Der European Green City Index, eine Studie der Economist Intelligence Unit in Kooperation mit Siemens, vergleicht die Umweltverträglichkeit der 30 bedeutendsten europäischen Städte aus 30 Ländern. Der Sieger: Dänemarks Hauptstadt Kopenhagen.
Grünes Engagement: In Stockholm fahren 68 Prozent der Einwohner mit dem Rad zur Arbeit (Erstes Bild); Berlin hat nach 1990 den Großteil seiner Gebäude nach strengen Energieeffizienz-Kriterien saniert (Zweites Bild).
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Die Fakten sprechen für sich: Mittlerweile lebt weltweit jeder zweite Mensch in einer Stadt. Noch weiter ist die Urbanisierung in Europa fortgeschritten: Hier wohnen bereits 72 Prozent der Bevölkerung in Städten – mit nicht unerheblichen Folgen für die Umwelt. Urbane Zentren rund um den Globus sind für 75 Prozent des weltweiten Energieverbrauchs und 80 Prozent der vom Menschen verursachten Treibhausgasemissionen verantwortlich. Damit spielen Städte mehr denn je eine Schlüsselrolle im Kampf gegen den Klimawandel. Doch wie gehen sie mit dieser Verantwortung um? Anlass genug, einen genauen Blick auf Europas Metropolen zu werfen: Welche Anstrengungen unternehmen sie, um knappe Ressourcen zu schonen? Wie versuchen sie Umweltschäden zu begrenzen, CO2- Emissionen zu senken und die Stadt als lebenswerten Raum zu erhalten? Welche vorbildhaften Umweltprojekte gibt es?
Um diese Fragen zu beantworten, wurden erstmals 30 Metropolen aus 30 europäischen Ländern von dem unabhängigen Forschungs- und Beratungsunternehmen Economist Intelligence Unit (EIU) im Auftrag von Siemens verglichen. Von Athen bis Zagreb, von Ljubljana bis Istanbul, von Oslo bis Kiew wurde in die Untersuchung die jeweils größte Stadt des Landes, meist die Hauptstadt, einbezogen. Um deren Leistungen und Ambitionen beim Umwelt- und Klimaschutz aufzuzeigen, wurde jede dieser Metropolen mit Hilfe von 30 Indikatoren in den acht Kategorien CO2- Emissionen, Energieversorgung, Gebäude, Verkehr, Wasser, Luftqualität, Abfall/Landnutzung sowie Umweltmanagement bewertet. Die Methodik wurde von der EIU in Kooperation mit unabhängigen Stadtexperten und Siemens entwickelt. „Das Ergebnis ist ein in dieser Breite bislang einzigartiges Ranking der bedeutendsten europäischen Metropolen – der European Green City Index“, sagt James Watson, verantwortlicher Autor bei den EIU-Analysten. „Der European Green City Index gibt Aufschluss über die Stärken und Schwächen einer jeden Stadt“, erklärt Stefan Denig, Projektleiter bei Siemens. „Die Studie unterstützt die Bemühungen der Städte um einen effizienteren Klimaschutz und hilft, Umweltaktivitäten zu priorisieren.“ Aber vor allem können und sollen die Städte voneinander lernen. Ob das europaweit größte Biomassekraftwerk in Wien oder modernste Offshore-Windkraftanlagen in Dänemark, ob Recycling-Lotterie in Ljubljana oder kostenlose Mietfahrräder in Paris, ob Mülldeponien mit Anlagen zur Methangewinnung wie in Istanbul oder Busse wie in Tallinn, die so ausgestattet sind, dass Ampeln schneller auf Grün schalten – für jede Stadt werden interessante Beispielprojekte vorgestellt, die Vorbilder für andere Städte sein können.
Einige wichtige Ergebnisse der Studie:
ist die grünste Metropole Europas (siehe Artikel „Der Umwelt-Champion“). Die Gastgeberstadt der 15. UN-Klimakonferenz im Dezember 2009 schneidet in allen acht Kategorien durchweg sehr gut ab. Platz zwei im Gesamtranking geht an Stockholm, Platz drei belegt Oslo (siehe Artikel „Grünes Pflaster“). Danach folgen Wien und Amsterdam.
Die skandinavischen Städte belegen die Top- Plätze im Index. Hier genießt Umweltschutz seit Jahren hohe Aufmerksamkeit. Dem zugute kommt, dass die Länder überdurchschnittlich wohlhabend sind. Die Städte nutzen diese finanziellen Spielräume, um Investitionen in Umweltschutzmaßnahmen voranzutreiben. Energiesparende Gebäude, ein gut ausgebautes Nahverkehrsnetz und Energieerzeugung aus regenerativen Quellen, vor allem aus Wind und Wasserkraft, sind hier schon weit verbreitet.
