Machen Sie um Himmels willen das Licht aus!" Der ältere Mann hastet an seiner Sekretärin vorbei durch den Raum und klatscht dreimal kurz in die Hände. Die hellen Deckenleuchten erlöschen, gleichzeitig werden die dunkel getönten Panoramafenster transparent und geben den Blick auf Manhattan frei. "Schon wieder ein paar Kilowattstunden gespart", sagt er und sieht dabei sehr zufrieden aus. "Willkommen in meinem Büro."
Es war nicht leicht, bei Henry "the sniffer" Poiret einen Termin zu bekommen – schon gar nicht als Journalist, denn wenn der 70-jährige Ex-FBI-Wissenschaftler eines nicht ausstehen kann, dann Publicity. Poiret arbeitet lieber im Verborgenen, und vielfach unentdeckt sind auch die Übeltäter, die er aufspürt: Stromschleudern und Energieverschwender, Spritfresser und Klimakiller – kurzum alles, was zuviel Strom, Rohstoffe und andere Ressourcen verschlingt. Poiret ist Energiespar-Detektiv. In den letzten Jahren hat er sich mit spektakulären Fällen einen Namen gemacht. So etwa im Jahr 2020: Ohne ihn hätte es die Stadtverwaltung sicher nicht geschafft, ein nahezu CO2-neutrales Viertel auf die Beine zu stellen.
Oder erinnern Sie sich an vergangenen Sommer, als die gelben Taxis, die Yellow Cabs, in Manhattan dank Elektroantrieb endgültig grün geworden sind? Auch da hatte der alte Fuchs seine Finger im Spiel. Nun soll er einem europäischen Eisenbahnhersteller unter die Arme greifen: Der New Yorker Nahverkehrsbetreiber US Track möchte eine neue Generation umweltfreundlicher Hochgeschwindigkeitszüge in Dienst stellen. Deshalb hat US Track einen Wettbewerb ausgeschrieben – den Auftrag erhält das Unternehmen, dessen Lok, über die Lebensdauer gerechnet, die beste Ökobilanz und Energieeffizienz aufweisen kann. Die Europäer möchten natürlich unbedingt zum Zug kommen, und mit Poirets Hilfe rechnen sie sich die besten Chancen aus. Für unser Magazin hat sich der Meisterdetektiv Zeit genommen und will sogar exklusiv einen Blick in sein neues Labor gewähren.
"Bobby, geben Sie dem Jungen was zu trinken und fahren Sie das Labor hoch, wir gehen jetzt runter." Die Sekretärin drückt mir eine Tasse Kaffee in die Hand und schiebt mich in einen Aufzug am Ende des Raums. "Ich habe mir im Untergeschoss einen kleinen Arbeitsraum eingerichtet", erzählt Poiret. "Dort präsentiere ich auch Kunden ab und zu meine Ergebnisse. Mr. Watson erwartet uns bereits." Als sich die Aufzugstüren öffnen, schlägt mir lauter Fabriklärm entgegen: Wir befinden uns inmitten einer riesigen Montagehalle, überall arbeiten Schweißroboter an halbfertigen Zügen, die Luft schmeckt metallisch. "Watson", ruft Poiret, "stellen Sie sofort das Soundprogramm ab, das ist ja unerträglich."
Innerhalb von Sekunden verstummt das Getöse. Hinter einer Lokomotive huscht eine Gestalt hervor, die sonderbar transparent wirkt. "Gestatten, Virtual Watson", stellt der Energiespar-Spezialist vor. "Sie brauchen ihm nicht die Hand reichen, er könnte sie eh nicht schütteln – Mr. Watson ist ein Avatar, ein Hologramm, genauso wie die gesamte Halle. Eine ganz neue Technologie und nicht ganz billig." Poiret nimmt einen Schluck Kaffee. "Hier unten lässt sich die gesamte Lok-Produktion simulieren", erklärt er. "Die Daten hat mir zuvor der Eisenbahnhersteller überspielt. So kann ich etwa herausfinden, wo Energie und Rohstoffe verschwendet werden und wo die besten Hebel für Einsparpotenziale versteckt sind." Poiret zieht ein hauchdünnes faltbares OLED-Display aus der Tasche. "Aber nun an die Arbeit, wir sind hier ja nicht in einem Computerspiel. Watson, erklären Sie doch mal unserem jungen Freund, was wir herausgefunden haben."
"Sehr wohl, Sir. Wir haben die Europäer in unser Labor gebeten und mit ihnen zusammen noch während des Entwurfstadiums die simulierten Züge buchstäblich bis zur letzten Schraube auseinandergenommen. Dabei ist uns aufgefallen, dass die Konstrukteure vor allem Aluminiumbleche aus China verbauen wollen – qualitativ tadellos, für die Ökobilanz des Zuges allerdings eher ungünstig." Virtual Watson zupft seine perfekt simulierte Fliege zurecht. "Die Herstellung dieser Bleche ist sehr energieaufwändig. Und in China stammt der Strom zu einem großen Teil immer noch aus Kohlekraftwerken – die sind zwar in den letzten Jahren effizienter geworden, haben aber noch keine CO2-Speicherung integriert. Sie stoßen also noch relativ viel CO2 aus. Wir haben deshalb empfohlen, Aluminiumbleche aus Island und Norwegen zu verwenden. Dort stammt der Strom komplett aus regenerativen Energien wie Erdwärme und Wasserkraft. Das würde die Ökobilanz des Zuges erheblich verbessern."
Poiret nickt zustimmend und "blättert" auf seinem OLED-Display. "Wir hatten natürlich noch weitere Anregungen", erzählt der Energiespardetektiv. "Watson, zeigen Sie doch mal die vordere Antriebssektion." Der Avatar schlendert zu einer der Lokomotiven und berührt den Unterboden. Wie von Geisterhand wird der gesamte Zug durchsichtig. "Der Antrieb ist nicht nur getriebelos und hoch effizient. Er dient zugleich auch als Generator: Jedes Mal, wenn die Lokomotive bergab fährt oder bremst, gewinnt sie Bremsenergie. Den Strom speist sie zurück ins Netz oder verwendet ihn für ihre Bordsysteme – der Zug verbraucht also nicht nur elektrische Energie, sondern produziert sie auch."
Poiret bedeutet Watson in einen der Züge zu steigen. Der Assistent nimmt in einem Abteil Platz und zündet sich eine virtuelle Pfeife an. "Mr. Watson hat es sich im Prinzip gerade auf einem Komposthaufen gemütlich gemacht: Alle Sitzbezüge enthalten nicht nur keine Schadstoffe, sondern sie werden nach Gebrauch auch zu wertvollem Dünger", freut sich Poiret. "Theoretisch könnte man sie sogar essen. Der gesamte Zug ist übrigens komplett recycelbar und enthält keinerlei Gifte. Wir konnten alle Umweltsünder rechtzeitig entlarven."
Poiret tippt eine Tastenkombination in sein PDA. Langsam verschwindet die Produktionshalle, übrig bleibt nur ein kleiner weißer Raum – und Virtual Watson. "Hier muss ich auch noch was tun. Mein Holoraum schluckt leider ziemlich viel Strom", räumt er ein. "Mr. Watson herunterzufahren bringe ich aber einfach nicht übers Herz."
Florian Martini