Ob es um Arbeitsprozesse in Krankenhäusern geht, um die Produktion in Fabriken oder den Job von Zugbegleitern - überall werden leicht verständliche Software und Bedienoberflächen gebraucht. Doch um die richtige Lösung zu finden, muss man die Menschen an ihrem Arbeitsplatz sehr genau beobachten.
Mobiler Alleskönner: Tablets als Arbeitserleichterung
Maschinen per Smartphone steuern: Forscher entwickeln mobile Apps für den Einsatz in Fertigungshallen.
Beate Schwichtenberg sitzt im OP-Saal, als wäre sie gerade in Papua-Neuguinea gelandet. Alles so fremd hier. Gut, den Operateur erkennt man, aber dann gibt es die Instrumenteure, Springer, die Anästhesisten. Gebannt beobachtet sie das Geschehen. Die Unfallchirurgie der großen Universitätsklinik wirkt für sie fast wie eine Schreinerwerkstatt, so viel wird hier mit Bohrmaschine und Schrauben gearbeitet. Wie ein Schatten und ohne zu sprechen bewegt sich Schwichtenberg mit dem Krankenhauspersonal, notiert jede Aktion, jede eingespielte, ungeschriebene Regel, jeden winzigen Prozess. Dabei gehört sie gar nicht dazu.
Sie ist Usability-Expertin. Ihr Job: Menschen an ihrem Arbeitsplatz zu studieren, um Systeme zu entwickeln, die ihnen die Arbeit erleichtern. Das Handwerk dafür hat sie beim Studium der Kognitionswissenschaften an der University of California in San Diego erlernt. Ihre Kollegen im Usability-Labor von Siemens Corporate Technology (CT) in München haben ähnliche Abschlüsse: in Psychologie, Informatik oder Kommunikationsdesign, meist mit Schwerpunkt Mensch-Maschine-Interaktion. Mittlerweile gibt es sogar spezielle Studiengänge. Sie heißen Human-Computer-Interaction, Usability Engineering oder Human Factors. „Denn vor allem der Mensch, und wie er mit dem Computer und den Maschinen umgeht, das ist entscheidend für die Produktivität eines Unternehmens“, sagt Dr. Martin Scheurer, Leiter des Usability-Labors.
Deswegen sollten Systeme gut an den Menschen und seine Arbeitsweise angepasst sein und nicht umgekehrt: „Wir müssen verstehen, wo die Anwender herkommen“, sagt Schwichtenberg. „Nur dann lassen sich Systeme so gestalten, dass sie in deren Welt passen.“ Dafür begibt sie sich „ins Feld“, arbeitet mit ethnographischen Methoden und versucht, das implizite Wissen „der Eingeborenen“ abzuzapfen, wie sie sagt. „Man benötigt dieses Wissen, um bestimmte Selbstverständlichkeiten, die Wortwahl oder Verhaltensweisen analysieren zu können.“ Ihr Spezialgebiet: deutsche Kliniken. Während der letzten sechs Jahre hat sie bestimmt 40 von ihnen besucht.
Das mit Papua-Neuguinea ist übrigens gar nicht so weit hergeholt. Denn Schwichtenberg lernte bei Prof. Edwin Hutchins am Lehrstuhl für Kognitionswissenschaften in Kalifornien. In den 80er-Jahren erforschte Hutchins auf dem pazifischen Inselstaat Papua-Neuguinea das Leben der Ureinwohner. Seine Methode übertrug er später auf die Arbeit von US-Marine-Truppen und auf weitere Arbeitskulturen. Schwichtenberg sagt: „Im Grunde ist den meisten von uns das System Krankenhaus genauso fremd wie Papua-Neuguinea.“ In jeder Kultur gelten Regeln, die alle Beteiligten kennen, die für Außenstehende aber nicht so klar sind.
Die Ergebnisse der Studien von Schwichtenberg und ihren Kollegen sind in Zusammenarbeit mit Siemens Healthcare in ein hoch entwickeltes Krankenhaussystem eingeflossen: Es hat ein intuitives Bedienprinzip, das auf typische Arbeitsweisen und den Arbeitskontext aller Berufsgruppen in der Klinik zugeschnitten ist – von der Aufnahmekraft über den OP-Koordinator bis zum Medizincontroller. „Das Gesicht des Systems“, sagt Schwichtenberg, „muss für sie vertraut wirken. Wenn die Verwaltungskraft gern mit Merkzetteln arbeitet, weil sie sich viele Notizen machen muss, kann die Software das auch.“ Es ist praxisnah für die verschiedenen Berufsgruppen eines Krankenhauses.
