Der Chemiker Michael Braungart, (51) ist Professor für Verfahrenstechnik an der Universität Lüneburg und leitet das von ihm gegründete Umweltforschungsinstitut Epea in Hamburg. Der ökologische Vordenker entwickelt gemeinsam mit kleinen Unternehmen und Weltkonzernen Produkte, die keine Schadstoffe enthalten und sich komplett kompostieren oder weiter verwenden lassen. Er wurde 2003 mit dem "Presidental Green Chemistry Award" der amerikanischen Umweltbehörde EPA ausgezeichnet und wird unter anderem von Filmregisseur Steven Spielberg unterstützt. Ein Dokumentarfilm über Braungarts Arbeit könnte schon bald in die Kinos kommen.
- Text Size
- Share
- Print this page
Sie entwickeln umweltfreundliche Produkte, halten aber nichts vom Konzept der Nachhaltigkeit. Warum?
Braungart Das konventionelle Verständnis von Nachhaltigkeit ist langweilig. Es geht immer nur darum, zu reduzieren, zu minimieren und zu sparen. Das heißt, alles wie bisher zu machen, nur eben weniger schlecht. Doch weniger schlecht ist noch lange nicht gut. Ich setze lieber auf intelligente Verschwendung. Statt weniger Schädliches sollten wir Nützliches entwickeln.
Wie soll das gehen?
Braungart: Das ist gar nicht so schwer, wenn man erst einmal das Wort Abfall aus dem Kopf bekommen hat. Nehmen Sie die Natur als Vorbild: Alle Ameisen verbrauchen soviel Energie wie 30 Milliarden Menschen, produzieren dabei aber ausschließlich Biomasse und überhaupt keinen Müll. Das können wir auch, wenn wir Produkte für einen ewigen Kreislauf schaffen. Das Konzept dahinter heißt Cradle-to-Cradle, also von der Wiege zur Wiege. Dabei gehen keine wertvollen Rohstoffe verloren und können immer wieder neu eingesetzt werden. Und die Erfahrung zeigt, dass es auch funktioniert: Epea zeichnet jedes Jahr wieder neue Produkte mit Cradle-to-Cradle-Zertifikaten aus.
Zum Beispiel?
Braungart: So können Sie heute Cradle-to-Cradle-Teppichböden kaufen, die nicht nur schadstofffrei sind, sondern die Luft sogar noch von Feinstaub befreien. Wir arbeiten auch an einem Beton, der die Luft säubern kann. Oder nehmen Sie die neuen Cradle-to-Cradle-Sitzbezüge für den Airbus 380. Sie enthalten überhaupt keine schädlichen Stoffe, man könnte sie im Prinzip sogar essen. Nach Gebrauch werden sie zu wertvollem Torf. Auch kompostierbare T-Shirts sind mittlerweile auf dem Markt.
Doch nicht alles lässt sich kompostieren.
Braungart: Was nicht zu Humus wird, sollte wieder und wieder recycelt werden können – ohne dabei an Qualität zu verlieren. Das funktioniert mit Bürostühlen wie mit Turnschuhen. Heute werden Materialien dagegen in der Regel down-recycelt, also qualitativ immer schlechter. Häufig sind sie außerdem stark mit Schadstoffen belastet. Selbst ein klassisches Öko-Produkt wie recyceltes Toilettenpapier kann noch Millionen Liter Wasser verseuchen.
Würde es in einer Cradle-to-Cradle Welt überhaupt keinen Müll mehr geben?
Braungart: Nein. Selbst die Abgase eines Autos können wertvolle Rohstoffe liefern. Wir entwickeln zum Beispiel gerade eine Technologie, mit der aus den Stickoxiden der Abgase wertvoller Dünger hergestellt werden kann.
Wie aber sollen komplexe Produkte wie Fernseher recycelt werden?
