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Dr. Ulrich Eberl
Herr Dr. Ulrich Eberl
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  • 80333 Munich
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Dr. Ulrich Eberl
Herr Florian Martini
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"Untätigkeit ist keine Option"
Eileen Claussen

Eileen Claussen (63) ist Präsidentin des Pew Center on Global Climate Change and Strategies for the Global Environment (www.pewclimate.org), einer gemeinnützigen und unabhängigen Organisation, die umfassende Berichte und Analysen für Entscheidungsträger in der ganzen Welt erstellt. Davor war Claussen unter anderem als US-Ministerialdirektorin für Ozeane und internationale Umwelt- und Forschungsthemen und als Assistentin des Beauftragten für weltweite Umweltangelegenheiten beim Nationalen Sicherheitsrat der USA tätig. Außerdem war sie bei der Environmental Protection Agency der USA unter anderem für die Energieeffizienz-Programme "Green Lights" und "Energy Star" verantwortlich.

In welchem Umfang können die USA ihre Treibhausgas-Emissionen realistischerweise reduzieren?

Claussen: Die US Climate Action Partnership (USCAP), ein Zusammenschluss von Unternehmen und regierungsunabhängigen Organisationen – darunter auch das Pew Center und Siemens –, hat im Januar 2009 einen Entwurf veröffentlicht, der eine Reihe von ehrgeizigen, aber realistischen Zielen für die Reduktion der Treibhausgas-Emissionen aufstellt. Bis 2020 sollen sie mindestens auf das Niveau von 1990 zurückgehen. Das ist schwieriger, als es sich anhört, weil die USA heute 14% über diesem Niveau liegen. Für uns ist es daher fast unmöglich, das europäische Ziel einer Reduktion von 20% bis 2020 zu erreichen. Ich denke aber, dass wir bis spätestens 2030 zu Europa aufschließen können. Dann soll eine Verringerung um etwa 28% unter dem 1990er Niveau erreicht sein, und 66% bis 2050.

Wie kann das gelingen?

Claussen: Das Wichtigste ist ein Preis für Kohlenstoff, also die Einführung des Handels mit Emissionsrechten. Das wird mehr als alles andere die Entwicklung von Innovationen voranbringen, denn wir werden uns zwangsweise mit dem Thema Energieeffizienz beschäftigen müssen. Auch werden wir Investitionen in regenerative Energien fördern und hohe Effizienzstandards für Fahrzeuge, Geräte und Industriemaschinen setzen müssen. Dass wir auf dem richtigen Weg sind, sieht man schon: 24 US-Bundesstaaten arbeiten schon mit verschiedenen Teilsystemen des Emissionshandels, und aller Wahrscheinlichkeit nach können wir derartige Bestimmungen bereits in den nächsten zwei Jahren landesweit umsetzen. Auch dürfte sich der Vorschlag aus Kalifornien auf nationaler Ebene durchsetzen, der besagt, dass Pkw und Lkw im Jahr 2020 durchschnittlich nur noch 6,6l pro 100 km (43 miles per gallon) verbrauchen dürfen statt derzeit 11,3l/100 km (25 mpg).

Welche Technologien müssen dringend verbessert werden, um die CO2-Emissionen wie geplant verringern zu können?

Claussen: Ich denke, dass man vor allem bei den Kohlekraftwerken etwas tun muss. 50 % der Elektrizität in den USA und 80 % in China werden durch die Verbrennung von Kohle erzeugt – und es ist unwahrscheinlich, dass wir in naher Zukunft hierfür einen Ersatz finden können. Kohlekraftwerke sind die größte Einzelquelle von CO2-Emissionen. Deshalb sind kostengünstige Technologien zur CO2-Abscheidung und ‑Speicherung ein Muss. Gleichzeitig müssen wir aber die CO2-freie Stromerzeugung mit regenerativen Energien weiter vorantreiben. Ähnliches gilt für den Verkehr, der für 30 % der Emissionen in den USA verantwortlich ist. Hier werden wir kohlenstoffarme Treibstoffe entwickeln und uns in Richtung Hybrid- und Plug-in-Elektrofahrzeuge bewegen müssen. Und wir müssen unsere Gebäude effizienter gestalten. Hier sind die zahlreichen lokalen Bestimmungen ein großes Hindernis. Auch hier gilt: Wenn CO2 einen Preis bekommt, dann würden die Eigentümer von Gebäuden darauf achten, effizientere Heizungs- und Klimasysteme zu verwenden, Fenster, Wände und Decken zu isolieren oder gar energieautarke Häuser zu bauen. Der neue Energieminister Steven Chu wird uns auf diesem Weg sicherlich voranbringen.