Ein Beispiel: Klinikaufenthalte werden oft Wochen im Voraus geplant. Dafür ist der Belegungsmanager zuständig, er teilt die Betten zu, plant Untersuchungs- und OP-Termine, muss beachten, dass Betten für Notfälle frei bleiben und die Verteilung gerecht ist – die Stationen sollen ausgewogen belegt sein. Schwichtenberg hat beobachtet, wie der Manager arbeitet und welche Dokumente und Hilfsmittel verwendet werden. Heute vereint das System, an dem sie gearbeitet hatte, all dies in einer Applikation: dem Case Management. Eine graphische Übersicht zeigt die Anzahl der belegten Betten, es gibt einen Kalender für die Aufnahme von Patienten und eine Suchfunktion für freie Betten.
Der Anwender muss sich nur mit der Applikation auskennen, die für seine eigene Arbeit wichtig ist – es gibt Module für Tätigkeiten wie Ambulanz, Station, OP oder Patientendatenmanagement. Die beiden Sphären eines Krankenhauses, die klinische und die administrative, sind miteinander verbunden. „Der Unterschied ist“, erklärt Schwichtenberg, „dass man im klini-schen Bereich mit Patienten – dem Menschen – arbeitet. In der Verwaltung hat man keinen Patientenkontakt, sondern eine Fallnummer.“ Die Arbeitsabläufe sind da völlig verschieden, aber das System vernetzt sie alle miteinander.
Eine App für Zugbegleiter. Für ihre Aufgabe blicken Usability-Experten ständig in fremde Welten. Martin Kessner, ein Kollege von Beate Schwichtenberg, hat beispielsweise zuletzt Zugbegleitern in Zügen der Deutschen Bahn über die Schultern geschaut. Er beobachtet sie und versucht herauszufinden, welche Applikationen ihnen helfen könnten. Derzeit konzipiert Kessner eine App auf einem Smartphone für Zugbegleiter in Zügen wie die der kommenden ICx-Flotte. Denn wenn die Zugbegleiter die bis zu 400 Meter langen Züge ablaufen, störe sie vor allem der „Gerätezoo“, den sie ständig bei sich tragen müssten, verrieten sie dem Usability-Experten. Und trotzdem hätten sie nicht alle nötigen Funktionen zur Hand.
„Mit der entsprechenden App auf einem Smartphone könnten Zugbegleiter viel mehr Dinge mobil erledigen, das kommt ihrer Arbeitsweise sehr entgegen“, sagt Kessner. So könnten sie etwa auch außerhalb des Zugbegleiterabteils Durchsagen machen und unter-einander kommunizieren, die Klimatisierung regulieren oder in die Türsteuerung eingreifen. Bisher funktioniert dies nur über die Schaltkonsole im Zugbegleiterabteil. Außerdem könnte das Zugsystem Störungssignale, etwa über defekte Toiletten oder entriegelte Türen, direkt auf das Smartphone des Schaffners senden. Das heißt: Zug und Zugbegleiter „sprechen“ quasi in Echtzeit miteinander.
Mobil arbeiten können. Eine App für die Arbeitswelt – dahinter steckt der von Siemens vertretene „Mobility First“-Ansatz: die Idee, die wichtigsten Aufgaben für Berufsgruppen in einer App abzubilden, sei es im Krankenhaus, in Zügen oder in Fabriken. Denn auch in den Produktionsanlagen setzt Siemens verstärkt auf mobile Applikationen. So wird im Test Application Center Erlangen, eine Art Labor für Werkzeugmaschinen mit Sinumerik-Steuerung, gerade der Prototyp Sinumerik Mobile getestet: eine App für die Steuerung und Diagnose von elektronisch gesteuerten Werkzeugmaschinen in Fertigungshallen. Die Maschinen können damit vom Bedienpersonal bequem über ein Smartphone gesteuert werden. „Wichtiger ist aber, dass mit der App Einschränkungen der Maschine ausgeglichen werden“, sagt CT-Forscher Christian Butter, der das Projekt gemeinsam mit Uwe Scheuermann von Siemens Industry Motion Control betreut.
Sinumerik-Maschinen werden auf der ganzen Welt im produzierenden Gewerbe eingesetzt, etwa für CNC-Fräsen, Drehmaschinen, Druckguss- und Spritzmaschinen – und sie müssen natürlich auch in China bedient werden. Allerdings unterstützt das Touch Panel der Maschine bisher nicht die Eingabe von Texten in speziellen Sprachen – etwa in chinesisch. Mit Hilfe der App kann der Nutzer nun Text in jeder beliebigen Sprache an die Werkzeugmaschine senden, etwa einen Störkommentar oder einen Hinweis auf ein neu aktiviertes Programm. So sehen auch die Kollegen auf einen Blick, in welchem Betriebsmodus die Maschine gerade ist. Früher war das komplizierter und weniger benutzerfreundlich.