Barbara Kux ist als Leiterin für Supply Chain Management und Chief Sustainability Officer Mitglied des Vorstands der Siemens AG.
- Text Size
- Share
- Print this page
Als Werner von Siemens vor 125 Jahren sagte: „Für den augenblicklichen Gewinn verkaufe ich die Zukunft nicht“, hatte er genau jenes Prinzip im Blick, das wir heute „Nachhaltigkeit“ nennen. Nicht auf kurze Sicht, sondern langfristig denken – das ist heute mehr denn je gefordert. Im weltweiten Finanz- und Wirtschaftssystem ebenso wie bei den Auswirkungen, die unser Handeln oder Nichthandeln auf Umwelt und Klima hat.
Dabei sind Klimaschutz und Wirtschaftswachstum keineswegs Gegensätze – ganz im Gegenteil: Umwelttechnologien werden in den kommenden Jahren zu einem Wachstumsmotor der Weltwirtschaft werden. Denn im Kern geht es bei solchen Lösungen oft um Effizienzsteigerungen. Innovationen auf diesem Feld bedeuten zugleich, dass weniger Ressourcen und Energie verbraucht werden – was wiederum Kosten spart.
Wie effektiv so etwas sein kann, zeigt diese Ausgabe von Pictures of the Future mit einer Fülle beeindruckender Beispiele (siehe Kapitel "Karriereplanung für Produkte"). So leben Energiesparlampen 15-mal länger als gleich helle Glühlampen und brauchen nur etwa ein Fünftel des Stroms – ihre Mehrkosten haben sich dadurch schon nach 800 Betriebsstunden amortisiert. Zugleich bewirkt der reduzierte Stromverbrauch, dass eine Energiesparlampe im Durchschnitt mehr Kohlendioxid einspart, als ein Baum in der gleichen Zeit binden kann (siehe Artikel "Lampen unter der Lupe").
Lebenszyklus-Analysen und genaue Ökobilanzen sind für Forscher und Entwickler bei Siemens auf vielen Feldern zu unverzichtbaren Werkzeugen geworden. So stellten sie beispielsweise fest, dass in der Nutzungsphase von Hausgeräten mehr als 90 % der Umweltbelastungen verursacht werden. Transport und Recycling fallen kaum ins Gewicht und auch die Produktion schlägt nur mit wenigen Prozent zu Buche. Mit diesem Wissen entwickelten die Ingenieure eine völlig neue Wärmepumpe für einen Wäschetrockner, der 40 % weniger Strom verbraucht, als die Grenze der Klasse A vorgibt – er ist damit derzeitiger Energiesparweltmeister (siehe Artikel "Das Wunder im Waschkeller").
Ähnliche Detailstudien führt Siemens auch für Lokomotiven durch – das Ergebnis: Ein um 10 % höherer Kaufpreis rechnet sich schon, wenn die Loks nur um zwei Prozentpunkte im Energieverbrauch verbessert werden können (siehe Artikel "Zug der Zeit"). Oder auch bei Energiesparmotoren: Hier macht der Kaufpreis weniger als 3 % der Gesamtkosten aus, die Stromkosten schlagen hingegen mit 95 % zu Buche – solche Motoren amortisieren sich in weniger als zwei Jahren, manchmal sogar innerhalb eines Jahres.
Und auch bei Gebäuden und ganzen Städten lohnt sich langfristiges Denken: So hat eine Studie über den Weg Münchens zur CO2-Freiheit ergeben, dass die Mehrkosten für die energetische Sanierung des Großteils aller Gebäude pro Einwohner etwa 200 € pro Jahr betragen würden, am Ende aber Einsparungen von mindestens 1 200 € pro Jahr und Bewohner brächten – von der CO2-Verminderung um 3 Mio. t pro Jahr für die ganze Stadt ganz zu schweigen (siehe Artikel "Die CO2-freie Metropole").
Manche Verbesserungen erfordern nicht einmal hohe Anfangsinvestitionen, sondern nur den Blick fürs Ganze und die Zusammenhänge: So gelingt es den Fachleuten der Abteilung „“Lifetime Management“ im Sektor Energy, bestehende Kraftwerke auf Vordermann zu bringen, indem sie die verschiedenen Parameter wie Pumpendurchfluss oder Speisewassertemperatur optimal einstellen und die Leitsysteme anpassen. Das reduziert den Zeitbedarf für das Anfahren der Kraftwerke um mehr als die Hälfte – eine Optimierung, die ihre Kosten bereits nach einem Jahr wieder eingespielt hat (siehe Artikel "Die Formel 1 der Kraftwerke").
Eine Vielzahl ähnlich smarter Lösungen entwickelt Siemens auch für die besonderen Bedürfnisse in Entwicklungs- und Schwellenländern (siehe Kapitel "Innovationen für neue Märkte") – das reicht von solarbetriebenen Energiesparlampen für netzferne Gegenden in Afrika über kostengünstige und robuste Geräte zur Herzschlagüberwachung für Geburtsstationen im ländlichen Indien bis zur Kombination der traditionellen Medizin mit westlichen Bildgebungsverfahren in China.
Diese Beispiele zeigen, dass man für kluge Lösungen vor allem eines braucht: Menschen, die die Erfordernisse der jeweiligen Märkte ebenso verstehen wie die Möglichkeiten moderner Technik. Oder wie es der chinesische Philosoph Kuan Chung Tzu vor 2 300 Jahren ausdrückte: „Planst Du für ein Jahr, so säe Korn, planst Du für ein Jahrzehnt, so pflanze Bäume, planst Du für ein Leben, so bilde Menschen.“ Das ist der Kern des Prinzips der Nachhaltigkeit.