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Dr. Ulrich Eberl
Herr Dr. Ulrich Eberl
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"Über die einfachen Dinge nachdenken"
Dr. Rajendra K. Pachauri

Dr. Rajendra K. Pachauri (68) ist Vorsitzender des Weltklimarats der Vereinten Nationen, des Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC). Für seine Arbeit hat er mit dem früheren US-Vizepräsidenten Al Gore 2007 den Friedensnobelpreis erhalten. Seit 1981 ist Pachauri gleichzeitig Generaldirektor von The Energy & Resources Institute (TERI), einer globalen Organisation, die sich auf umwelttechnische Nachhaltigkeit spezialisiert hat. Der studierte Wirtschaftsingenieur und Ökonom war Mitglied des Wirtschaftsrats sowie des Energierats des indischen Premierministers und Senior-Berater für das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen.

Welchen Umweltbedrohungen sieht sich Indien besonders ausgesetzt?

Pachauri: Ich sehe Indien mit mehreren Gefahren konfrontiert, beispielsweise die Verschlechterung unserer Böden, die Wasser- und Luftverschmutzung, die Entwaldung oder der Verlust der biologischen Vielfalt. All das wird durch den Klimawandel weiter verstärkt und wird alle Wirtschaftssektoren und Bevölkerungsgruppen betreffen.

Was unternimmt Indien dagegen?

Pachauri: Wir haben eine strenge Gesetzgebung, viele regierungsunabhängige Organisationen und eine sehr aktive Presse. Umweltsünden ziehen viel Aufmerksamkeit auf sich. Doch in der praktischen Umsetzung und Koordinierung umweltfreundlicher Maßnahmen waren wir bislang leider nicht sehr erfolgreich. Viele unserer Behörden weisen noch Schwachstellen auf, so dass die Gesetze nicht so effektiv durchgesetzt werden können wie gewünscht.

Viele Länder wollen ihre CO2-Emissionen unter das Niveau von 1990 drücken. Sollte Indien auch etwas in dieser Richtung unternehmen?

Pachauri: Was eine derartige CO2-Regulierung betrifft, hat Indien sich keine Ziele gesetzt. Mit Blick auf die jährlichen Pro-Kopf-Emissionen könnten wir uns auch nur schwer welche auferlegen. Denn während ein Inder im Durchschnitt gerade mal 1,1 t CO2 pro Jahr verursacht, sind es bei einem US-Bürger über 20 t. Die Industrieländer haben das Klima-Problem ja erst geschaffen. Wenn sie nicht einen ersten Schritt in Richtung eines langfristigen Klimaschutzes machen, glaube ich nicht, dass es für Entwicklungsländer wie Indien, wo 400 Millionen Menschen noch keinen Zugang zu Elektrizität haben, irgendeine Basis für Reduktionsziele geben kann. Das wäre unethisch und ungerecht. Das heißt aber nicht, dass Indien nichts unternimmt, nur liegt unser Fokus auf der lokalen Verringerung der Umweltverschmutzung.

Trotzdem muss Energieeffizienz auch im Interesse Indiens sein…

Pachauri: Sicher. Wir haben ein ernstes Problem mit Energieengpässen. Wenn man Energie effizienter nutzen kann, ist mehr davon verfügbar.

Kann ein Unternehmen wie Siemens auf irgendeine Art helfen?

Pachauri: Als einer der weltweiten Technologieführer kann Siemens auf jeden Fall etwas tun. Wichtig ist es, mit lokalen Partnern zusammenzuarbeiten, damit die Technologien auf die Bedürfnisse Indiens zugeschnitten werden und breit eingesetzt werden können. Unternehmen wie Siemens sollten auch gemeinsam mit unserer Regierung Richtlinien für energieeffiziente Lösungen erarbeiten.

Auf welchen Technologien sollte der Schwerpunkt liegen?

Pachauri: Erneuerbare Energien bieten hier ein riesiges Potenzial. Mein Institut arbeitet in Delhi mit einer Investorengruppe an der Entwicklung einer großen Solarthermie-Anlage – mit einer Leistung von 3.000 bis 5.000 MW. Für solche Projekte kann Siemens eine Menge beitragen. Wir haben außerdem das Programm "Lighting a Billion Lives" ins Leben gerufen, an dem Siemens mit seiner Lichttochter Osram beteiligt ist. In diesem Projekt haben wir uns zum Ziel gesetzt, eine Lösung für die weltweit 1,6 Milliarden Menschen zu schaffen, die keinen Zugang zur Elektrizität haben. So haben wir eine Solar-Laterne und eine solarbetriebene Ladestation für Dörfer entwickelt, wo die Menschen ihre Laternen tagsüber aufladen können.

