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Dr. Ulrich Eberl
Herr Dr. Ulrich Eberl
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Dr. Ulrich Eberl
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2060

Wissenschaftler führen abschließende Tests am Weltraumlift durch, der Passagiere und Fracht zu einer riesigen Forschungs- und Wohnstation in rund 36.000 km Höhe befördern wird. Jeder Teil der Einrichtung hat seine eigene IP-Adresse und wird überwacht von ameisenähnlichen Wartungsrobotern. Eines Tages ist einer dieser Roboter verschwunden - offenbar der erste Schritt eines für die Forscher neuen Optimierungsplans.

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Gemeinsam sind wir ein starkes Team

Hoch über der Erde entdeckt die Leiterin des ersten Weltraumlift-Projekts eine Anomalie ihrer autonomen, intelligenten und vernetzten Systeme. Und es ist weit mehr als nur eine Anomalie...

Was für eine Aussicht!“, sagte sie atemlos. Wir standen in einem verglasten Observatorium unserer neuen Station – rund 36.000 Kilometer über der Erde, die nur noch eine blau-weiße Scheibe von der Größe eines Tennisballs war. „Ja“, entgegnete ich. „Ich finde den Blick auch immer wieder atemberaubend.“

„Also, was ist los?“, fragte sie. „Du hast Dich am Kommunikator sehr besorgt angehört.“ „Ja, das bin ich auch“, antwortete ich. „Und darüber wollte ich persönlich mit dir reden.“ Marisa und ich kennen uns schon ewig. Wir wuchsen gemeinsam in der Nähe von Mailand auf und studierten zusammen Elektrotechnik. Danach ging ich zur Europäischen Weltraumorganisation, während „Risa“ in einem Unternehmen arbeitete, das auf Simulationslösungen für die Industrie spezialisiert ist.

Deren Technologie wurde verwendet, um jeden Teil der Anlage unseres Weltraumlifts und sein in den Himmel ragendes „Exploratorium“ zu testen. Dort befanden wir uns nun – in einem riesigen Komplex von Laboren, Wohnanlagen sowie Träger- und Andocksystemen für kommende Missionen in unser Sonnensystem. Die vergangenen fünf Jahre hatte ich mich mit der Koordinierung der Projektteile beschäftigt.

„Vor ein paar Tagen ist etwas sehr Seltsames passiert“, sagte ich. „Wir glauben, dass sechs unserer ANS – diese ameisenähnlichen autonomen vernetzten Systeme, die wir hier für alle Wartungsarbeiten einsetzen – ein siebtes, wie soll ich sagen … kannibalisiert haben.“ „Was meinst du damit?“, fragte Risa. „Es gibt ein kurzes Video, in dem sich ein kleiner Schwarm von ANS dem Opfer nähert, während es mit Oberflächenanalysen der Tragseile beschäftigt ist“, erklärte ich. „Das Bild der Augenkamera des Opfers wurde dann plötzlich schwarz, und auch die Videos der Angreifer zeigen nichts – als ob das Opfer digital entfernt worden wäre, um keine Spuren zu hinterlassen. Aber die RFID-Transponder, die sich in jedem Teil des Opfers befanden, wurden in Tei len der sechs Angreifer gefunden. Die allerdings arbeiten jetzt offenbar effizienter als alle anderen ANS. Wie kann so etwas passieren?“

Marisa sah auf die schier endlosen Kabel aus Kohlenstoffnanoröhren hinab, die vom Exploratorium nach unten führten und einen kontinuierlichen Strom von Fracht- und Passagiermodulen für Versorgung und Transport sicherstellen sollten. Die Aufzüge, noch in der Testphase, sollen künftig die Wirtschaftlichkeit der Raumfahrt grundlegend ändern. Noch vor kurzem kostete der Materialtransport in die geostationäre Umlaufbahn bis zu 20.000 US-Dollar pro Kilo. Sobald der Weltraumlift voll in Betrieb wäre, könnten sie dann auf 100 Dollar pro Kilo sinken.

