Siemens testet neue Technologien und Produkte, die kostengünstig, zuverlässig und robust sind und einfach bedient werden können. Sie sollen Entwicklungs- und Schwellenländern helfen, eine bessere Zukunft zu schaffen. Dies reicht von Generatoren, die aus Kokosnuss-Schalen Strom erzeugen über solarbetriebene Energiesparlampen bis zu energieautarken Anlagen, die Abwasser in Trinkwasser verwandeln.
Ein neues Filtersystem kann bis zu 1.000 Liter Wasser für weniger als einen halben Cent aufbereiten.
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Kann man in einem Dorf ohne Zugang zum Stromnetz den Herzschlag eines ungeborenen Kindes hören? Kann eine Familie ihr Heim beleuchten, ohne gesundheitsschädliche und teure Brennstoffe nutzen zu müssen? Oder ihr Wasser filtern, damit es ohne Bedenken getrunken werden kann? Ist es möglich, so ausgereifte und kostengünstige Kameras zu entwickeln, dass auch kleine Firmen in Entwicklungsländern ihre Qualitätssicherung automatisieren können? Die klare Antwort auf all diese Fragen lautet: Natürlich geht das!
Diese und noch viele andere Lösungen bündelt Siemens im Rahmen seines S.M.A.R.T.-Konzepts – die Abkürzung steht für Simple, Maintenance-friendly, Affordable, Reliable, Timely to market, also für einfach zu bedienende, wartungsfreundliche, kostengünstige und robuste Produkte, die präzise auf die Anforderungen maßgeschneidert auf den Markt gebracht werden. Das reicht von Bildverarbeitungsmodulen für Röntgengeräte, die 75 % kostengünstiger sind als ihre Vorgänger (siehe Artikel "Das Beste aus zwei Welten") über solarbetriebene Energietankstellen zum Aufladen von Lampen-Akkus und Handys in Kenia (siehe Artikel "Hoffnungsschimmer auf dem Viktoriasee") oder eine in China entwickelte Software, die den Verkehr einer kompletten Stadt analysieren kann (siehe Artikel "Bedarf ist die Mutter aller Innovationen"), bis hin zu Turbinen, die speziell für die Verbrennung von Gas konzipiert wurden, das in einer brasilianischen Zuckerrohr-Biomasse-Anlage erzeugt wird (siehe Artikel "Sonne im Tank").
Das große Potenzial "am unteren Ende der ökonomischen Pyramide“, wie es der indische Erfolgsautor und Wirtschaftswissenschaftler C. K. Prahalad beschrieben hat, ist Siemens nicht verborgen geblieben. Das Ziel sind Technologien, die Entwicklungsländern und einkommensschwachen Bevölkerungsgruppen dabei helfen, sich selbst eine produktivere Zukunft zu schaffen. "Jedes große Unternehmen entwickelt Strategien, um die Bedürfnisse der Menschen an der Basis der Pyramide zu befriedigen“, erklärt Dr. B. Bowonder, Direktor des Tata Management Training Centers im indischen Pune und weltweit anerkannter Experte für Technologie- und Innovationsmanagement. "Wir dürfen diese Menschen nicht vergessen, nur weil sie arm sind. Im Gegenteil: Unsere Untersuchungen zeigen, dass sich die jährliche Kaufkraft der 650 Millionen ärmsten Menschen in Indien zwischen heute und 2025 auf über eine Billion Dollar verdreifachen wird.“
"Es ist tragisch, das heute immer noch Menschen praktisch in Dunkelheit leben“, sagt Dr. Rajendra K. Pachauri (siehe Artikel "Über die einfachen Dinge nachdenken") im Gespräch mit Pictures of the Future. Pachauri ist Vorsitzender des IPCC, des Weltklimarats der Vereinten Nationen, und Generaldirektor des Energy and Resources Institute in Neu-Delhi. "Um den weltweit 1,6 Milliarden Menschen zu helfen, die keinen Zugang zu einem Stromnetz haben, hat mein Institut das Programm ‚Lighting a Billion Lives‘ ins Leben gerufen, an dem Siemens mit seiner Tochtergesellschaft Osram beteiligt ist.“ Dabei können die Nutzer für ein paar Cents Elektrolampen mieten und diese tagsüber an solarbetriebenen Ladestationen wieder aufladen. "Durch die Laternen profitieren die Menschen enorm, da sie nun auch nach Sonnenuntergang arbeiten und lernen können und so zum wirtschaftlichen Erfolg ihrer Dörfer beitragen“, erklärt Pachauri.
