Go to content

SIEMENS

Research & Development
Technology Press and Innovation Communications

Dr. Ulrich Eberl
Herr Dr. Ulrich Eberl
  • Wittelsbacherplatz 2
  • 80333 Munich
  • Germany
Dr. Ulrich Eberl
Herr Florian Martini
  • Wittelsbacherplatz 2
  • 80333 Munich
  • Germany
pictures

Aus China für China: Mit den S.M.A.R.T.-Technologien konzentriert sich das chinesische Forscherteam von Siemens auf Lösungen,
die optimal auf den chinesischen Markt zugeschnitten sind. Die Zustandsdiagnose bei Windkraftanlagen ist nur ein Beispiel.

Aus China für China: Mit den S.M.A.R.T.-Technologien konzentriert sich das chinesische Forscherteam von Siemens auf Lösungen,
die optimal auf den chinesischen Markt zugeschnitten sind. Die Zustandsdiagnose bei Windkraftanlagen ist nur ein Beispiel.

Die weltweit größte Handynation macht es möglich: Statt teurer Messtechnik will Qiu Wei
Millionen Handysignale zur Verkehrsmessung in Chinas Megacities nutzen.

Die weltweit größte Handynation macht es möglich: Statt teurer Messtechnik will Qiu Wei
Millionen Handysignale zur Verkehrsmessung in Chinas Megacities nutzen.

Die weltweit größte Handynation macht es möglich: Statt teurer Messtechnik will Qiu Wei
Millionen Handysignale zur Verkehrsmessung in Chinas Megacities nutzen.

Image
Image
Image
Image
Bedarf ist die Mutter aller Innovationen

China wird zunehmend zum Standort von Forschung und Entwicklung. Denn der Fortschritt des Riesenlandes führt längst nicht nur zur Kopie westlicher Vorbilder, sondern bringt auch ganz neue, an die Bedürfnisse angepasste Lösungen hervor. Bei Siemens wird dieses Innovationspotential systematisch genutzt.

Das Beste aus zwei Welten

open
Image
Image
Image
Image

Die Traditionelle Chinesische Medizin (TCM) und die westliche Wissenschaft wollen ihre Erkenntnisse bündeln. Damit das gelingt, muss auch die Medizintechnik neue Wege gehen. Siemens hat hierfür in Peking ein eigenes Forscherteam aufgebaut.

