Was haben Autos, Telefone, Wasserfilter und Hörgeräte gemeinsam? Auf den ersten Blick nicht viel. Doch auf all diese Dinge sind Menschen im Alltag angewiesen. Nur selten machen wir uns bewusst, was an komplexer Technik dahinter steckt.
Technischer Fortschritt: Innovationen revolutionieren unser Leben – das reicht von den Hightech-Prothesen des Olympioniken Oscar Pistorius über Atemluft-Sensoren, die beim Sport die Fettverbrennung messen, bis zu neuen Hörgeräten.
Technische Hilfe: In Indien hat Siemens ein abgelegenes Dorf unter anderem mit Wasserfiltern ausgerüstet.
Fliegende Transportkapseln, selbstfahrende Autos, holographische Displays, die per Handbewegung bedienbar sind, und eine Methode, mit der man Morde vorhersehen und sie dadurch verhindern kann. So sehen technologische Phantasien für das Jahr 2054 aus, zumindest, wenn es nach Steven Spielbergs Team von Zukunftsforschern geht, das er für den Film „Minority Report“ zusammengestellt hatte. Ob unser Alltag in ein paar Jahrzehnten wirklich so ablaufen wird, wie es M.I.T.-Wissenschaftler wie John Underkoffler oder Douglas Coupland, Autor von „Generation X“, im Jahr 2001 aufschrieben, sei dahin gestellt. Technikvisionen sind jedenfalls nichts Neues: Schon die Mayas schmückten die Wände ihrer Tempel mit Ornamenten, die aussehen wie Flugmaschinen. Doch was steckt dahinter? Ist es der Drang nach Fortschritt? Die Gier nach Neuem, die Neugier? Oder einfach der Wunsch, den Menschen das Leben einfacher und leichter zu machen? Denn die Herausforderungen unserer Zeit verlangen nach neuen Lösungen, nach Technik im Dienste des Menschen.
Beispielsweise in der Gesundheitsversorgung, wie Dr. Norbert Hültenschmidt vom Beratungsunternehmen Bain & Company erklärt: „Die Herausforderungen für die Gesundheitssysteme weltweit sind gleich: ein starker Anstieg der Kosten durch vermehrte Nachfrage. Diese wird getrieben von mehr Wohlstand und einer alternden Bevölkerung.“ So sind Diabetes oder Krebs längst nicht mehr nur ein Problem der Industriestaaten. Die Zahlen sprechen für sich: 36 Millionen Menschen sterben jährlich an derartigen Krankheiten – 80 Prozent der Todesfälle treten laut Weltgesundheitsorganisation bereits in Entwicklungs- und Schwellenländern auf. Aber auch die zunehmende Alterung der Gesellschaft geht mit steigenden Kosten einher. Laut Alzheimer Disease International (ADI) beliefen sich 2010 die Gesamtkosten bei Demenzerkrankungen weltweit auf etwa 604 Milliarden US-Dollar. Also, was tun? In jedem Fall müssen viele Länder ihre Gesundheitssysteme reformieren. Auch technischer Fortschritt könnte die Kosten senken, bei gleichzeitig besserer Behandlung – etwa mithilfe personalisierter Medizin. Hier markiert der 26. Juni 2000 ein historisches Datum. An diesem Tag fand eine Pressekonferenz mit dem ehemaligen US-Präsidenten Bill Clinton und den beiden Forschern Craig Venter und Francis Collins statt, die die erste Entzifferung des menschlichen Genoms verkündeten. Ein wichtiges Ziel der Forscher gilt bis heute: Sie wollten die Tür für eine individualisierte Medizin öffnen, die Krankheiten dank des Wissens um die genetische Veranlagung und dank neuer Verfahren der Früherkennung rechtzeitig diagnostiziert – so dass eine effiziente Therapie möglich ist. Dann könnten tatsächlich bessere Heilungschancen Hand in Hand gehen mit geringeren Kosten für das Gesundheitssystem.
Die Siemens-Forscher des Projektes Translational Biotechnology haben genau dies vor Augen. Zusammen mit Kollegen der Universität Heidelberg haben sie eine Software zur Gen-Analyse von Herzmuskelschwächen entwickelt (Link auf S.86). Doch lassen sich Erkrankungen auch noch auf andere Weise früher erkennen: So will Prof. Dr. Maximilian Fleischer von Siemens Corporate Technology (CT) ein Gerät entwickeln, das dank Sensoren nicht nur Krebserkrankungen, sondern auch Allergien oder Infektionen mithilfe von Atemproben quasi „erschnüffeln“ kann. Auch Sportbegeisterte kommen auf ihre Kosten. Mit einem handyleichten Gerät, in das ein Sensor eingebaut ist, sollen sie künftig nur durch Pusten feststellen können, wie viel Fett sie gerade beim Sport verbrennen.
