nachhaltige Zukunft
Große Gedanken können
die Welt verändern. Doch Denken allein ist nicht genug. Nur ein Dialog zwischen Wissenschaft, Industrie und Regierungen
kann zu jenen konkreten Maßnahmen führen, die nötig sind, um Herausforderungen wie dem Klimawandel begegnen zu können. Um diesen Dialog zu führen, haben die Max-Planck-Gesellschaft und Siemens den Future Dialogue ins Leben gerufen.
Nachhaltigkeit als Frage der Einstellung: Siemens-CEO Peter Löscher, der Präsident der Max-Planck-Gesellschaft Peter Gruss und der ehemalige deutsche Außenminister Joschka Fischer (von l. nach rechts).
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Dennis Meadows, Hauptredner der Veranstaltung, lässt seinen Blick über das Auditorium schweifen. Der Raum ist mit 500 Entscheidungsträgern aus der Politik, den Wissenschaften und der Welt der Wirtschaft gefüllt. Sie kamen aus der ganzen Welt, um in Berlin einige der dringendsten Fragen überhaupt zu diskutieren: den Klimawandel, den fortschreitenden Ressourcenverbrauch und wie sich Megatrends – die zunehmende Urbanisierung oder der demografische Wandel etwa – in diesem Zusammenhang auswirken. Meadows, Autor des kontroversen Bestsellers „Grenzen des Wachstums“ macht eine rhetorische Pause. Niemand rührt sich. Niemand hustet. Dann legt er los: „Unsere Grenzen haben wir längst überschritten. Unser Verbrauch entspricht dem Regenerationspotenzial von 1,3 Planeten Erde. Die Verhaltensmuster, die uns in der Vergangenheit Wachstum und Fortschritt brachten, werden uns in der Zukunft nichts von alledem bescheren können. Stattdessen werden wir in den kommenden 20 Jahren größere Umwälzungen erleben als im ganzen letzten Jahrhundert.“ (siehe Interview „Wir müssen auf ein anderes System umschalten“)
Es waren Sätze wie dieser, die in den folgenden Panelsitzungen und Break-out-Sessions für Diskussionsstoff sorgten. Der Future Dialogue, der Ende 2009 erstmals stattfand, wurde von der Max-Planck-Gesellschaft und Siemens ins Leben gerufen und gemeinsam mit der Economist Intelligence Unit durchgeführt, einem weltweit führenden Unternehmen für Wirtschaftsanalysen mit Sitz in London. Die Teilnehmerliste las sich beeindruckend: Unter den Gästen waren etwa der Stararchitekt Daniel Libeskind (siehe Interview „Große Architektur muss nachhaltig sein“) und Lord Nicholas Stern (siehe Interview „Den Low-carbon-Industrien gehört die Zukunft“), Autor des Stern-Reports zum Klimawandel. Während der verschiedenen Podiumsdiskussionen wurden klare Anforderungen für Politik, Wirtschaft und Wissenschaft definiert. So sollte die Politik all ihre Initiativen am Ziel einer Reduzierung von Treibhausgas-Emissionen messen und gleichzeitig ihre Wähler von den Vorteilen eines geringeren CO2-Ausstoßes überzeugen sowie die nötige Grundlagenforschung finanzieren.
Verantwortung der Wirtschaft sei es, mit der Forschung enger zusammenzuarbeiten, um das nahtlose Ineinandergreifen von Erfindung und Innovation sicherzustellen – ein Anspruch, den Siemens mit gutem Erfolg einlöst, auch und gerade bei grünen Technologien. „So denke ich bei den Themen Wasser und Energieeffizienz automatisch an das Siemens-Portfolio“, sagt Paul Pelosi jr., Präsident der San Francisco Environment Commission und Teilnehmer des Future Dialogue (siehe Interview „Hoffen wir, dass San Francisco im Jahr 2050 nicht unter Wasser steht“): „Viele dieser Technologien wie etwa das Smart Grid machen auch eine stärkere Dezentralisierung möglich. Damit können wir verschiedene Energiequellen nutzen und den Kommunen helfen, eigene, speziell auf ihre Bedürfnisse zugeschnittene Lösungen zu entwickeln.“
Doch nicht nur Wirtschaft und Politik müssten ihre Hausaufgaben machen, so die einhellige Meinung auf dem Kongress: Forscher beispielsweise sollten mehr Anreize erhalten, um mit der Öffentlichkeit effektiver zu kommunizieren. Dabei müssten sie nicht nur den Blick auf die Grundlagenforschung richten, sondern auch auf anwendungsbezogene Lösungen. Peter Gruss, Präsident der Max-Planck-Gesellschaft, betonte: „Wissenschaft im Elfenbeinturm ist eine Sache der Vergangenheit.”
Um der Bedeutung von Innovationen in der Gesellschaft Nachdruck zu verleihen, sei es von zentraler Bedeutung, überzeugende Visionen zu entwickeln – denn nur diese könnten breite öffentliche Unterstützung sichern, oder, wie es einer der Teilnehmer formulierte: „Das Apollo-Programm befeuerte die Phantasie einer ganzen Generation. Was könnten die Apollo-Programme des 21. Jahrhunderts sein?“ Peter Löscher, Vorstandsvorsitzender der Siemens AG, hatte da mit Blick auf das Portfolio von Siemens gleich mehrere Vorschläge: beispielsweise das Wüstenstrom-Projekt Desertec (siehe Artikel „Zurück in die Zukunft“), die Elektromobilität mitsamt der dafür nötigen Infrastruktur (siehe Artikel „Autos unter Strom“), die intelligenten Stromnetze – die Smart Grids – oder die individualisierte Gesundheitsversorgung. „Das Wichtigste ist, auch auf lange Sicht verlässliche Rahmenbedingungen zu schaffen, innerhalb derer sich arbeiten lässt“, betonte er.
Marktanreize für größere Energie-Effizienz, darin kamen die Teilnehmer überein, werden allein kaum ausreichen, um die Herausforderungen zu bewältigen. „Regierungen haben Einfluss auf den Markt und setzen Rahmenbedingungen“, sagte Joschka Fischer, ehemaliger deutscher Außenminister. „Wer etwa weltweit Preise für die Emission von CO2 ermöglicht, der kann das Verhalten von Marktteilnehmern einschneidend ändern; im Hinblick auf den Konsum bestimmter Güter und Dienstleistungen und den Verbrauch von Energie.“ Zudem, ergänzte Meadows, gelte es, die vielen kleinen Entscheidungen des täglichen Lebens zu beeinflussen, um Veränderung auch in der Breite möglich zu machen: „Nachhaltigkeit ist nicht so sehr eine Frage der Produkte, die wir nutzen, sondern vielmehr unserer Einstellung.“ Weder die Industrie, noch die Wissenschaft oder die Politik alleine halten den Schlüssel zur Lösung der Probleme in der Hand. Nur ihre Zusammenarbeit verspricht Erfolg, wenn es darum geht, den Herausforderungen der Menschheit zu begegnen.