"Ärztehandschriften sind eine Katastrophe", sagt Han Bin. Er weiß, wovon er spricht. Han Bin ist Professor an Pekings Akademie für Chinesische Medizin und einer der bekanntesten Akupunkturspezialisten der Stadt. Nicht nur am Universitätsklinikum, sondern auch in anderen Krankenhäusern ist seine Expertise regelmäßig gefragt, doch wo er auch hinkommt, trifft Han auf Krankenakten, aus denen er nicht schlau wird. "Die Jahrtausende alte chinesische Medizin beruht auf sehr detaillierten Beobachtungen von Krankheitsbildern und komplizierten Rezepturen", erklärt Han. "Der Dokumentationsaufwand ist gewaltig." Dass viele Kollegen sich dafür kaum Zeit nehmen, erschwert nicht nur die Behandlung, sondern behindert auch die Forschung. "Viele wertvolle Erfahrungen gehen so verloren", sagt Han.
Doch bald könnte es Abhilfe geben: Seit einem Jahr testet der Mediziner das erste voll integrierte Krankenhausinformationssystem (HIS) für Traditionelle Chinesische Medizin (TCM), entwickelt von Siemens in Peking. Das Programm bietet TCM-Ärzten die gleiche computerbasierte Unterstützung ihrer Arbeit, wie sie bei westlichen Medizinern längst üblich ist. Eine Datenbank ermöglicht die schnelle Beschreibung von Symptomen. Per Mausklick können auch die verwendeten Akupunkturpunkte an einem dreidimensionalen Körpermodell eingegeben oder Kräutermischungen zusammengestellt werden. Bei Wechsel- wirkungen schlägt das System Alarm. "Für die TCM bedeutet das einen großen Fortschritt", schwärmt Han. "Viele chinesische Ärzte sind zwar noch nicht an Computer gewöhnt, aber das Programm macht die Anwendung sehr einfach." Das TCM-Modul soll schon bald in die chinesische Version von Siemens' Krankenhausinformationssystem integriert werden. "Für die Forschung verspreche ich mir davon sehr viel", erklärt Han. "Denn wir werden nicht nur unsere eigene Medizin auf eine solidere wissenschaftliche Basis stellen können, sondern auch gezielt beobachten können, wie chinesische und westliche Behandlungsmethoden zusammenwirken."
Genau dort liegt für viele Mediziner ein gewaltiges Potential an neuen Erkenntnissen. Zwar gelten die TCM und die westliche Schulmedizin als schwer vereinbar, doch Wissenschaftler in aller Welt sind zunehmend überzeugt, dass die beiden Ansätze viel voneinander profitieren können. Die Entwicklung einer TCM-Krankenhaus-Software ist deshalb nur eines von zahlreichen Projekten, mit denen Siemens den Fortschritt mit vorantreibt. "Die Ärzte können nur die Brücke schlagen, wenn die Medizintechnik es auch tut", sagt Xu Xiaodong, Leiter des sechsköpfigen Teams, das bei Siemens Corporate Technology in Peking die Projekte zur Fusion von westlicher und chinesischer Medizin koordiniert. Zur Mannschaft gehören Ingenieure, Informatiker und Mediziner. "Die chinesische Medizin ist häufig dem Vorwurf ausgesetzt, unwissenschaftlich zu sein", sagt die für chinesische Medizin promovierte Ärztin Wu Changsheng, die heute in Xus Team arbeitet. "Moderne Technologie gibt uns die Möglichkeit, das zu überprüfen und das Beste aus beiden Traditionen zu verbinden." So haben Wu und ihre Kollegen etwa die Funktionen von Siemens' Magnetresonanztomographen so weiterentwickelt, dass sich damit gezielt Akupotomie-Eingriffe visualisieren lassen, einer auf der Basis von Akkupunktur entwickelten Behandlungsform. Damit werden etwa Funktionsstörungen des Bewegungsapparates, wie chronische Schmerzen, Bandscheibenvorfälle oder Arthrosen behandelt. Dabei werden Muskeln und Sehnen mit Skalpellnadeln winzige Schnitte zugefügt, um die biomechanische Balance wiederherzustellen. In der westlichen Medizin nutzt man hingegen oft schmerzlindernde Mittel und Operationen, wie die teilweise Entfernung der Bandscheibe. Im Gegensatz dazu ist Akupotomie nur ein kleiner Eingriff, dessen Wirksamkeit bereits klinisch bewiesen werden konnte. Bisher führt der Arzt dieses Verfahren der Mikrochirurgie allerdings nach Gefühl und Erfahrung durch, wodurch im Extremfall auch Blutgefäße oder Nerven abgetrennt oder beschädigt werden können. Der zusätzliche Einsatz eines MR-Tomographen kann hier dem Arzt eine Navigationshilfe geben. Dank der Kombination mit solchen bildgebenden Verfahren wird die Traditionelle Chinesische Medizin sicherer und hat damit große Chancen, auch auf dem westlichen Markt erfolgreich zu werden. "Mit den hochauflösenden MR-Bildern können wir die Akupotomie besser erforschen und weiterentwickeln", sagt Wu. "Auch für die Ausbildung von Ärzten hat dies eine große Auswirkung."
Eine Reihe weiterer Entwicklungen sind bereits in der Pipeline. " Chinas Regierung hat die Verbindung von westlicher und traditioneller Medizin zu einem der wichtigsten Forschungsgebiete des Landes erklärt", sagt Xu. "Das gibt uns die Gelegenheit, mit den führenden chinesischen Forschungsinstituten zu kooperieren." Und auch diese verbinden mit der Zusammenarbeit mit Siemens hohe Erwartungen. "Die Medizingeschichte steckt in einer ihrer spannendsten Phasen", sagt Professor Han Bin, "da ist es nur natürlich, dass die führenden Kräfte ihre Energien bündeln."

