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"Unser Treibstoff ist Sonnenenergie"
Prof. José Goldemberg

1975 startete Brasilien sein Ethanol-Programm: Alkohol ersetzt seither zunehmend Benzin und damit teure Ölimporte. Drei Jahre nach Beginn des Programms machte sich der Physiker José Goldemberg (80) daran, den ökonomischen und ökologischen Mehrwert zu berechnen. Die Ergebnisse erregten weltweit Aufsehen und verhalfen Ethanol-Treibstoff in Brasilien und anderswo zum Durchbruch. Vor kurzem kürte das Time Magazine Goldemberg, der auch mit dem US-Energieminister Steven Chu zusammenarbeitete, zu einem Eco-Champion. 2008 erhielt er von der japanischen Asahi Glass Foundation den Blue Planet Preis.

Wie kamen Sie auf die Idee, sich in den 70er-Jahren mit dem damals noch obskuren Thema Ethanol-Treibstoff zu beschäftigen?

Goldemberg: Ich war damals als Professor am Institut für Physik der Universität São Paulo tätig. Ein Kollege vom Institut für Agrarwirtschaft, der sich mit Alkohol-Treibstoff beschäftigte, bat mich um Unterstützung. Dass Ethanol rein technisch geeignet ist, Benzin zu ersetzen, war zu diesem Zeitpunkt klar. Nur hatte bisher keiner die genaue Energiebilanz berechnet. Um einen Liter Ethanol zu erzeugen, muss man schließlich erst einmal Energie aufbringen: Saat, Dünger, Ernte, Transport, Destillation. Die Kernfrage war also: Lohnt sich das überhaupt? Meine Antwort war eindeutig. Für jede Einheit fossiler Energie, die man in Brasilien in die Produktion von Ethanol aus Zuckerrohr steckt, bekommt man das Zehnfache heraus. Das Prinzip ist einfach: Die Pflanze speichert Sonnenenergie, wandelt diese in Zucker um, und daraus lässt sich wiederum Ethanol gewinnen. Brasilianischer Alkohol-Treibstoff ist gewissermaßen Sonnenenergie.

Heißt das, wer brasilianisches Ethanol tankt, statt Benzin, der verursacht überhaupt keine zusätzlichen CO2-Emissionen?

Goldemberg: Beinahe. Die Produktion des Ethanols aus Zuckerrohr verbraucht zwar Energie, und dabei wird zusätzliches CO2 freigesetzt. Gleichwohl reduziert die Nutzung von Ethanol an Stelle fossiler Treibstoffe in Summe die Emissionen pro Energieeinheit um bis zu 90 %.

Gilt dies auch für Ethanol, das woanders oder aus anderen Pflanzen hergestellt wird?

Goldemberg: Leider nur eingeschränkt. In den USA beispielsweise wird Treibstoff vor allem aus Mais hergestellt. Die Energiebilanz fällt dabei deutlich schlechter aus. Einerseits, weil die Pflanzen selbst weniger energiereich sind als Zuckerrohr, andererseits weil in den USA für Anbau und Ernte in höherem Maß Maschinen genutzt werden, die fossile Energie verbrauchen. Das schlägt natürlich auch auf die CO2-Bilanz durch. Zudem ist die Produktion dort doppelt so teuer. In Europa kostet sie im Vergleich zu Brasilien glatt das Vierfache. Wir haben hier einfach einen natürlichen Vorteil – auch durch ein Klima mit ausreichend Sonne und Regen.

Wie groß ist der brasilianische Markt für Ethanol-Treibstoff heute?

Goldemberg: Zurzeit produzieren wir in Brasilien auf 4 Mio. ha pro Jahr etwa 22 Mrd. l Ethanol. Ein Viertel aller Autos und sämtliche Neuwagen können damit betrieben werden. Bis zum Jahr 2020 könnte sich der nationale Markt für Ethanol verdreifachen. Aber auch Indien, Südafrika, Kolumbien und viele karibische Staaten haben hervorragende Voraussetzungen, ähnlich gute Ergebnisse zu erzielen.

Wird Ethanol einst aus Erdöl raffiniertes Benzin vollständig ersetzen können?

Goldemberg: Ethanol kann einen Beitrag dazu leisten, dass die Öl-Ressourcen länger ausreichen, und der Klimawandel weniger schnell voranschreitet. Weltweit könnte Ethanol im Jahr 2020 nach meinen Berechnungen 10 % des weltweit verbrauchten Benzins ersetzen.

Mehr Ethanol aus Zucker, bedeutet das nicht auch mehr Zuckerrohr-Monokulturen und Waldrodung?

Goldemberg: In Brasilien wird Zucker fern vom amazonischen Regenwald angebaut. Dass dem Zucker massenweise Bäume zum Opfer fallen würden, ist also ein Märchen. Aber völlig unproblematisch sind Monokulturen auch nicht. Ich war selbst einmal Umweltminister und kenne diese Probleme. Doch wir sehen heute sehr gute Ergebnisse einer aktiven Umweltpolitik, die beispielsweise Korridore ausweist, in denen Monokulturen verboten sind, und die auf diese Weise nicht nur lokal die Biodiversität erhöhen. Die Verantwortlichen sind sich bewusst, dass umweltfreundliches Ethanol nicht die biologische Vielfalt schädigen darf.

Aus Zuckerrohr lassen sich auch andere Flüssigkeiten zaubern: etwa Cachaça, der brasilianische Zuckerrohrschnaps, aus dem Caipirinhas gemacht werden. Hand aufs Herz: Ist es für echte Genießer nicht eine schreckliche Vergeudung, Ethanol aus Zuckerrohr in Autos zu verbrennen?

Goldemberg: Ach wissen Sie, für die meisten Menschen sind 1/10 l Cachaça am Tag mehr als genug. Autos sind dagegen echte Schluckspechte. Meines verbraucht 10 l reinen Alkohol am Tag. Bislang hat die Treibstoff-Nachfrage die Schnapsbrenner noch nicht in Schwierigkeiten gebracht. Und das wird auch nicht passieren: Dafür lieben wir Brasilianer unser Nationalgetränk zu sehr.

Das Interview führte Andreas Kleinschmidt