Dass Menschen immer älter werden, ist eigentlich eine gute Nachricht, doch damit steigt auch die Zahl der Kranken weiter an. Allerdings muss „Altern” nicht immer negativ besetzt sein. Vernetzt, mobil und selbstständig – so könnten Senioren von morgen leben. Hierfür erprobt Siemens mit Partnern in einem dreimonatigen Praxistest Assistenzsysteme, die ältere Menschen dazu befähigen sollen, ihren Alltag unabhängig zu gestalten. Hierzu zählen etwa Raumsensoren, die Notfälle erkennen und automatisch Hilfe anfordern, oder auch eine Armbanduhr, die die Bewohner darüber informiert, ob in der Wohnung noch Licht brennt oder ein Fenster offen steht.
Während sich diese Technologien noch in der Forschungsphase befinden, erleichtern uns viele andere bereits den Alltag – seien es Wettervorhersagen, das mobile Internet, Verkehrssysteme oder neue Hausgeräte. Und das ist sicher nicht das Ende der Entwicklung: Siemens führt zusammen mit Partnern gerade einen Feldtest in Nordrhein-Westfalen durch. Ziel ist es, herauszufinden, wie mittels intelligenter Informations- und Kommunikationstechnologien die Stromversorgung in Privathaushalten künftig automatisiert und effizienter gestaltet werden kann – dies soll sich positiv auf den Geldbeutel auswirken.
Auch die heutigen Smartphones könnten bald der Vergangenheit angehören, meint Dr. Patrick Baudisch, der am Hasso Plattner Institut in Potsdam an außergewöhnlichen Bedienkonzepten forscht. „Desktop-Computer und mobile Geräte werden sich vereinigen. Wir werden nur noch einen einzigen Computer bei uns tragen – und der hat die Funktionsweise und Form eines Mobiltelefons.“ Dies ist jedoch nur ein Beispiel von vielen, an denen Baudisch arbeitet. So untersucht er etwa neue Bedienmöglichkeiten wie Touch-Fußböden, die ähnlich wie die Raumsensoren von SmartSenior, Notfälle melden können, oder aber auch implantierte Medizingeräte wie Herzschrittmacher, die sich auch ohne ärztliche Hilfe durch die Haut hindurch bedienen lassen.
Damit sich solche Innovationen durchsetzen, ist es wichtig, dass man sie so benutzerfreundlich wie möglich gestaltet. Daher steht bei den Forscher-Teams von Siemens die Nutzerfreundlichkeit ganz oben auf der Agenda. So entwickeln Werner Chmelar und sein Team beispielsweise im Werk von Siemens Rail Systems in Wien neuartige Haltestangen für die Inspiro-Metro. Diese sehen aus wie Äste von Bäumen. Das soll zum einen den Gedanken der Nachhaltigkeit repräsentieren, und zum anderen dank ihrer unterschiedlichen Höhe Personen jeder Größe Halt bietet. Auch behindertengerecht soll die neue Metro sein. Genau auf diesen Aspekt hin prüft sie Klaus-Peter Wegge, der selbst blind ist und daher leicht entsprechende Verbesserungsvorschläge unterbreiten kann. Usability-Experten von Siemens nehmen auch Arbeitsplatzbedingungen unter dem Aspekt der Nutzerfreundlichkeit unter die Lupe. Beispielsweise entwickeln sie eine App, mit der Zugbegleiter in Echtzeit untereinander kommunizieren können – egal, wo sie gerade sind. Dies spart Zeit und beschleunigt die Arbeitsabläufe. Derartige Apps für Smartphones und Tablet-PCs dürften künftig in vielen Arbeitsbereichen wie etwa in Krankenhäusern oder Fabriken an Bedeutung gewinnen und die Arbeitsprozesse effizienter gestalten.
Mit wenig viel erreichen. Technologien, die uns im Alltag unterstützen, sind eine feine Sache. Doch sind sie nicht für jedermann zugänglich. In Indien beispielsweise leben etwa 70 Prozent der Bevölkerung von nur zwei US-Dollar pro Tag. Hier mangelt es am Nötigsten: sauberes Trinkwasser, Hygiene und Strom – mit erheblichen Folgen für die Lebensbedingungen. Betroffen ist insbesondere die ländliche Bevölkerung. In Amle, 130 Kilometer nördlich der indischen Großstadt Mumbai, ist dies seit kurzem nun anders: Im Sommer 2012 installierte Siemens hier Solaranlagen und Wasserfilter. Die Dorfbewohner profitieren seitdem von etwa 20.000 Liter sauberem Wasser pro Tag, wodurch sie sich nicht nur den langen Fußweg zum nächsten Brunnen sparen. Auch Krankheiten wie Durchfall spielen nun eine geringere Rolle – allein daran sterben in Indien etwa 1.600 Menschen pro Tag. Außerdem verfügen die Bewohner von Amla nun über Elektrizität und Licht – was auch der Bildung nützt: Die Kinder können am Abend noch lernen.
Projektmanager Prashant Chandwadkar ist von dem Projekt überzeugt: „Dank solcher Technologien könnte man jedes Dorf in Indien auf ähnliche Art und Weise transformieren.“ Dies macht deutlich, dass Technologien, die den Menschen nützen, nicht unbedingt den Beispielen aus dem Film „Minority Report” folgen müssen. Auch kleine und kostengünstige Lösungen können sehr nützlich sein – manchmal reicht sogar ein 1,5 Meter kurzer Wasserfilter, der in Amla 300 Menschen ein Stück neues Leben geschenkt hat.