close

Blick fürs Wesentliche

open
Image
Image

Ein vollständiges Diagnosespektrum auch für kleine Budgets erschwinglich machen – das ist der Ansatz, den Siemens-Forscher Wang Jianmin zusammen mit Kollegen aus Deutschland, England und China beschritten hat, um einem der wichtigsten modernen Diagnoseverfahren den Weg zu ebnen – der Magnetresonanztomographie (MRT).
In einem Bereich, wo Innovation meist darin besteht, immer anspruchsvollere Diagnosemöglichkeiten zu entwickeln, verfolgten sie einen anderen Weg: Sie vereinfachten die vorhandene Technologie, ohne Abstriche bei den Siemens-internen Qualitätsstandards zu machen, damit auch Institutionen mit beschränkten Mitteln MR nutzen können. "Heutzutage bedeutet Fortschritt in der Medizintechnik nicht mehr nur, dass man die Geräte fortwährend verbessert, sondern dass man sie auch für immer breitere Patientenschichten zugänglich macht", sagt Wang. "Das ist nicht nur ethisch richtig, sondern auch ökonomisch."
Wang spricht aus eigener Erfahrung. In seiner Heimat China können sich nur wenige Krankenhäuser fortschrittlichste MR-Geräte leisten. Und nicht nur in Entwicklungs- und Schwellenländern ist der Kostendruck im Gesundheitswesen hoch. Wang, der in Deutschland studierte und 17 Jahre dort lebte, bevor er 2002 nach China zurückkehrte, schloss sich deshalb gerne einem Team an, das sich ein ambitioniertes Ziel gesetzt hatte: die Produktionskosten von MR-Geräten drastisch zu senken. Eines der Ziele bestand darin, die modernste MR-Technologie von Siemens zu verwenden und auch Kunden mit niedrigerem Budget verfügbar zu machen.
Diese sogenannte Tim-Technologie (Total Imaging Matrix) ermöglicht die flexible Kombination von bis zu vier verschiedenen Spulen, so dass man jedes beliebige Körperteil abbilden kann, ohne dass der Patient umständlich umgebettet oder das Gerät neu eingestellt werden muss. Tim ermöglicht außerdem parallele Bildgebung, was die Messzeiten enorm verkürzt. All dies führt zu verbesserten Arbeitsabläufen und ermöglicht die Behandlung von mehr Patienten, von den Kosteneinsparungen gar nicht zu reden. So kann etwa eine vollständige Untersuchung des zentralen Nervensystems in weniger als zehn Minuten erfolgen.
Um die Produktionskosten zu senken, mussten die Siemens-Experten neue Wege finden, die Bauteile in das System zu integrieren. Eine der komplexesten Komponenten ist das Kontrollsystem für die Matrixspulen. "Die Steuerung der Matrixspulen ist äußerst kompliziert, was hohe Herstellungskosten bedeutet", erklärt Wang. "Das war für mich ein Anreiz, zu überlegen, ob man nicht eine einfachere Schaltung für die Tim-Matrixspulen entwickeln könnte." So tüftelte er zusammen mit Kollegen aus Oxford, Shenzhen und Erlangen eine vereinfachte Version der Schaltung aus. Für diese Leistung erhielt er von Siemens die Auszeichnung "Erfinder des Jahres 2007".
Andere Innovationen des Systems erlauben den Benutzern, bei Installation, Platz und Strom Geld zu sparen. Möglich macht das unter anderem der 3,5-t-Magnet, der sich dank seines vergleichsweise geringen Gewichts auch in höheren Stockwerken aufstellen lässt. Wo das neue System ein existierendes ersetzt, erlaubt zudem die Hochleistungselektronik Energieeinsparungen von bis zu 50 %. Dazu entweicht aus dem modernen Magneten keinerlei Helium – das teure Edelgas muss deshalb nicht mehr regelmäßig nachgefüllt werden und die Anlage ist stets einsatzbereit.
Das neue System ist seit 2007 auf dem Markt. Inzwischen nutzen Mediziner aus aller Welt den neuen MR-Scanner mit dem Namen Magnetom Essenza – sowohl in kleinen Krankenhäusern als auch in großen Forschungseinrichtungen.

close
Image
Image
Image
Image
Image
Die weltweit größte Handynation macht es möglich: Statt teurer Messtechnik will Qiu Wei Millionen Handysignale zur Verkehrsmessung in Chinas Megacities nutzen.

China betreibt derzeit das womöglich größte Modernisierungsprojekt in der Geschichte der Menschheit.

