Professor Ernst Ulrich von Weizsäcker (69) ist Physiker und Biologe. Er war Professor an deutschen Hochschulen, Direktor am UNO-Zentrum für Wissenschaft und Technologie in New York, Präsident des Wuppertal-Institutes für Klima, Umwelt, Energie sowie Abgeordneter des Deutschen Bundestages für die SPD. Zuletzt war Prof. von Weizsäcker Dekan der Donald Bren School for Environmental Science and Management an der University of California in Santa Barbara (USA). Er gilt als führender Vordenker des Konzepts einer nachhaltigen Entwicklung.
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Siemens sieht im Klimaschutz eine Chance für Wachstum, gerade in der Finanzkrise – doch diese Meinung teilen nicht alle. Ist Klimaschutz nur etwas für gute Zeiten?
Weizsäcker: Dieser Eindruck wird derzeit von einigen verbreitet. Dieses Denken hat seinen historischen Ursprung in der Schadstoff-Politik, wo sich nur die reichen Staaten den Schutz der Umwelt leisten konnten. Beim Klimaschutz sind aber vor allem die Reichen die Verursacher der Probleme: Sie verbrauchen mehr Energie, essen mehr Fleisch und fliegen mehr. Hier bietet die Wirtschaftskrise eine große Chance, umzusteuern und zugleich Jobs zu schaffen. In Europa und Japan weiß man das schon. In den USA scheint sich die Erkenntnis nun auch durchzusetzen.
Werden die USA künftig die Führungsrolle beim Klimaschutz übernehmen?
Weizsäcker: Obama kann die USA nicht über Nacht verändern. Aber das Land ist für den Klimaschutz aufgeschlossener, als man gemeinhin glaubt. Einige Bundesstaaten haben sich seit Jahren engagiert, und auch zahlreiche Firmen sind der Politik weit voraus. Jetzt zieht die Politik nach: Obama hat den Rettungsplan für die Autoindustrie auf mehr Ökologie getrimmt. Das ist ein großer Schritt in die richtige Richtung.
Woher kommt der europäische Vorsprung?
Weizsäcker: In Europa verdient man gut am Umweltschutz und der Energieeffizienz. Da sehe ich die Zukunft, das wird zur Melodie des technischen Fortschritts. Energie und Wasser sind knapp. Wir sollten lernen, beides dreimal, fünfmal, zehnmal so effizient zu nutzen, und zwar vor allem beim Endnutzer. Dann dürfen Energie und Wasser ruhig teurer werden. Dies hat Japan in den 80er-Jahren vorgemacht, als Strom und Benzin sehr teuer waren. Nach den Modernisierungsprogrammen war das Land zum Zeitpunkt der Kyoto-Konferenz 1997 bereits doppelt so effizient wie Australien oder die USA: pro Kilowattstunde zweimal so viel Wohlstand.
Eine höhere Energieeffizienz ist die wichtigste Maßnahme gegen den Klimawandel?
Weizsäcker: Ja, eindeutig. Aus einer Kilowattstunde kann man heute zehnmal so viel Licht herauszaubern wie noch vor wenigen Jahren. Häuser kann man mit einem Zehntel der damaligen Heizenergie warm halten. Das ganze Land könnte mit einfachen Mitteln fünfmal so energieeffizient werden. Aber solange Energie billig ist, findet das nicht statt. Wir könnten die Energie in kleinen Schritten über Steuern oder Emissionszertifikate teurer machen, parallel zur steigenden Energieeffizienz. Das ist sozial fair und macht Effizienz rentabler. Investoren könnten langfristig planen. Gewohnheiten werden sich ändern, womöglich sogar unser Verhältnis zum Auto: etwa Car-Sharing statt Autobesitz.
Die Rohstoffpreise sinken wegen der Krise. Kann das nicht dazu führen, dass Länder wie China sich nicht mehr um eine bessere Effizienz kümmern?
Weizsäcker: Ja, niedrige Preise laden wieder zur Verschwendung ein. Aber die Chinesen sind auf der Hut und haben die Energieeffizienz im 11. Fünfjahresplan zum Staatsziel erhoben.
Wie beurteilen Sie die aktuellen Konjunkturprogramme hinsichtlich Klimaschutz?
Weizsäcker: Die deutsche Regierung und die USA agieren recht vernünftig. Im Vordergrund steht die Rettung der Kreditinstitute. Zugleich schiebt Obama die Autoindustrie zu mehr Effizienz und will Milliarden für erneuerbare Energien ausgeben. Die Ökologie kann helfen, die Orientierungskrise der Wirtschaft zu überwinden.
Beim Blick in die Zukunft – sind Sie eher optimistisch oder pessimistisch?
Weizsäcker: Wir werden die Kurve kriegen, denn wichtige Länder wie die USA und China haben den Mut, einen klimafreundlichen Weg einzuschlagen. Ich bin fest davon überzeugt, dass wir uns in Richtung eines neuen, langfristigen Kondratjew-Zyklus bewegen – mit einem Paradigmenwechsel hin zu mehr Energieeffizienz und den damit verbundenen Innovationen und Investitionen. Ich vergleiche unsere heutigen Infrastrukturen und Produkte gerne mit den Dinosauriern: Unsere Autos, Häuser oder Hausgeräte sind plumpe Energieverschwender, die sich überlebt haben. Ich sehe eine Gesellschaft kommen, die effizienter und eleganter ist als die heutige. Dort werden zum Beispiel Computer verwendet, die keine Energie verschwenden, sondern so effizient sind wie das menschliche Gehirn. Das wird keinen Verzicht auf Lebensqualität bedeuten – im Gegenteil: Ich sehe uns zu einer neuen Hochkultur aufbrechen.