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Dr. Ulrich Eberl
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"Klimaschutz ist kein Luxus für gute Zeiten"
Professor Ottmar Edenhofer

Professor Ottmar Edenhofer (47) hat Wirtschaftswissenschaften und Philosophie studiert und ist stellvertretender Direktor sowie Chefökonom des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung. Zudem hat er den Lehrstuhl für "Ökonomie des Klimawandels" an der Technischen Universität Berlin inne. Seit September 2008 ist er einer der Vorsitzenden des Weltklimarats IPCC (Intergovernmental Panel on Climate Change). Dort leitet er in den kommenden sieben Jahren die Arbeitsgruppe III, die sich mit Maßnahmen zur Eindämmung des Klimawandels beschäftigt. Prof. Edenhofers besonderes Interesse gilt dem Einfluss von technischem Wandel auf die Kosten und Strategien des Klimaschutzes sowie den politischen Instrumenten für Klima- und Energiepolitik.

Wir kämpfen derzeit mit zwei Krisen gleichzeitig: der Wirtschafts- und der Klimakrise. Ist das nur Zufall oder sehen Sie Parallelen?

Edenhofer: Es gibt auf jeden Fall eine Parallele: Beide sind Nachhaltigkeitskrisen. Nachhaltigkeit lässt sich in einem Imperativ formulieren: Handle so, dass Du die Grundlagen Deines Handelns auf Dauer und im Ganzen nicht zerstörst! In der Finanzkrise hat der Bankensektor seine eigene Geschäftsgrundlage zerstört.

Waren die Menschen zu gierig?

Edenhofer: Vielleicht, aber entscheidender war, dass der Bankensektor weltweit falsch reguliert war, so dass die Gier nicht gestoppt werden konnte. Die Betonung des Shareholder Value hat die Zeithorizonte der Investoren immer weiter verkürzt. Hinzu kam speziell für die USA, dass die Zentralbank die Dotcom-Blase in eine Hypotheken-Blase transferiert hat. All dies hat die Grundlagen der Wirtschaft vernichtet – und in der Klimakrise sind wir dabei, unsere Lebensgrundlagen zu zerstören.

Entspringen daher beide Krisen der menschlichen Kurzsichtigkeit?

Edenhofer: Ich würde eher von einer institutionellen Kurzsichtigkeit sprechen. Das System erlaubt keine längeren Zeithorizonte – das ist das Entscheidende. Jeder Manager muss die Anforderungen des Kapitalmarkts und seiner Aktionäre erfüllen. Den Glauben, man könne das Problem über Appelle an die individuelle Ethik allein kurieren, halte ich für völlig naiv.

Die Politik will neue Rahmenbedingungen für den globalen Finanzmarkt. Welche Regeln müsste sie für einen besseren Umgang mit dem Klima festlegen?

Edenhofer: Vor allem brauchen wir einen globalen Emissionshandel mit zwei Grundvoraussetzungen: Erstens eine Übereinkunft zwischen den Staaten, dass die Emissionen von Treibhausgasen bis 2050 gegenüber dem Niveau von 1990 um die Hälfte sinken müssen. Dann würden wir die Klimaerwärmung mit einer Wahrscheinlichkeit von 80 % auf zwei Grad begrenzen. Der Emissionshandel führt dazu, dass das CO2 dort vermieden wird, wo dies am kostengünstigsten geht. Darüber hinaus brauchen wir zweitens ein Konzept der Fairness: Wir müssen die Emissionsrechte gerecht auf die Länder verteilen. Aus meiner Sicht gibt es hier einen fairen Vorschlag: Bis 2050 sollen die Rechte so umverteilt werden, dass jeder Erdenbürger das gleiche Recht auf Emissionen hat – beispielsweise zwei Tonnen pro Kopf und Jahr.

Werden die Entwicklungsländer das akzeptieren? Schließlich sind es ja vor allem die reichen Staaten, die bislang das Klima belasten – mit 19 t pro Kopf und Jahr in den USA und 8 t in der EU. China liegt auch schon bei 2 bis 3 , und Indien bei 1,5 t pro Kopf.

Edenhofer: Hier wird es noch erhebliche Verteilungskonflikte geben, weil die Entwicklungsländer auch die historischen Emissionen anrechnen wollen. Wichtiger ist aber, dass wir uns darauf verständigen, dass wir in der Atmosphäre nur noch einen begrenzten Raum für weiteres CO2 zur Verfügung haben, der halbwegs gerecht verteilt werden muss. Danach müssen wir die kohlenstofffreie Weltwirtschaft erreichen. Wenn wir die dazu nötigen Innovationen entwickeln, können wir auch den Verteilungskonflikt viel leichter lösen.

Werden wir uns einschränken müssen?

Edenhofer: Nein, aber nur, wenn es gelingt, das Wirtschaftswachstum von den Emissionen zu entkoppeln. Dafür müssen aber die Preise die richtigen Anreize setzen – das ist genau die Aufgabe des Emissionshandels.

Also keine neue Bescheidenheit?

