich müssen wir diese Krankheiten auch direkt bekämpfen. Aber letzten Endes hängen die Herausforderungen des Klimawandels und der allgemeinen Entwicklungshilfe eng zusammen.