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Dr. Ulrich Eberl
Herr Dr. Ulrich Eberl
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  • 80333 Munich
  • Germany
Dr. Ulrich Eberl
Herr Florian Martini
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"Große Architektur muss nachhaltig sein"
Daniel Libeskind

Daniel Libeskind, (63) gehört zu den berühmtesten Architekten der Welt. Viele Jahre lehrte er Architekturtheorie, unter anderem in Harvard, Yale und der University of London. Sein erstes Gebäude verwirklichte Libeskind erst im Alter von 52 Jahren: Das 1999 eröffnete Jüdische Museum in Berlin begründete seinen Weltruhm. Seither war er an bahn-
brechenden Projekten beteiligt, darunter die Neugestaltung des „Ground Zero“ in New York. Zunehmend beschäftigt er sich auch mit Fragen des Städtebaus. Im Jahr 2009 präsentierte er eine energieeffiziente Fertig-Villa.

Was ist für Sie eine lebenswerte Stadt?

Libeskind: Eine offene, demokratische Stadt; eine Stadt, an deren Gestaltung die Bürger teilhaben. Sie muss aufregend sein. Eine Stadt braucht Spannung im Hinblick auf Technik, Politik, Gebäude – eine Atmosphäre von Kreativität und Innovation. Sie können in einer Stadt leben, in der alles perfekt geordnet ist, glatt und effizient läuft – und trotzdem möchten Sie sich das Leben nehmen, weil alles so seelenlos ist. Oder Sie leben in einer Stadt mit enormen Problemen, aber gleichzeitig mit der Möglichkeit, an ihrer Umgestaltung teilzuhaben. Eine solche Stadt ist in jedem Fall inspirierender.

Welche Stadt ist Ihrem Ideal am nächsten?

Libeskind: Es müsste eine Kombination aus mehreren Städten sein: Etwas von Berlin und seinem kreativen Flair, etwas New York inklusive Queens und Brooklyn, ein wenig Mailand mit all der Eleganz, die Ordnung Kyotos und das Chaos São Paulos. Das wäre eine globale Stadt, wie sie mir gefällt.

Eine auf dem Reißbrett geplante Stadt mit dem Anspruch, ein Vorbild an Effizienz zu sein, ist für Sie also wenig reizvoll?

Libeskind: Nicht unbedingt. Wenn ich sage, dass eine große Stadt auch etwas Chaos braucht, um lebenswert zu sein, meine ich damit auch und vor allem ihre intellektuelle Wandlungsfähigkeit. Schauen Sie sich Berlin an: eine Stadt in stetem Wandel. Diese Qualität lässt sich auch in einer Reißbrettstadt finden, zum Beispiel in Brasília. In Masdar City könnte das auch gelingen. Es geht eben am Ende nicht um Gebäude, es geht um ein Umfeld, das den Menschen Flügel wachsen lässt.

Ist energieeffizientes Bauen eine schwierige Herausforderung für Architekten?

Libeskind: Verbesserte Energieeffizienz ist kein Widerspruch zu architektonischer Schönheit. Doch natürlich sollte ein großartiges und zudem nachhaltiges Bauwerk in seiner Ästhetik nicht vom Statement geprägt sein: Hier wird Energie gespart. Große Architektur wird immer ein Ausdruck der Träume und Hoffnungen von Menschen sein. Technik kann uns helfen, dieses Ziel besser zu erreichen.

Wie wichtig ist das bei Ihren Projekten?

Libeskind: Im Dezember 2009 wurde das CityCenter in Las Vegas eröffnet, ein Gebäude-Komplex mit Mischnutzung und einer Grundfläche von mehr als 1,5 Millionen Quadratmetern. Mit Gesamtkosten von etwa elf Milliarden Dollar ist es das größte privat finanzierte Bauprojekt der USA. Der Komplex ist riesig, aber er lässt eine architektonische Vision erkennen. Zugleich ist er umweltfreundlich, er wurde LEED-zertifiziert und dabei mit „Gold“ ausgezeichnet. Das heißt, das CityCenter erfüllt höchste Anforderungen bei der Energieeffizienz. (Bild oben)

Siemens hat für das CityCenter viele energiesparende Lösungen im Wert von insgesamt 100 Millionen Dollar geliefert…

Libeskind: Ja, die Gebäudetechnik von Siemens ist hier stark vertreten, und Beleuchtungssysteme von Osram mit niedrigem Stromverbrauch erhellen die Bauten. Die Energie stammt aus einem eigenen hocheffizienten Kraftwerk. Und Wasser wird ebenfalls gespart: Spezielle Duschköpfe, Wasserhähne und Toiletten reduzieren den Verbrauch um 30 Prozent. Ich finde, einige dieser Technologien sollte ein Gebäude heute schon vorweisen können. Oder nehmen Sie die Fertig-Villa, die ich entworfen habe. Hier haben wir Holz als Grundmaterial verwendet. Durch Photovoltaik wird Strom erzeugt, durch die Proportionen der Räume und ihre Ausrichtung wird der Energieverbrauch reduziert. Die Villa wird eines der energiesparendsten und CO2-neutralen Häuser auf dem Markt sein. Nachhaltigkeit ist der Weg in die Zukunft. Diesen Trend muss große Architektur heute aufnehmen.

Wie hat sich die weltweite Wirtschaftskrise auf die Architektur ausgewirkt?

Libeskind: Einige Riesenprojekte – wie der Wolkenkratzer Burj Chalifa in Dubai – konnten nur mit erheblichen Finanzierungsproblemen fertig gestellt werden. Andere, weniger weit fortgeschrittene Projekte wurden abgeblasen oder verkleinert. Gute Architektur bedeutet aber zum Glück weit mehr, als für Projekte möglichst viel Geld auszugeben. Beim Jüdischen Museum in Berlin lagen wir sogar mehrere Millionen Dollar unter Budget. Ich sehe in der augenblicklichen Situation eine Chance, den Menschen erneut vor Augen zu führen, dass Architektur unersetzlich ist. Sie ist kein Verbrauchsartikel, sie ist lebensnotwendig.

Das Interview führte Andreas Kleinschmidt.