Edenhofer Man sollte niemanden daran hindern, bescheidener zu werden. Aber ich denke, dass die Weltwirtschaft auch künftig mit 2 bis 3 % pro Jahr wachsen kann. Denn es gibt keinen Grund, warum Wirtschaften nur wachsen könnten, wenn sie mehr Energie verbrauchen. In den letzten 150 Jahren ist die Arbeitsproduktivität stärker gestiegen als die Energieproduktivität. Diese Relation müssen wir nun umdrehen.

Welchen technischen Fortschritt brauchen wir für die CO2-freie Wirtschaft?

Edenhofer: Mehr Energieeffizienz, die Abscheidung und Speicherung von CO2, eine Förderung der erneuerbaren Energien, einen moderaten Ausbau der Kernenergie sowie die Entwicklung moderner Kernkraftwerke.

Das klingt wie ein riesiges Konjunkturprogramm. Können wir uns durch mehr Klimaschutz aus der Wirtschaftskrise befreien?

Edenhofer: Das könnten wir in der Tat. Wichtig ist, dass wir die Wirtschaft jetzt mit Investitionen ankurbeln, die auch langfristig sinnvoll sind. Daher brauchen wir den Emissionshandel mit einem klaren Preissignal für CO2 – und es sollten alle Treibhausgas-produzierenden Sektoren einbezogen sein. Nicht nur der Stromsektor und die energieintensive Industrie, sondern vor allem auch Gebäude und Autos. Hier gibt es viele Möglichkeiten, die überhaupt nichts kosten, sondern durch Energieeinsparungen sogar noch Erträge bringen.

Funktioniert der Emissionshandel denn wenigstens in den Bereichen, wo es ihn schon gibt?

Edenhofer: Wir sind hier nicht schlecht aufgestellt. Im Strombereich werden die Emissionen sicher sinken. Aber auch hier gibt es ein Nachhaltigkeitsproblem: Die Investoren brauchen ein Signal, dass die Emissionen nach 2020 noch weiter sinken müssen – das sehe ich als Aufgabe der Klimakonferenz in Kopenhagen im Dezember 2009.

Bei der Klimadiskussion geht es um ähnliche Begriffe wie im Finanzbereich, etwa Zertifikate. Sind die Systeme strukturell so ähnlich?

Edenhofer: Ja. Wir werden irgendwann auch eine Klimazentralbank benötigen, die den Markt für CO2-Zertifikate steuern und Spekulationsblasen verhindern muss – das ist ähnlich dem, was eine Zentralbank im Finanzbereich macht. Für den globalen Emissionshandel könnte unter Führung der USA zusammen mit Europa ein transatlantischer Kohlenstoffmarkt entstehen, wie ihn die EU im Januar 2009 vorgeschlagen hat. Die Chancen dafür sind derzeit gut. Dies wäre auch ein Signal in Richtung Indien und China. Denn wir brauchen die großen aufstrebenden Länder, weil wir dort CO2 viel günstiger vermeiden können als in Deutschland, wo die Kraftwerke ohnehin schon einen hohen Effizienzstandard haben.

Aber wie kann man die BRIC-Staaten davon überzeugen? Die haben ja wirtschaftlich einiges aufzuholen.

Edenhofer: China und Indien sind sich wohl bewusst, dass sie künftig nicht nur die größten Emittenten, sondern auch die Hauptleidtragenden des Klimawandels sein werden. Viele große Städte liegen dort an Küsten, wo ein Anstieg des Meeresspiegels sehr gefährlich werden könnte. Zudem brauchen diese Länder neue Technologien, um mit den großen lokalen Problemen der Kohlenutzung fertig zu werden. Wir sind ja mitten in einer weltweiten Renaissance der Kohle. Vor diesem Hintergrund ließe sich ein gutes Paket schnüren – etwa mit Kraftwerken, die CO2 abtrennen, das dann gespeichert wird.

Sie sind Mitglied im Weltklimarat IPCC und erleben die globale Klimapolitik hautnah mit. Ist es realistisch, dass sich die Menschheit auf ein vernünftiges Konzept einigt?

Edenhofer: Wir können uns keine Katastrophe leisten. Wenn der Klimawandel sichtbar und spürbar wird, ist es zu spät. In den nächsten zehn Jahren müssen wir ein Abkommen schaffen, das zumindest die sechs wichtigsten Hauptemittenten für Treibhausgase umfasst. Vielleicht ist die Wahrscheinlichkeit nicht sehr hoch, dass die Menschen vernünftig werden. Aber bei historischen Herausforderungen darf man nicht nach Wahrscheinlichkeiten fragen, sondern nach Notwendigkeiten.

Klimaschutz ist also kein Luxus für gute Zeiten?

Edenhofer: Nein. Wer das behauptet, hat das Einmaleins der Ökonomie nicht verstanden. Das wäre, als wollten wir zwar eine Marktwirtschaft haben, aber nur in guten Zeiten dürfen die Preise die Knappheit der Güter zum Ausdruck bringen. Daran ist schon mal ein System gescheitert – in der sowjetischen Planwirtschaft gab es immer einen Grund, Subventionen fortzuführen. Durch die langfristige Verzerrung der Preise war das System dem Untergang geweiht. Auch der Speicherplatz für CO2 in der Atmosphäre ist ein knappes Gut. Umweltschutz ist kein Luxus, sondern es geht darum, Preissysteme zu implementieren, die die Knappheit zum Ausdruck bringen.

Das Interview führte Christian Buck