Ist es für die USA zu spät, das Kyoto-Protokoll zu ratifizieren?

Claussen: Das Problem ist, dass wir dafür zu weit von den im Protokoll festgelegten Emissions-Zielen entfernt sind. Ich gehe davon aus, dass die Obama-Regierung erst schauen wird, welchen Fortschritt wir mit unseren eigenen Gesetzen schaffen und erst dann prüfen wird, was wir international realistischerweise vereinbaren können. Daher wird wohl auch ein ratifizierbares Abkommen bis Dezember 2009 – also auf der Konferenz in Kopenhagen – für die USA eher nicht zu erreichen sein. Trotzdem ist es sehr wichtig, hier zu einer weltweiten Vereinbarung zu kommen. Das könnte etwa eine starke Übergangsvereinbarung sein, die einen kompletten, endgültigen und ratifizierbaren Vertrag in greifbare Nähe rücken lässt. Andere Länder warten darauf, dass wir den ersten Schritt tun. Wir müssen also etwas auf den Tisch legen. Andererseits müssen auch Indien und China bereit sein, einen sauberen Weg einzuschlagen. Meiner Meinung nach muss jedes Land seinen Teil leisten, manche – wie die USA – einen größeren als andere. Manche, wie Indien und China, werden vielleicht auch mehr Zeit benötigen. Aber niemand kann es sich leisten, außen vor zu bleiben.

Wie können Unternehmen wie Siemens helfen, die Wirtschaft der USA grüner zu machen?

Claussen: Für mich ist schon sehr wichtig, dass Siemens Teil der USCAP ist. Meiner Meinung nach wird die USCAP als Kombination aus NGOs und Industrievertretern einen großen Einfluss auf die Gestaltung der CO2-Gesetzgebung haben. Der private Wirtschaftssektor weiß nämlich eher als die Politiker, was technisch möglich ist und was somit den Fortschritt vorantreiben kann. Daher ist es auch wichtig, dass die Firmen bei Politikern für Maßnahmen zur CO2-Reduktion eintreten, die denken, dass solche Gesetze für die Wirtschaft schädlich seien. Siemens hat eine gute Vorstellung davon, wie es bei Umwelt- und Klimatechnologien vorwärts gehen kann, und ich denke, diese Strategie könnte ziemlich effektiv sein.

Sie sehen hierin eine Win-Win-Situation?

Claussen: Natürlich kann man eine Menge Geld mit Lösungen verdienen, die Energie sparen, den CO2-Ausstoß verringern und umweltfreundlich sind. Aber man muss den Regierungen diese Argumente verständlich machen, denn sie sind ihnen nicht zwangsläufig bekannt. Unter anderem haben wir genau aus diesem Grund das Pew Center gegründet. In unserem Umwelt- und Wirtschaftsrat arbeiten wir mit 44 Unternehmen zusammen.

Viele Menschen machen sich über die wirtschaftlichen Kosten der CO2-Reduktion Sorgen…

Claussen: Es gibt eine grundsätzliche Debatte, national und weltweit, zwischen denen, die Investitionen zur Vermeidung des Klimawandels als Kosten betrachten, und denen, die sie als gewinnbringende Investition einstufen. Fest steht jedenfalls, dass wir nicht die Kosten vergessen dürfen, die entstehen, wenn wir nicht handeln. Der Stern-Report hat uns dies deutlich vor Augen geführt: Die Kosten von extremen Wetterereignissen, Hungersnöten, Dürren und Einflüssen auf die biologische Vielfalt sind enorm. Die Kosten des Nichthandelns übersteigen die Kosten des Handelns bei weitem. Den Klimawandel zu ignorieren, ist also keine Option. Außerdem: Je länger wir warten, desto höher werden die Emissionen und desto mehr müssen wir später reduzieren. Ich denke, wir haben schon viel zu lange gewartet.

Das Interview führte Arthur F. Pease