Mit ihren umweltfreundlichen Hybrid-Antrieben für schwere Nutzfahrzeuge zielt die junge US-Firma ISE Corp. auf einen schnell wachsenden Markt. Siemens Venture Capital hat jetzt in das kalifornische Unternehmen investiert, das bereits seit längerem mit Siemens kooperiert.
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Die Luft ist zu dick geworden: Schon seit einigen Jahren setzt die US-Umweltschutzbehörde Environmental Protection Agency (EPA) bei schweren Nutzfahrzeugen wie Bussen und Lkws drastische Reduktionen der Emissionen von Stickoxiden und Feinstaub durch. Der besonders emissionsgeplagte Bundesstaat Kalifornien will zudem das Treibhausgas CO2 bis 2020 um 30 % verringern. Vom US-Präsidenten bekommt er jetzt Rückendeckung. Barack Obama kündigte bereits an, dass er spritsparende Fahrzeuge fördern und strengere CO2-Grenzwerte durchsetzen will.
Um solche Ziele gerade bei schweren Fahrzeugen wie Bussen oder Lkws umsetzen zu können, die einen hohen Treibstoffbedarf haben und häufig "Stop and Go" fahren, bietet das junge US-Unternehmen ISE eine umweltfreundliche Hybrid-Technologie an. Die ausgereiften Produkte und guten Marktaussichten haben auch die Manager von Siemens Venture Capital (SVC) überzeugt. Die Risikokapitalorganisation von Siemens investierte im November 2008 gemeinsam mit vier anderen Venture-Capital-Firmen 17,5 Mio. US‑$ in die 1995 gegründete Firma. Mit dem Geld sollen vor allem die weitere Produktentwicklung und der Vertrieb vorangetrieben werden.
Entkoppelter Verbrennungsmotor. Schon seit Jahren begleitet Siemens die Entwicklungsarbeit des inzwischen 136 Mitarbeiter starken Unternehmens. Für das ISE-Antriebssystem lieferte die Siemens-Division Drive Technologies zudem Elektromotoren und Umrichter. "Der serielle Hybrid-Antrieb von ISE ist dem herkömmlichen parallelen technisch überlegen", erklärt Gerd Götte, Managing Partner bei SVC, der im Aufsichtsrat von ISE sitzt. Der große Vorteil der ISE-Technologie: Der Verbrennungsmotor ist kleiner als in herkömmlichen Antrieben schwerer Nutzfahrzeuge, da er von der Antriebswelle entkoppelt ist. Er dient ausschließlich dazu, Strom für den Energiespeicher oder den Elektromotor zu produzieren, der das Fahrzeug antreibt. Er läuft immer in einem optimalen, effizienten Betriebszustand und stößt daher wenig Kohlendioxid aus.
Zusätzlich sorgt das ISE-System dafür, dass sich der Stromspeicher beim Bremsen des Fahrzeuges auflädt. Durch diese Bremsenergie-Rückgewinnung und den Einsatz leistungsfähiger Energiespeicher – wie die so genannten Ultracaps (Doppelschicht-Kondensatoren) – kann das Fahrzeug ohne Mehrleistung des Verbrennungsmotors kurzfristige Spitzenleistungen wie Anfahren oder Bergauffahren erbringen. "ISE hat wichtiges Know-how bei der Energiespeicherung und beim Energiemanagement", lobt SVC-Manager Götte.
Anders als im seriellen Hybrid-Antrieb von ISE verläuft die Arbeit eines Verbrennungsmotors im herkömmlichen, parallelen Hybrid-Antrieb weniger kontinuierlich, da er den erhöhten Energiebedarf decken muss. Hier schaltet sich der Verbrennungsmotor zeitweise direkt und mit hoher Dynamik neben dem Elektromotor zum Fahrzeugantrieb dazu. Das geht bei schweren Fahrzeugen wie Bussen, die viel "Stop and Go" fahren, zu Lasten von Treibstoff und Emissionswerten.
