Das indische IT-Unternehmen Infosys Technologies Ltd. aus Bangalore erzielte im Jahr 2008 mit über 100.000 Mitarbeitern einen Umsatz von 4 Mrd. US‑$. Der Mitbegründer und Geschäftsführer Dr. Nandan Nilekani (54) ist eine Schlüsselfigur für den wirtschaftlichen Aufstieg Indiens. 2006 wurde er vom Time-Magazin in die Liste der 100 einflussreichsten Menschen der Welt aufgenommen. Er ist unter anderem Gründungsmitglied des Weltwirtschaftsforums und Mitglied des Direktoriums des Indian Institute of Technology (IIT) sowie Autor des Buchs "Imagining India, Ideas for the New Century".
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Wie hat die Informationstechnologie (IT) Indien beeinflusst?
Nilekani: Vor 30 oder 40 Jahren wurde die IT noch als Job-Killer betrachtet. Heute ist sie aus unserer Gesellschaft nicht mehr wegzudenken. Nehmen Sie etwa Mobiltelefone, von denen in Indien 90 % Prepaid-Handys sind, die hauptsächlich von Menschen genutzt werden, die weniger als 2.000 $ im Jahr verdienen. IT hat viele Schlüsselbereiche unserer Wirtschaft verändert, so auch unsere Börsen, die dank des effektiven Einsatzes von IT heute zu den modernsten der Welt zählen. Und Indien ist das einzige große Land, in dem alle Wählerstimmen – über 400 Millionen in einer landesweiten Wahl – elektronisch abgegeben werden.
Welche Bereiche wird die IT in Zukunft in Indien verändern?
Nilekani: Das Gesundheitswesen und die Energieverteilung zum Beispiel – zwei Felder, in denen auch Siemens strategisch gut positioniert ist. Im Gesundheitswesen wird sich meiner Meinung nach das Nabe-Speichen-Prinzip durchsetzen. Damit meine ich, dass dank fortschrittlicher IT von einer Zentrale aus exzellente Diagnosemöglichkeiten auch für Patienten zur Verfügung gestellt werden können, die sich weit entfernt, also am anderen Ende der Speichen befinden. Nicht-spezialisierte Dienstleister können auf diese Weise einen viel besseren Service bieten, etwa mit medizinischen Kommunikationsplattformen wie ReMeDe oder Remote Medical Diagnostics, die in Indien derzeit getestet werden. Die Systeme kombinieren Video/Audio-Konferenzen – auch bei geringer Übertragungsbandbreite – mit einem Netzwerk aus Kliniken und Apotheken und könnten auch elektronische Patientenakten einbeziehen. Bei der Energieerzeugung und -verteilung wird das gleiche Konzept zum Einsatz kommen, nur umgekehrt. Ein Beispiel: Anstatt ein 500-MW-Kohlekraftwerk zu bauen, könnte es günstiger sein, in 500 1-MW-Kraftwerke auf Basis von Solar-, Biomasse-, Biogas- oder Windenergie zu investieren. Doch wenn das Netz mit regenerativem Strom gespeist wird, muss es auch intelligent genug sein, um etwa bei Lastschwankungen adäquat reagieren zu können. Auch hier ist die IT der Schlüssel. Ich denke, was heute in der Energieerzeugung geschieht, ist ungefähr mit der Entwicklung vom klobigen Großrechner zum kleinen Home-PC zu vergleichen.
Glauben Sie, dass die IT auch eine Rolle bei der Integration von Fahrzeugen in intelligente Stromnetze spielen wird?
Nilekani: Ja, mit Sicherheit. Aber dazu werden wir ein neues Versorgungsnetz brauchen: Batterien, die schnell ausgetauscht werden können, Aufladestationen, Elektroautos und ein Stromnetz mit geringem CO-Ausstoß. Dabei muss das Netz, wie schon erwähnt, intelligent sein und die Energieerzeugung dezentralisiert. Wird unsere Elektrizität erst einmal CO2-arm erzeugt, beginnt der Massenmarkt für Elektro- oder Hybridautos. Zusätzliche Energie kann über Biobrennstoffe der zweiten Generation, zum Beispiel aus landwirtschaftlichen Abfällen, generiert werden. Mit diesem Paradigmenwechsel aus Smart Grid und CO2-armer Energieerzeugung schaffen wir gleichzeitig ein völlig neues Wirtschaftssystem, in dem jedes Dorf über ein eigenes Mikro-Versorgungsnetz mit eigener Biobrennstoffanlage, Solaranlage und Turbinen verfügt. All das schafft Arbeitsplätze und wirtschaftlichen Wohlstand.