Neben Licht soll auch elektrischer Strom in vielen Dörfern ohne Netzanschluss Einzug halten. Ingenieure des Innovationszentrums für erneuerbare Energien von Siemens Corporate Technology (CT) im indischen Bangalore entwickeln derzeit eine Art transportables Kraftwerk. Die Anlage arbeitet bereits so effizient, dass sie die US-amerikanischen Emissionsgrenzen erfüllt und sogar unterbietet. Sie konsumiert pro Stunde etwa 35 kg Kokosnuss-Schalen und erzeugt daraus genügend Elektrizität für ein typisches indisches Dorf mit 50 bis 100 Familien. "Ein spezieller Verbrennungsprozess produziert aus den Schalen Wasserstoff und Kohlenmonoxid“, erklärt Peeush Kumar, verantwortlich für die Entwicklung von Energiesystemen bei CT in Indien. "Die Maschine setzt die Energie des Verbrennungsgases in Strom um, mit einer Leistung zwischen 25 und 300 kW.“ Einzigartig daran sei, dass nur sehr wenig Kühlwasser benötigt werde. Möglich macht das eine neue Technologie für elektrostatische Abscheidung, die gerade in München entwickelt wird, sagt Kumar. "Darüber hinaus wird Kohleasche erzeugt, die in Aktivkohle zur Wasseraufbereitung umgewandelt werden kann“, freut sich der Energie-Experte. "So wird sogar die Asche zu einer wichtigen Einkommensquelle.“
Günstige Entgiftung. Noch wichtiger als Licht und Strom ist sauberes Wasser. Auch hierfür entwickelt Siemens Lösungen, die das Leben von Arm und Reich verändern können. Wie etwa in Singapur: Hier hat das Unternehmen im Jahr 2007 seine weltweite Zentrale für die Erforschung und Entwicklung von Wassertechnologien eingerichtet und ist seitdem ein wichtiger Partner des staatlichen "Waterhubs“ – einem Zentrum zur Entwicklung von kostengünstigen Wasseraufbereitungslösungen (siehe Pictures of the Future, Herbst 2008, Interview mit Rhett Butler). Im Stadtstaat arbeitet Siemens Water Technologies (WT) zusammen mit CT etwa an neuen Materialien, die Schadstoffe wie Arsen binden können. Das Gift ist in weiten Bereichen Nordindiens, im Osten von Bangladesch und im Südwesten der USA bereits von Natur aus in gefährlich hohen Konzentrationen vorhanden. "Um Arsenvergiftungen in vielen Teilen der Welt zu verhindern, haben wir ein Adsorbens für Arsen sowie ein entsprechendes Filtersystem entwickelt und getestet“, sagt Dr. Richard Woodling, verantwortlich für die Technologieentwicklung im F&E-Zentrum von Water Technologies in Singapur. "Das System kann sogar an die Bedürfnisse eines einzelnen Landwirts angepasst und verkleinert werden. Dazu bereitet es bis zu 1 000 l Wasser für weniger als einen halben Cent auf.“ Ist das Arsen erst einmal abgetrennt, kann es aus dem Filter abgeschieden, in Zement gebunden und damit endgültig aus der Umwelt entfernt werden. Die Technologie wird derzeit in den USA getestet.
Währenddessen entwickeln Forscher von CT in Bangalore ein Aufbereitungssystem, das ohne externe Energiequelle bis zu 95 % der organischen Substanzen und bis zu 99 % von Stoffen wie Phosphate und Stickstoff aus Abwässern entfernt. "Die meisten Abwasseraufbereitungsanlagen verbrauchen viel Energie für ihre leistungsstarken Belüftungssysteme, da die Bakterien zum Abbau von organischem Material Sauerstoff benötigen“, erklärt der Forscher Dr. Anal Chavan. "Unser einzigartiges System jedoch nutzt speziell angepasste Mikroorganismen, die den Sauerstoff selbst erzeugen.“
Das Wiederaufbereitungssystem, das die Form eines Korkenziehers hat, wird durch die Kraft des Abwassers betrieben: Fließt es abwärts, bringt es den Korkenzieher in Bewegung – dadurch wird das Abwasser seiner großen Oberfläche ausgesetzt, auf der Bakterien angesiedelt sind. "Darüber hinaus“, fügt Dr. Zubin Varghese, Abteilungsleiter für S.M.A.R.T.-Innovationen bei CT Indien, hinzu, "kann die gleiche Technologie – nur mit anderen Organismen – auch an die Aufbereitung von Wasser angepasst werden, das mit Abfällen aus der Chemie- oder Petro-Industrie verseucht ist.“ CT Indien und Siemens Water Technologies suchen jetzt nach einem passenden Dorf für ein Pilotprojekt. "Das ist ein perfektes Beispiel für eine Technologie nach dem S.M.A.R.T.-Prinzip“, sagt Varghese. "Die Größe des Systems kann genau auf die Bedürfnisse skaliert werden. Dann wird es per Lkw in ein Dorf gebracht und verwandelt dort mit nur geringem Zusatzaufwand Abwasser in reines Nass – vielleicht sogar mit Hilfe der Aktivkohle aus dem Kokosnuss-Biomasse-Kraftwerk.“
Digitales Stethoskop. Neben Licht, Energie und sauberem Wasser gehört auch die Gesundheitsversorgung zu den unverzichtbaren Errungenschaften einer Gesellschaft. In Indien, wo fast 85 % der Bevölkerung noch keinen Zugang zu medizinischer Versorgung haben, will die Regierung das Budget für das Gesundheitswesen mehr als verdoppeln – auf fast 2% (20 Mrd. $) des Bruttoinlandsprodukts. Auch Technologien, um eine medizinische Grundversorgung zu gewährleisten, sind in Vorbereitung. Jedes Jahr werden in Indien beispielsweise 30 Millionen Babys geboren, von denen 30% – täglich etwa 27.000 – zu den Risikogeburten zählen. Helfen könnte ein Gerät zur Herzschlagüberwachung des Fötus, das Siemens derzeit entwickelt. Die Diagnose von Risikoschwangerschaften würde dadurch enorm vereinfacht und deren Behandlung beschleunigt. "Das wird ein spannendes Produkt – es gibt nichts Vergleichbares auf dem Markt“, meint D. Raghavan, Leiter des Health-care Sektors von Siemens Indien.