Ein weiterer Vorteil der ISE-Technologie: Die Firma kann ihr serielles Hybrid-Antriebspaket in Kombination mit verschiedensten Verbrennungsmotoren – ob Diesel, Benzin oder Brennstoffzelle – ausliefern. "ISE bietet das breiteste Produkt-Spektrum in der Industrie für einen deutlich wachsenden Markt", sagt Götte. Damit trifft ISE perfekt die Erwartungen von SVC: "Eine solche Investition soll einerseits Siemens den Zugang zu neuen Technologien eröffnen und andererseits auch eine gute Rendite erzielen", erklärt der Risikokapital-Spezialist.
Bus mit Brennstoffzelle. Rund 225 Busse fahren bereits mit dem ISE-Antrieb. Zu den Auftraggebern zählen 19 Transportagenturen, darunter die englische Gesellschaft "Transport for London". Sie will bis 2010 mindestens acht Busse mit Wasserstoff-Brennstoffzellenantrieb erwerben. Den Kern von ISEs erfolgreicher Technologie bildet die anpassungsfähige Steuerungssoftware, die das fein aufeinander abgestimmte Zusammenspiel von Verbrennungsmotor, Generator, Energiespeicher und Elektromotor dirigiert. Sie steuert einen Diesel-Hybrid-Antrieb ebenso wie die Benzin- oder Brennstoffzellen-Varianten.
Zudem sorgt die Software zusammen mit dem Ultra-E‑500-Energiespeicher-System für die hohe Energieeffizienz der ISE-Technologie. "Die Steuerungssoftware ermöglicht es, den maximalen Nutzen aus der Bremsenergie-Rückgewinnung zu ziehen, oder den Verbrennungsmotor immer automatisch auszuschalten, sobald das Fahrzeug anhält oder nur wenig Energie benötigt", erklärt Kevin Stone, Director of Engineering Applications bei ISE.
Die Wachstumsaussichten für effiziente, emissionsarme Hybrid-Technologien sind gut. "Allein der Markt für Hybridbusse dürfte in den nächsten Jahren um 50 % und mehr wachsen", schätzt SVC-Experte Götte. "Wir sehen nicht nur in den USA, sondern auch in Europa und Teilen Asiens verstärktes Interesse an der Hybrid-Technik." Davon dürfte ISE kräftig profitieren. Der Umsatz der Firma ist bereits seit 2006 um durchschnittlich 141 % pro Jahr gestiegen. Der Trend dürfte trotz des schwierigen wirtschaftlichen Umfelds weiter anhalten – die Auftragsbücher von ISE sind gut gefüllt. Es wird damit gerechnet, dass in naher Zukunft vor allem die Benzin-Variante starke Umsatzzuwächse verbuchen wird, denn sie kann die verschärften Anforderungen für den Ausstoß von Stickoxid und Feinstaub erfüllen, die im stark emissionsbelasteten Süden Kaliforniens schon jetzt verbindlich sind und 2010 USA-weit in Kraft treten.
Die hohe Umweltverträglichkeit der ISE-Antriebe ist auch für SVC wichtig. "Ökologische Investments haben für uns einen hohen Stellenwert", erklärt Götte, "denn Cleantech-Bereiche stellen für Siemens wichtige Wachstumsfelder dar. Bereits im Jahr 2008 hat Siemens mit Lösungen seines Umweltportfolios einen Umsatz von 19 Mrd. € gemacht, das ist etwa ein Viertel des Gesamtumsatzes." Ganz analog sind bereits 25 % des gesamten SVC-Risikokapitalvolumens von 800 Mio. € in Cleantech-Ideen wie ISEs Hybrid-Antrieb geflossen, Tendenz steigend. SVC zufolge dürften die Cleantech-Segmente auch während der Wirtschaftskrise weiter wachsen, da sie von einer besonderen Nachfrage profitierten: der Dringlichkeit, weltweite Infrastrukturprobleme schnell und umweltfreundlich zu lösen.