Wo wird Indien Ihrer Meinung nach in 20 Jahren stehen?

Pachauri: Ich hoffe, dass Indien in den nächsten Jahren seinen Fokus verstärkt auf die erneuerbaren Energien legt, denn wir verfügen über genügend Wind, Sonne und Biomasse. Zusätzlich wünsche ich mir, dass mehr Forschung und Entwicklung im Sinne des Umweltschutzes betrieben wird – zum Beispiel darüber, wie sich landwirtschaftliche Reststoffe in großen Mengen in flüssige Brennstoffe verwandeln lassen. Mein Institut arbeitet derzeit an einem solchen Projekt, in dem wir die Jatropha- Pflanze zur Herstellung von Biodiesel nutzen. Diese Pflanze wächst auch auf degeneriertem Boden, braucht nur wenig Feuchtigkeit und wirkt sich nicht negativ auf die Nahrungsmittelproduktion aus. Meine Vision der Zukunft ist, dass sich Indien schnell auf die verstärkte Nutzung erneuerbarer Energien zubewegt und gleichzeitig auch die Herausforderung annimmt, elektrischen Strom für Millionen der ärmsten Menschen verfügbar zu machen.

Was muss die Gesetzgebung dafür tun?

Pachauri: Selbstverständlich werden wir Steuervergünstigungen und Mehrabgaben brauchen, um diese Ziele zu erreichen. Ein erster Schritt war hier eine Studie zur Fahrzeugsteuer, die wir für das indische Finanzministerium erstellt haben und die zum großen Teil auch schon umgesetzt wurde: Jetzt unterscheidet sich die Besteuerung von kleinen und großen Autos erheblich. Bei energieeffizienten Gebäuden hat mein Institut eine Vorreiterrolle. So braucht etwa eines unserer Gebäude, ein großer Schulungskomplex, überhaupt keinen Strom aus dem öffentlichen Netz. Während ein Tunnelsystem unter dem Gebäude eine konstante Temperatur garantiert, führt ein so genannter Solarkamin heiße Luft aus den Räumen der Südseite ab. Solche intelligenten Maßnahmen zum Energiesparen müssen in der Bevölkerung noch weit mehr kommuniziert werden. Zum Beispiel, dass der Bau von energieeffizienten Gebäuden auch wirtschaftlich sinnvoll ist. Wir müssen unser Steuersystem neu ausrichten, um nachhaltiges Denken auch langfristig zu verankern.

Welche Rolle spielt das Internet dabei?

Pachauri: Zum Glück arbeitet die Regierung mit Hochdruck daran, immer mehr Menschen in Indien das Internet zugänglich zu machen. Doch wenn man an all die Menschen denkt, die noch nicht einmal Zugang zur Elektrizität haben, ist das alles andere als einfach. Ohne Strom keine Internetnutzung, also brauchen wir in solchen Gebieten intelligente Lösungen zur Energieerzeugung. Auch hier kann wieder ein Unternehmen wie Siemens ins Spiel kommen: Mit Technologien für erneuerbare Energien, die sich dezentral nutzen lassen und so das Internet auch für den Großteil der Bevölkerung zugänglich machen.

Was kann jeder Einzelne für die Umwelt tun?

Pachauri: Eine Möglichkeit, durch die viele etwas bewegen können, ist simpel: weniger Fleisch essen. Denn die Fleischproduktion hat einen sehr hohen Energieverbrauch, nicht nur in Indien. Laut einer Studie der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen ist die Nutzviehhaltung für über 18 % der weltweiten Treibhausgas-Emissionen verantwortlich. Also sage ich: Esst weniger Fleisch. Darüber hinaus müssen wir auch über die kleinsten Verhaltensänderungen nachdenken, beispielsweise, das Licht auszuschalten, sobald man den Raum verlässt. Oder manche Wege einfach zu Fuß oder mit dem Fahrrad zu erledigen, statt mit dem Auto.

Welche Empfehlungen haben Sie für die neue US-Regierung?

Pachauri: Ich würde Präsident Obama nur darum bitten, die Versprechen zu halten, die er gegeben hat. Das wird nicht leicht sein. Wenn er es aber schafft, werden die USA auf einem guten Weg sein, wichtige Verbesserungen für ihre eigene Bevölkerung, aber auch gleichzeitig auf globaler Ebene zu erreichen.

Das Interview führte Arthur F. Pease