Braungart: Wir müssen einfach alles noch einmal neu erfinden. Dabei steht am Anfang immer eine rein marktwirtschaftliche Frage: Was will der Kunde? Und der Kunde möchte eben nicht einen Fernseher mit über 4 000 unterschiedlichen Schadstoffen darin, sondern er möchte einen Film oder eine Unterhaltungsshow sehen. Er möchte saubere Wäsche, aber nicht unbedingt eine eigene Waschmaschine. In solchen Fällen bietet sich an, die Nutzung und nicht das Produkt zu verkaufen. Eine Art Ökoleasing also. Denn wenn die Produkte im Besitz des Herstellers bleiben, können ganz andere Materialien eingesetzt werden. Dann zählt nicht das Billigste, sondern das Beste. Zum Beispiel bauen wir gerade gemeinsam mit einem Fahrzeughersteller eine Autokarosserie, deren Teile nicht geschweißt sondern verklebt werden. Verkauft werden soll dann auch nicht das Fahrzeug selbst, sondern zum Beispiel eine Nutzung über 100 000 km. Nach Gebrauch wird die Karosserie einfach in ein Tauchbad getan. Hier zersetzen Bakterien den Kleber und die Teile können wieder verwendet werden.
Ist die Herstellung solch hochwertiger Produkte nicht sehr teuer?
Braungart: Die Erfahrung zeigt, dass Unternehmen recht schnell von ihren Cradle-to-Cradle-Produkten profitieren. Airbus beispielsweise konnte mit den neuen Sitzbezügen 20 % Kosten einsparen, denn die Entsorgung der alten Sitzbezüge als Sondermüll fiel schlicht weg. Auch die Kosten für den Arbeitsschutz fallen jetzt geringer aus. Außerdem verkaufen sich Cradle-to-Cradle Produkte sehr gut, denn die Menschen geben dafür gerne Geld aus.
Warum zeichnet Ihr Umweltinstitut Epea nicht nur Produkte, sondern auch Firmen mit Cradle-to-Cradle-Zertifikaten aus?
Braungart: Cradle-to-Cradle ist auch ein Stück Unternehmenskultur. Wer für ein Cradle-to-Cradle Unternehmen arbeitet, ist in der Regel stolz darauf. Das Zertifikat ist so gleichzeitig Werbung für den wissenschaftlichen Nachwuchs. Außerdem bringen wir damit jene Experten zusammen, die für intelligente Innovationen unverzichtbar sind. So gesehen ist Cradle-to-Cradle auch eine Kommunikationsplattform.
Auch Steven Spielberg ist ein Cradle-to-Cradle Anhänger. Er hat Sie mit 2 Mio. $ unterstützt und arbeitet an einem Dokumentarfilm über Ihre Arbeit.
Braungart: Darüber darf ich aus vertraglichen Gründen nichts sagen. Aber in Amerika gibt es viele Prominente, die öffentlich für das Cradle-to-Cradle-Konzept werben, darunter Cameron Diaz, Brad Pitt und Susan Sarandon. Arnold Schwarzenegger hat kürzlich sogar ganz Kalifornien zum Cradle-to-Cradle-Staat erklärt.
Warum ist gerade in Ihrem Heimatland Deutschland von solcher Begeisterung kaum etwas zu spüren?
Braungart: Viele Deutsche romantisieren die Natur zu sehr und empfinden technische oder chemische Innovationen schnell als Bedrohung. Dabei kann man Cradle-to-Cradle auch ganz nüchtern sehen, wie etwa in Japan. Hier bedeutet Cradle-to-Cradle nichts anderes als Qualitätssicherung. Ein schadstoffhaltiges Produkt, das sich nicht wiederverwerten lässt, ist dort einfach nur ein schlechtes Produkt.
Wird sich die Idee der ewigen Kreisläufe in den nächsten Jahrzehnten durchsetzen?
Braungart: Grundsätzlich bin ich optimistisch. Immer mehr junge motivierte Ingenieure und Wissenschaftler rücken ins Topmanagement der Firmen auf. Zudem geht die Entwicklung in vielen Ländern deutlich schneller voran, als wir vermutet haben. Und die Niederlande sind auf dem besten Weg, eine Cradle-to-Cradle-Nation zu werden – von der Kindertagesstätte bis zum Königshaus. Wir haben dort zahlreiche Projekte, arbeiten mit Hoch- und Tiefbaufirmen, Elektronikherstellern oder Behörden an neuen Cradle-to-Cradle-Ideen, und Cradle-to-Cradle-Produkte verkaufen sich hier besonders gut.
Können auch Gesetze helfen?
Braungart: Nein. Die Menschen müssen das freiwillig tun und das Gefühl entwickeln: Es ist noch nicht zu spät, wir packen das. Oder wie man heute gerne sagt: Yes, we can.