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Dr. Ulrich Eberl
Herr Dr. Ulrich Eberl
  • Wittelsbacherplatz 2
  • 80333 Munich
  • Germany
Dr. Ulrich Eberl
Herr Florian Martini
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"Ökobilanzen dienen der Wettbewerbsfähigkeit"
Prof. Stig Irving Olsen

Prof. Stig Irving Olsen (48) vom Lehrstuhl für quantitative Nachhaltigkeitsbewertung (Quantitative Sustainability Assessment) an der Technischen Universität Dänemark gehörte zum Wissenschaftler-Team, das Siemens bei der Bewertung des Corex-Verfahrens zur Roheisenherstellung beraten und unterstützt hat. Olsen gilt als weltweit anerkannter Fachmann im Bereich der Ökobilanzierung.

Was leistet eine Ökobilanzierung?

Olsen: Ihre Aufgabe besteht in der Erfassung aller Umweltbelastungen, die mit der Herstellung eines Produktes, einer Ware oder Dienstleistung verbunden sind. Es handelt sich um einen ganzheitlichen Ansatz, bei dem die ökologische Verträglichkeit aller Produktionsschritte – von der Gewinnung und Verarbeitung von Rohstoffen bis zur Entsorgung eines Produktes – erfasst und bewertet werden. Diesen Erkenntnisgewinn gilt es dann bei der Entwicklung neuer Produkte und Waren zu berücksichtigen.

Welche Fortschritte hat die Ökobilanzierung bis heute gemacht?

Olsen: Die Energiekrise in den frühen 1970er-Jahren war die Geburtsstunde der Ökobilanzierung, die dann aber nicht konsequent weiter verfolgt wurde. Mitte der 80er-Jahre bekundete die Verpackungsindustrie Interesse, allerdings mehr aus Marketinggründen, um sich gegenüber anderen Akteuren besser abzuheben und positionieren zu können. Damals wurde der methodische Ansatz naturwissenschaftlich ausgearbeitet und dann zwischen 1997 und 2000 durch ISO-Normen standardisiert. Inzwischen ist Ökobilanzierung in zahlreichen EU-Richtlinien enthalten, etwa in EC2002/96, der Richtlinie für Elektro- und Elektronik-Altgeräte.

Wo liegen die Grenzen der Methode?

Olsen: Eine sorgfältige Ökobilanzierung ist aufwändig und teilweise sehr schwierig. Besonders, wenn die einzelnen Glieder der Produktionskette und die Entsorgung nur unzureichend hinsichtlich ihrer ökologischen Auswirkungen charakterisiert sind. Immer kürzere Zeitzyklen für hochtechnologische Industriegüter stellen eine große Herausforderung dar, weil sich die Produktionstechnologien rasant ändern. Die chemische Industrie ist ein weiteres Beispiel. Dort sind die komplexen Reaktionsabläufe von Chemikalien oft nur unzulänglich dokumentiert und daher bilanztechnisch schwer zu berücksichtigen.

Können Sie einige Beispiele für den Einsatz von Ökobilanzen nennen?

Olsen: Ökobilanzierung findet man heutzutage in fast allen Industriebereichen, von Rohstoff verarbeitenden Sektoren über den Konsumgüterbereich bis zur Abfallentsorgung. Auch für Stoffe wie Stahl, Aluminium und Plastik lässt sich eine Ökobilanz aufstellen. Prinzipiell können nahezu alle Produkte nach Kriterien der Umweltverträglichkeit bilanziert werden. Dies gilt auch für komplexe Produktionsabläufe wie bei der Landwirtschaft oder der Fleischherstellung – hier muss man auch die dazugehörige Rohstofferzeugung, etwa für Futtermittel, mit berücksichtigen. Ebenso ist die Petrochemie mit ihren Raffinerieprozessen eine Kandidatin für die Ökobilanzierung.

Wie gestaltete sich die Zusammenarbeit mit Siemens?

Olsen: Unser Lehrstuhl hat umfangreiche Erfahrungen mit europäischen Unternehmen. Viele Projekte waren allerdings akademischer Natur. Das heißt, die Projekthoheit lag bei der Universität, aber die Ergebnisse wurden in den Firmen nicht notwendigerweise auch umgesetzt. Bei Siemens war von Anfang an klar, dass die Forschungsergebnisse in das unternehmenseigene Umweltschutzprogramm einfließen würden und umgesetzt werden. Außerdem legte Siemens großen Wert darauf, dass die Resultate praxistauglich sind.