Der Überwachungsapparat ist eine Art digitales Stethoskop, ausgestattet mit modernster Elektronik und von CT Indien entwickelten Algorithmen. Das kostengünstige Gerät kann den Herzschlag des Fötus vom Herzschlag der Mutter unterscheiden. In Kombination mit einem Bauchgurt, einem Funkmodul, einem akustischen Sensor und einem Schwingungssensor, der Muskelkontraktionen aufnimmt, lässt sich damit das Kind in Geburtsstationen kontinuierlich überwachen. "Endet etwa eine Wehe, muss sich der Herzschlag des Fötus wieder normalisieren“, erklärt Archana Kalyansundar, der bei Siemens in Indien für Technologien für das ländliche Gesundheitswesen verantwortlich ist. "Ist dies nicht der Fall, kann es Komplikationen geben. Dann löst das Gerät einen Alarm aus, der einen Arzt an das Bett der Mutter ruft.“
Sowohl bei Verbrauchern und Firmen wie bei öffentlichen Organisationen wächst die Nachfrage nach robusten Lösungen, die langfristig Einsparungen bei den Betriebskosten bieten. Siemens stellt passende Lösungen für eine Vielzahl von Infrastrukturbereichen zur Verfügung. "So ist etwa die Nachfrage nach Systemen, die die Energieeffizienz verbessern, enorm“, sagt V. V. Paranjape, Leiter des Sektors Industry von Siemens in Indien. Seine Organisation, die fast 3.500 Mitarbeiter beschäftigt, liefert die elektrischen Systeme der neuen Züge für den öffentlichen Nahverkehr in Mumbai. "Dank unserer Technik der Bremsenergie-Rückgewinnung und der Effizienz unserer Motoren und Leitsysteme verbrauchen die Züge nicht nur wenig Strom, sondern können auch in kürzeren Abständen fahren und dadurch mehr Passagiere befördern.“
Auch bei der Energieverteilung konnte dank Siemens-Technologie die Übertragungskapazität bestehender Stromleitungen um 25 % erhöht und so die Übertragungsverluste und die damit verbundenen CO2-Emissionen verringert werden. "Dank Forschung und Entwicklung im Bereich der Leitsysteme und der intelligenten Geräte zur kontinuierlichen Überwachung von Stromleitungen haben wir nun in Indien einen Marktanteil von 100 % für so genannte Flexible Drehstrom-Übertragungssysteme (FACTS)“, erklärt Ajay Kumar Dixit, Vice President des Sektors Energy von Siemens in Südasien und Leiter für Produktinnovationen in Indien.
Von der Grundversorgung der ländlichen und städtischen Bevölkerung bis zu großen Infrastruktureinrichtungen: Die Nachfrage nach besserer Qualität zu geringeren Preisen wird weiter steigen – nicht nur in den Entwicklungsländern. Doch wie kann eine noch höhere Effizienz erzielt werden? Wie dies in Städten gehen könnte, demonstriert Siemens mit der "City of Tomorrow“, einem bislang einzigartigen System zur Szenarienerstellung, das von Siemens und der Universität Singapur entwickelt wurde. "Damit kann Siemens seine Lösungen für Städte interaktiv vorstellen“, erklärt Klaus Heidinger, zuständig für Stadtmanagement bei Siemens IT Solutions and Services in Singapur. "Das System zeigt Anwendern, wie Dienstleistungen – etwa Transport und Energieerzeugung – miteinander verbunden sind. So kann man die ganze Komplexität dieser ineinander greifenden Bereiche anschaulich machen – letztlich kann man damit vor allem Synergien identifizieren, mit denen sich wichtige Dienstleistungen weiter verbessern lassen, während sie zugleich die Kosten senken.“