Als Xing Jianhui kürzlich in der Zeitung las, dass die Energiebehörde von Chinas Nationaler Entwicklungs- und Reformkommission die Windkraftkapazitäten bis 2020 auf 100 GW verzehnfachen will, dachte er nicht nur an die vielen tausend Turbinen, die sich bald über der nordchinesischen Steppe drehen sollen, sondern auch an die unzähligen Reparaturen, die eines Tages anfallen werden. "Das ist wohl eine Berufskrankheit", lacht der promovierte Ingenieur, Entwickler bei Corporate Technology China im Bereich Automation and Switching bei Siemens in Peking. "Denn selbst die beste Anlage zeigt irgendwann Verschleißerscheinungen." Bei Windrädern, die tagein tagaus den Elementen ausgesetzt sind, ist die Belastung besonders hoch, und damit auch der Wartungsaufwand. "Wenn eine Turbine plötzlich ausfällt, kostet allein der Reparaturkran 10.000€", weiß Xing. Die ständige Kontrolle der Anlagen ist deswegen unverzichtbar. Doch wie soll das bei Dimensionen chinesischer Windparks gewährleistet werden, in denen sich weit im Hinterland hunderte oder gar tausende Turbinen drehen?

Wartungsaufwand minimieren. Die Chinesen sind freilich nicht die ersten, die sich darüber Gedanken machen. Seit der frühen Entwicklung der Turbinentechnik gehört die Wartung zu den größten Herausforderungen, denn davon hängt maßgeblich ab, ob die saubere Windkraft auch wirtschaftlich genutzt werden kann. Bisher benötigt die Instandhaltung einen teuren Mix aus hohem Personalaufwand und komplexer Technologie. Kritische Bauteile werden mit Bewegungssensoren ausgestattet, die Unregelmäßigkeiten registrieren und an eine Zentrale melden. Diese Technik schlägt beim Bau eines Windrads mit mehreren Prozent der Gesamtkosten zu Buche und verlangt im Betrieb ein Team von qualifizierten Ingenieuren zur Auswertung der Daten. Und obendrein verursachen die Sensoren wiederum eigenen Wartungsaufwand.
"Turbinenherstellern bereitet diese Problematik große Sorge", erzählt Xing. "Windparkbetreiber verlangen hohe Verlässlichkeit und lange Garantielaufzeiten – und all das zu viel nied- rigeren Preisen und mit schlechter ausgebildetem Personal als im Westen." Diese Situation machte Xing und seine Kollegen hellhörig und sie begannen, nach einer Technologie zu suchen, die besser zu Chinas Anforderungen passt. Die Lösung fanden sie schließlich direkt neben den verschleißbedrohten Teilen: im Motor des sogenannten Pitch Systems, das die Einstellung der Rotorblätter steuert.

Diese kritischen Komponenten werden nicht mit herkömmlichen Bewegungsmessgeräten überwacht, sondern bei Siemens-Turbinen mit hochsensiblen Sensoren der Simotion-Reihe. Es zeigte sich, dass die elektrischen Spannungen, die diese standardmäßig messen, alle Informationen enthalten, welche die Ingenieure brauchen. "Die Technik misst die elektrischen Ströme, die im Motor einlaufen. Diese zeigen andere Muster, wenn sich die Windmaschine nicht so bewegt, als sie sollte", erklärt Xing. "Die Messung ist so präzise, dass wir Algorithmen erstellen konnten, die gezielt Verschleißerscheinungen an einzelnen Komponenten erkennbar machen." Die teuren Bewegungssensoren waren dadurch überflüssig – und die Funktionalität sogar noch verbessert.

Denn durch die Änderungen der Ströme lässt sich Abnutzung früher feststellen als bisher, und die Software liefert dem Betreiber konkrete Angaben, wann welches Teil ausgetauscht werden muss. Wartungskosten und Personalaufwand lassen sich erheblich senken, Auslastung und Wirtschaftlichkeit deutlich steigern. "Die Hersteller waren überrascht, wie einfach die Lösung ist", sagt Xing. Mit dem großen chinesischen Turbinenkonzern Goldwind unterzeichnete Siemens eine Absichtserklärung, um die Technologie in der Provinz Xinjiang zu testen. Noch dieses Jahr sollen dort erste Windräder mit der neuen Technologie eingesetzt werden – und angesichts des Tempos der chinesischen Entwicklung dürfte es von dort nicht weit sein bis zum Einsatz in großem Stil.