„Die Tests und Simulationen waren eure Aufgabe. Wir haben nur die Software bereitgestellt“, meinte Risa. „Das stimmt“, entgegnete ich. „Und Du weißt, dass wir umfassende Simulationen von den Werkstoffen bis zu den Einzelteilen jedes Systems durchgeführt haben. Wir haben getestet, wie sich Materialien und Teile bei den Temperaturen, der Strahlung und den Belastungen hier oben verhalten würden. Außerdem haben wir ihre Wechselwirkungen und sogar die Fertigungsverfahren für alle Teile simuliert, auch die der ANS. Aber wir mussten auch immer die Unsicherheit bewerten. Was wir in der Hochschule über die Vorhersage von Rissausbreitungen und die Ermittlung damit verbundener Risiken gelernt haben, führte uns bald zu einer wesentlich schwierigeren Frage – nämlich der Unsicherheit von Vorhersagen über vernetzte Systeme: Wie reagieren sie, wenn sie intelligent werden, kommunizieren und voneinander lernen?“

„Du hast gesagt, die ANS-Angreifer sind effizienter geworden“, sagte Marisa. „Was meinst du damit?“ „Sieh selbst“, antwortete ich und berührte die durchsichtige Oberfläche des Observatoriums. Wir sahen eine Gruppe von sechs ANS, die sich an einem der riesigen Aufzugkabel bewegte. Damit wollte man testen, ob die Simulationen, mit denen die Belastung durch die Beschleunigung für sehr schnelle Fahrten des Aufzugs ermittelt wurden, korrekte Ergebnisse geliefert hatten. Als ich die durchsichtige Oberfläche berührte, erwachte die OLED-Schnittstelle zum Leben. Die hauchdünne Schicht erkannte meinen Fingerabdruck und meine genetische Signatur und verschaffte mir sicheren Zugang zu jeder Menge Daten. Ich zoomte den relevanten Bereich heran, damit wir das Aussehen und Verhalten der ANS beobachten konnten. „Wie die meisten unserer ANS arbeiten auch diese allein oder paarweise. Aber nun bewegen sich alle sechs gemeinsam am Kabel hinunter. Ihr Datenaustausch – mitsamt den in Echtzeit komprimierten Videos, dem Ultraschall, den Signalen der Bewegungsmelder und den Selbstdiagnosen – zeigt, dass alle absolut synchron arbeiten. Sie prüfen das Kabel gemeinsam auf Anzeichen von Beschädigungen. Es scheint, als hätten sie einen einzelnen, mobilen Multi-Sensor gebildet“, erklärte ich. „Wenn man ihre RFID-Signaturen betrachtet, also auch die IP-Adressen aller Einzelteile“ – ich änderte schnell die Ansicht – „fallen aber Anomalien wie zum Beispiel Chips auf, die ursprünglich im Opfer eingesetzt waren. Diese ANS haben sich selbst hochgerüstet!“

„Faszinierend!“, meinte Marisa eher zu sich selbst, während sie den ANS zusah, wie sie sich eifrig ihren Weg bahnten. „In einem unserer letzten Forschungsprojekte wurde die Wahrscheinlichkeit der spontanen Entstehung von neuem Verhalten überprüft, bei verschiedenen intelligenten vernetzten Geräten. Und jetzt ist es so weit! Die Aufgabe der ANS besteht ja nicht nur darin, Anomalien zu entdecken, die zum Problem werden könnten, sondern alles zu optimieren, mit dem sie in Kontakt kommen. Und nun haben sie für mehr Effizienz einen Schritt in Richtung Selbstoptimierung gemacht. Das ist Schwarmintelligenz, es ist der Kern des Internets der Dinge. Wir erleben hier einfach ein System, das sich so verhält, wie es soll.“

„Du meinst also, wir müssen uns keine allzu großen Sorgen machen?“, fragte ich. „Kann es nicht passieren, dass die ANS uns auf eine Weise überraschen, die wir nicht gerade für optimal erachten?“ „Das sind doch nur Maschinen“, entgegnete Risa. „Notfalls drückst du einfach den ANS System Central Reset Knopf in der Betriebszentrale, deaktivierst sie zur Überprüfung, und alles ist wieder in Ordnung.“ „Risa“, sagte ich, „deshalb wollte ich dich ja von Angesicht zu Angesicht sprechen. „Ich habe den Reset-Knopf gedrückt, aber passiert ist nichts! Was wird denen jetzt als nächstes einfallen?“

Arthur F. Pease