Osteuropäische Städte schneiden eher unterdurchschnittlich ab. Die beste osteuropäische Stadt, Wilna, belegt im Gesamtranking Platz 13. Dieses Ergebnis ist zum Teil bedingt durch ein vergleichsweise niedriges Bruttoinlandsprodukt und die Historie der Länder. Während des Kommunismus wurde der Umweltschutz weitgehend vernachlässigt. Dies spiegelt sich in einem hohen Energieverbrauch insbesondere bei Gebäuden wider sowie in veralteten Infrastrukturen. Beim Nahverkehr schneiden osteuropäische Städte jedoch überdurchschnittlich gut ab. Kiew, insgesamt auf Platz 30, hat von allen Städten den höchsten Anteil an Personen, die mit öffentlichen Verkehrsmitteln zur Arbeit fahren.
Spitzenreiter in den Kategorien CO2-Emissionen und Energieversorgung ist Oslo. Die Hauptstadt Norwegens profitiert von der Nutzung der Wasserkraft zur Energieerzeugung – der Anteil erneuerbarer Energien macht bereits 65 Prozent aus. Zudem verfolgt Oslo sehr ambitionierte CO2-Ziele (Einsparungen von 50 Prozent bis 2030) und fördert die Verbreitung von Fernwärme sowie von Hybrid- und Elektroautos. Aus einer lokalen Stromsteuer finanziert Oslo einen Klima- und Energie-Fond, der in den vergangenen 20 Jahren eine Vielzahl von Energieeffizienz-Projekten unterstützt hat.
Im Bereich Gebäude teilen sich Berlin und Stockholm den ersten Platz. Berlin hat nach der Wiedervereinigung einen Großteil seines Gebäudebestands nach strengen Energieeffizienz-Richtlinien saniert. Dadurch werden in den sanierten Wohnungen pro Jahr etwa ein bis eineinhalb Tonnen CO2 eingespart. Für öffentliche Gebäude hat die Stadt eine Energiepartnerschaft mit privaten Partnern – darunter auch Siemens – ins Leben gerufen, die die Sanierungskosten übernehmen und diese durch eingesparte Energiekosten wieder decken. Stockholm überzeugt hingegen durch vorbildliche Energieeffizienz-Richtlinien und den Bau von Häusern und Wohnvierteln mit einem extrem niedrigen Energieverbrauch. Diese Häuser haben einen Gesamt-Energieverbrauch von unter 2.000 Kilowattstunden im Jahr – trotz des kalten Klimas.
Sieger der Kategorie Verkehr ist ebenfalls Stockholm. Dank eines perfekt ausgebauten Radwegenetzes fahren 68 Prozent aller Einwohner mit dem Fahrrad zur Arbeit oder gehen zu Fuß – dreimal so viel wie in den anderen Städten im Durchschnitt. Weitere 25 Prozent nutzen öffentliche Verkehrsmittel. Zudem setzt die schwedische Hauptstadt auf modernste Technologien für den Nahverkehr – zum Beispiel mit Ethanol betriebene Busse oder intelligente Verkehrsleitsysteme für einen reibungslosen Verkehrsfluss.
Amsterdam ist führend in den Bereichen Wasser sowie Abfall/Landnutzung. Während der Wasserverbrauch im Durchschnitt der 30 untersuchten Städte bei über 100 Kubikmetern pro Jahr und Kopf liegt, verbrauchen die Einwohner der niederländischen Hauptstadt lediglich 53 Kubikmeter Wasser. Dazu trägt zum einen eine sehr niedrige Leckrate bei, gerade mal 3,5 Prozent des Trinkwassers gehen durch undichte Wasserleitungen verloren. Zum anderen motivieren Wasserzähler die Bevölkerung zum Wassersparen. In punkto Abfall/Landnutzung kann Amsterdam stolz auf seine hohe Recyclingrate sein. 43 Prozent des kommunalen Abfalls, doppelt so viel wie im Durchschnitt, wird hier getrennt und recycelt. Aus dem restlichen Abfall wird Energie gewonnen – genug um drei Viertel der Amsterdamer Haushalte mit Strom versorgen zu können. Lediglich ein Prozent des Abfalls muss auf Mülldeponien entsorgt werden.
In der Kategorie Luftqualität schneidet Wilna am besten ab (siehe Artikel „Barockperle in grüner Fassung“). Die Hauptstadt Litauens verweist mit sehr niedrigen Abgas- und Emissionswerten die anderen Städte auf ihre Plätze. Wilna setzt dabei vor allem auf Grün- und Waldflächen – sowohl in der Stadt als auch in der unmittelbaren Umgebung. Wilnas geringe Größe begünstigt das Ergebnis ebenso wie die spärliche Verbreitung von Schwerindustrie.