Smarte Forscher. Nicht nur für die Windkraftindustrie bedeutet das einen Durchbruch, sondern auch für Siemens. Denn die Zustandsdiagnose (Condition Monitoring) ist eine der ersten Innovationen, die das Unternehmen in China und für China entwickelt hat. Das ist kein Zufall, sondern Teil der neuen Entwicklungsstrategie, die bei Siemens unter dem Akronym S.M.A.R.T. bekannt ist: S wie "simple", M wie "maintenance friendly", A wie "affordable", R wie "reliable" und T wie "timely to market". Sprich: Kostengünstige und zuverlässige, schnell zu realisierende Lösungen, die so einfach sind, dass sie ohne großen Wartungsaufwand funktionieren.

Diese Entwicklungsmaxime ist nicht nur in China gültig, aber in kaum einem anderen Land bietet sich Hightech-Unternehmen wie Siemens derzeit eine bessere Gelegenheit, seine bewährten Lösungen noch einmal neu zu durchdenken. "Bedarf ist die Mutter aller Innovationen – und in China ist der Bedarf gewaltig", sagt Dr. Arding Hsu, Leiter von Siemens Corporate Technology in China "Deshalb hat die Volksrepublik heute längst nicht mehr nur als Absatzmarkt ein gewaltiges Potential, sondern auch als Entwicklungsstandort."

Denn China betreibt das womöglich größte Modernisierungsprojekt der Menschheitsgeschichte. Vom Energiesektor über die Verkehrsinfrastruktur bis hin zum Gesundheitssystem – überall versucht das Land die Grundlagen zu schaffen, um mit dem Entwicklungsstand westlicher Industrienationen gleichzuziehen. Die Erfolge sind schon lange sichtbar, doch die Herausforderungen ebenso wenig zu übersehen. Während die Metropolen längst in der ersten Welt angekommen sind, steckt der größte Teil des Landes noch immer tief in der dritten. "Man muss nur mit dem Auto eine Stunde aus Peking herausfahren, um zu sehen, wie unterschiedlich die Bedürfnisse innerhalb des Landes sind", sagt Hsu. "Als Unternehmen, das China bei seiner Entwicklung unterstützen will, muss es unsere Aufgabe sein, uns optimal auf die unterschiedlichen Bedürfnisse einzustellen."

Das klingt einleuchtend und ist für die meisten multinationalen Unternehmen dennoch ein völlig neuer Ansatz. Denn bisher sahen sie ihre Rolle vor allem darin, China mit Produkten zu beliefern, die sich in anderen Märkten bereits bewährt haben – und die dem Angebot der jungen chinesischen Lokalkonkurrenz weit überlegen sind. "In vielen Fällen funktioniert das sehr gut", sagt Hsu. "Aber China folgt nicht immer den vorgegebenen Pfaden, sondern geht seine eigenen Wege." Und das ist gut so: Echter Fortschritt ist stets mehr als eine bloße Kopie des Bekannten. Zwar schätzt Hsu den Anteil der chinesischen Sonderwege auf kaum mehr als 20 % des Gesamtmarkts. Doch während viele westliche Firmen glauben, dass sie in dieser Nische wenig zu suchen haben, sieht Hsu gerade dort Potenzial: Viele große Innovationen sind schließlich entstanden, weil Entwickler abseits des Mainstreams nach neuen Lösungen gesucht haben. "In den 1970ern hat in der Computerbranche kaum einer daran geglaubt, dass einmal ein Rechner in jedem Haushalt stehen würde, weil man schließlich ein ganzes Studium brauchte, um sich per Tastatur durch die Programme zu manövrieren", sagt der promovierte Informatiker, der damals selbst im Silicon Valley zu den Pionieren der Branche gehörte. "Aber Steve Jobs hatte eine Idee, und der Rest ist Geschichte."