Was unternimmt Ihr eigenes Unternehmen, um die Umwelt zu schützen?
Nilekani: Bei Infosys gestalten wir unsere Neubauten so grün und nachhaltig wie möglich, um den Energieverbrauch drastisch zu reduzieren. So achten wir darauf, den Passivhausstandard zu erreichen oder die Gebäude so auszurichten, dass möglichst viel Tageslicht genutzt werden kann. Außerdem investieren wir in die biologische Vielfalt, indem wir auf unseren Grundstücken vielerlei Pflanzenarten kultivieren – damit geben wir dem Begriff Business Park eine neue Bedeutung. Darüber hinaus möchten wir in Zukunft verstärkt Regenwasser nutzen sowie verbrauchtes Wasser neu aufbereiten und wiederverwenden. Ein interessantes Energiesparkonzept, das wir jetzt auf unseren Grundstücken umsetzen, ist die Vernetzung der Straßenlaternen, von denen jede eine eigene IP-Adresse hat. Dadurch können sie koordiniert auf die lokalen Beleuchtungsbedürfnisse reagieren. Stellen Sie sich vor, dass die Laternen, wenn Sie eine Straße entlang gehen oder fahren, vor Ihnen aufleuchten und hinter Ihnen wieder erlöschen. Genau das ist die Idee. Je intelligenter die Systeme werden, desto feiner und flexibler können wir die Effizienz optimieren.
Können Sie mit einer solchen Vision Geld verdienen?
Nilekani: Natürlich. Beispielsweise können wir Energiemangementsysteme für ganze Städte verkaufen. Oder die Verwaltung des Netzwerks von Straßenlaternen mit IP-Adressen übernehmen. Heute geben Städte Geld dafür aus, dass ihre Straßen die ganze Nacht voll beleuchtet sind, egal ob jemand dort ist oder nicht – das ist alles andere als intelligent. Zukünftig könnten sie ihre Laternen einzeln steuern und so erheblich Energie und Kosten sparen.
In Ihrem Buch schreiben Sie, dass eine große Bevölkerung von Vorteil sein kann. Wie ist das gemeint?
Nilekani: Zum einen meine ich damit, dass Indiens Stärke aus dem Volk kommt – Menschen sind in der Tat Humankapital. Zum anderen profitiert Indien von einer demografischen Dividende. Es ist das einzige bedeutende Land der Welt mit einem größeren Bevölkerungsanteil im erwerbstätigen Alter, also zwischen 15 und 65 Jahren, als darunter oder darüber. Das bedeutet, dass das Verhältnis zwischen denen, die arbeiten, und denen, die Unterstützung benötigen, in Indien sehr positiv ist. Demografisch gesehen sollten die nächsten 30 Jahre ein goldenes Zeitalter für uns werden, denn unter den großen Staaten sind wir das einzige junge Land in einer alternden Welt. Ich sage also nicht, dass eine große Bevölkerung per se gut ist, sondern, dass Indiens aktuelle demografische Lage strategisch von großem Vorteil ist.
Sie sind bezüglich Indiens Zukunft sehr zuversichtlich.
Nilekani: Nennen wir es verhalten optimistisch. Die globalen Faktoren sprechen für uns, zum Beispiel die eben erwähnte Demografie. Außerdem hat Indien eine starke Entrepreneur-Kultur und so viele Unternehmer wie kaum ein anderes Land. Wir verfügen über Technologien, die in Zukunft global eine große Rolle spielen werden. Die Bevölkerung spricht Englisch, die weltweite Geschäftssprache. Und schließlich ist Indien eine demokratische Gesellschaft, in der der Informationsfluss nicht gehemmt wird. Im Gegensatz zu vielen anderen Ländern ist es für uns deshalb einfacher, die richtige Richtung einzuschlagen.