Was haben Sie aus der Zusammenarbeit gelernt?

Olsen: Das Ziel war, einen Rahmen für Siemens zu schaffen, damit das Unternehmen die Umweltverträglichkeit von Produkten und Produktionsabläufen verbessern kann. Hierzu mussten die Bilanzierungsmethoden so angepasst werden, dass sie von Siemens gut eingesetzt werden konnten. Zudem musste sich die Bilanzierung für das Corex/Finex-Verfahren eignen, das wir für Siemens exemplarisch untersucht haben: Natürlich konnte Siemens dabei seine technischen Prozesse nicht unserer Methodik anpassen, wir mussten uns vielmehr dem Produktionsprozess unterordnen. Als externe naturwissenschaftliche Berater können wir nur unsere Ideen und Expertise zur Verfügung stellen, für die Umsetzung war das Siemens-Management zuständig. Allerdings wollten wir nicht für einen Bericht arbeiten, der nach Ende des Projekts in einem Regal vor sich hinstaubt. Für uns war wichtig, das Bewusstsein der Siemens-Mitarbeiter für die Ökobilanzierung zu schärfen.

Unterscheiden sich die Anforderungen der Industrie von denen in öffentlichen Einrichtungen oder im universitären Bereich?

Olsen: Klar ist, dass Industrieunternehmen profitabel arbeiten müssen. Sie haben ein Interesse daran, mit Hilfe der Ökobilanzierung auch ihre Attraktivität bei Kunden und öffentlichen Auftraggebern zu erhöhen. Die Ökobilanzierung führt nicht nur zu einer verbesserten Umweltverträglichkeit von Produkten und deren Herstellungsprozessen. Sie schärft auch das Umweltbewusstsein der Konsumenten. Und sie hilft Einsparpotenziale beim Ressourcen- und Energieverbrauch zu identifizieren. Bei Universitäten steht generell das akademische Interesse, also die Forschung, im Vordergrund. Für die Politik und den öffentlichen Sektor ist die Ökobilanzierung ein wichtiges Werkzeug: Sie können Firmen zu grüner und nachhaltiger Produktion und effizientem Energieverbrauch ermutigen.

Welche Zukunft hat die Ökobilanzierung?

Olsen: Die Ökobilanzierung entwickelt sich immer mehr zu einem Instrument, mit dessen Hilfe umweltpolitische Direktiven in der EU und in anderen Teilen der Welt sanft umgesetzt werden. Sie unterstützt das zunehmende Interesse an einer nachhaltigen Lebensweise durch konkrete Daten und Fakten. Im Gegensatz zum CO2-Fußabdruck, der in erster Linie die Kohlendioxid-Emission berücksichtigt, ist die Ökobilanz ganzheitlich angelegt. Sie erfasst alle die Umwelt beeinträchtigenden Stoffe. Industrie und Wirtschaft haben die Zeichen der Zeit erkannt und nutzen inzwischen die Ökobilanzierung nicht nur zur Produktoptimierung, sondern auch um Schwachstellen in der Fertigung zu beheben. Die Europäische Kommission erstellt derzeit ein Handbuch mit Richtlinien und Datensätzen, das als universeller Leitfaden für möglichst viele Industriebereiche dienen soll. Diese Maßnahme soll sowohl das Vertrauen in die Bilanzierungsverfahren als auch die Akzeptanz der Industrie erhöhen. Die Klimadebatte hat das Bestreben der Industrie, CO2 zu reduzieren und CO2-neutrale Produkte herzustellen, mächtig angeheizt – doch die ausschließliche Konzentration auf CO2 wird einem möglichst umweltverträglichen Leben nicht gerecht. Denn dabei bleibt etwa das toxische Risiko vieler chemischer Substanzen unberücksichtigt. Es besteht die Gefahr, eine möglichst geringe CO2-Emission mit einer guten Umweltverträglichkeit gleichzusetzen. Dieser Tendenz gilt es, rechtzeitig entgegenzuwirken.

Das Interview führte Evdoxia Tsakiridou