Weil es nicht vermessen scheint, dass in Zukunft einige Kapitel der Technologiegeschichte in China geschrieben werden, hat Siemens Corporate Technology in den vergangenen vier Jahren in Peking und Shanghai ein Forscherteam von rund 200 Entwicklern aufgebaut. Doch statt in Labors nach dem "nächsten großen Ding" zu suchen, sollen sie dem Fortschritt dort auf die Sprünge helfen, wo er passiert. "Wir arbeiten sehr eng mit den Geschäftseinheiten zusammen", erklärt Hsu. "Das Ziel ist es, maßgeschneiderte Produkte für echte Kunden zu entwickeln, denn am Markt bekommt man das beste Gefühl, wohin die Entwicklung geht." Die verschiedenen Geschäftseinheiten von Siemens machten in China mit 40 000 Mitarbeitern im Jahr 2008 immerhin einen Umsatz von etwa 5 Mrd. €.

Verkehrsmessung via Handynetz. Einen dieser besonderen chinesischen Wege verfolgt Qiu Wei, Leiter eines S.M.A.R.T.-Projekts in der südchinesischen Provinz Guangdong, das unter dem Titel "Verkehrsinformationserhebung für Megacitys" geführt wird. Das klingt nach wenig spektakulären Aufgaben wie Autos zählen, und genau darum geht es auch, wenngleich in technisch äußerst raffinierter Weise. "China hat dutzende Millionenstädte, und die Bewältigung des Verkehrs ist eines der größten Probleme, wenn daraus lebenswerte Metropolen werden sollen", sagt Qiu. Techniken zur Messung des Autoaufkommens auf den Straßen, mit der sich etwa Ampeln optimal takten lassen, gibt es schon lange. Dafür werden entweder Sensoren in die Straßendecke eingebaut oder Kameras installiert, die den Verkehrsfluss verfolgen. Das ist zwar durchaus effektiv, aber wegen der benötigten Infrastruktur auch sehr teuer.
Doch künftig könnte sich der Verkehr einfacher kartographieren lassen, dank kleiner Hilfsgeräte, an die noch keiner dachte, als die Sensorschwellen und Kamerasysteme entwickelt wurden: Handys. "Heute befindet sich in jedem Auto ein Mobiltelefon, das ständig mit den Funkmasten in der Umgebung in Kontakt ist", erklärt Qiu. "Die Standortinformationen, die der Handyanbieter standardmäßig erhebt, enthalten auch alle Angaben, die wir – natürlich in anonymisierter Form – für die Verkehrsmessung benötigen."

Ungeahnte Möglichkeiten. Das Prinzip ist einfach, doch damit daraus eine praktikable Anwendung wird, braucht es anspruchsvolle Software, um aus den Datenmassen in Echtzeit brauchbare Informationen aufzubereiten. "Weil wir es mit Millionen von Handys zu tun haben, ist das eine große Herausforderung", sagt Qiu. Für das Projekt hat sich Siemens mit dem weltweit größten Handyanbieter China Mobile zusammengetan. "Die Telefonkonzerne haben an den Informationen großes Interesse, weil sie damit neue Dienstleistungen anbieten können", meint Qiu.

So wäre es denkbar, dass man Navigationssysteme für Autos künftig über die Handynetze steuert, oder dass Mobiltelefone selbst wie GPS-Geräte eingesetzt werden können. Auch die Werbeindustrie ist an der Entwicklung interessiert: Sie könnte künftig ortsspezifisch Einkaufs- oder Restauranttipps verschicken. Diese Dienstleistungen sind gleichzeitig die Grundlage für das langfristige Ziel der optimierten Verkehrszählung. Angesichts der großen Nachfrage hat sich das Projekt mit chinesischem Tempo entwickelt: 2007 gestartet, soll noch 2009 die erste marktfähige Version der Datenaufbereitung fertig werden.

Doch dann fängt die Innovation erst richtig an. "Entwicklung ist ein Prozess, der nie aufhört", sagt Hsu. "Ein gutes Produkt zeichnet sich dadurch aus, dass man es immer noch verbessern kann." So sind die chinesischen Innovationen keine Notlösungen für ein Schwellenland, sondern technologische Neuanfänge, die eines Tages auch in den am meisten entwickelten Märkten eingesetzt werden können. Für die Windturbinen gilt das ebenso wie für die Verkehrszählung. Wenn das nicht S.M.A.R.T. ist!

Bernhard Bartsch