Geschichte zum Anfassen: Andy ist auf Deutschlandreise und besucht mit seiner Frau Jennifer die Heimatstadt seines Großvaters. Die Attraktion: das Energiemuseum, in dem beide lernen, wie die Bundesrepublik in den letzten 40 Jahren ihr System großteils auf grüne Energien umgestellt hat. Ein kleiner Roboter fungiert als Museumsführer, und Andy entdeckt, dass die Panoramascheibe vor ihm ein interaktives Multimedia-Fenster ist...
Deutschland, 2050. Auf der Aussichtsplattform eines Energiemuseums informieren sich zwei ausländische Besucher über den bisher größten Umbau eines Energiesystems.
Das ist ja unglaublich.“ Andy steht auf der Besucherplattform des städtischen Energiewende-Museums, drückt seine Nase an die Panoramascheibe und staunt ob der fabelhaften Aussicht auf die Stadt, in der sein Großvater aufgewachsen ist. „Schau doch mal“, ruft er begeistert zu seiner Frau Jennifer. „Vor uns liegt die ganze Energiewende-Geschichte der letzten 40 Jahre Ausstieg aus der Kernkraft, 80 Prozent Anteil der Erneuerbaren am Strommix und 80 Prozent weniger Treibhausgas-Emissionen. Aber das Ergebnis sieht gar nicht so futuristisch aus, wie ich es mir vorgestellt habe.“ Andy lässt seinen Blick über die Stadt schweifen und gerät plötzlich ins Stocken. „Ich werd’ verrückt“, ruft er. „Das Haus dort unten mit den zwei Türmchen muss die Schule meines Großvaters sein. Das kenne ich noch von seinen Fotos.“
„Bitte drückt die Nasen nicht an das Glas“, ertönt plötzlich hinter dem Ehepaar eine grummelnde Stimme. „Das gibt nur Flecken auf dem Multimedia-Fenster.“ Andy und Jennifer drehen sich erschrocken um. Vor ihnen steht ein kleiner Roboter, der Andy an alte Science- Fiction-Klassiker erinnert. „Ja, wer bist denn Du?“, fragt Jennifer den kleinen Mann aus Blech. „Wer bin ich und warum nur einer? Gute Frage, sehr gut“, antwortet dieser. „Mein Name ist Energon, und meine Aufgabe ist es, den Besuchern dieser Plattform Antworten auf ihre Fragen zu geben. Bitte nur Fragen zur Energiewende, wenn es Recht ist.“
„Ganz schön frech, dieser Blechkasten“, denkt sich Andy und beschließt, den kleinen Metallmann sogleich zu prüfen: „Unter uns sehen wir die alte Schule meines Großvaters“, beginnt er. „Laut seinen Erzählungen wurde sie mit einer stinkenden und kaum regelbaren Ölheizung beheizt. Und doch war es immer kalt – wegen einer schlechten Dämmung und der Tatsache, dass wegen mangelnder Frischluft ständig das Fenster aufgemacht werden musste.“ „Die Frage bitte“, mahnt Energon und rollt dabei mit blau leuchtenden Augen. Andy fährt ungerührt fort: „Es heißt, dass im Zuge der Energiewende die Gebäude in Deutschland so energieeffizient wie möglich gestaltet wurden. Aber das kann zumindest bei dieser Schule nicht sein, da sie noch genauso aussieht wie vor vielen Jahrzehnten. Oder irre ich mich?“
Energon lächelt: „Danke für die Frage. Aber bevor ich antworte, zeigt mir doch bitte das besagte Gebäude.“ Irritiert deutet Andy auf das unter ihm liegende Haus und fährt augenblicklich erschrocken zurück: Dort, wo er gerade noch seine Nase an die Fensterscheibe gedrückt hat, erscheint plötzlich die Frontansicht der Schule direkt auf Augenhöhe. Energon kann sich ein blechernes Lachen nicht verkneifen: „Das ist die neueste Installation. Dank Gesten- und Augen-Erkennung registriert das Multimedia-Fenster, auf welches Gebäude der Stadt der Besucher zeigt. Ihr seht hier alle energierelevanten Informationen zum Objekt.“
Jennifer nickt: „Das ist wohl ein Vorher-Nachher-Vergleich der Modernisierung der alten Schule?“ Energon zwinkert ihr anerkennend zu und fährt fort: „Wie ihr seht, wurden die Probleme gelöst. Heute sind alle öffentlichen und viele private Gebäude der Stadt fast energieautark – dank Photovoltaikmodulen, transparenten Solarfolien auf den Fenstern, Wärmepumpen, Blockheizkraftwerken und natürlich einer sehr guten Wärmedämmung. Ein Energiemanagementsystem achtet darauf, dass nur soviel Strom wie nötig verbraucht wird und schaltet ungenutzte Systeme temporär aus – dank Sensoren, die merken, ob Räume belegt sind und die für ein ausgeglichenes Wohlfühlklima sorgen, in Sachen Temperatur, Licht, Frischluft und so weiter. Gleichzeitig wird das Regenwasser gesammelt und über Membranfilter zu Trinkwasser umgewandelt. Alles zusammen ergibt maximale Effizienz ohne Komforteinbußen.“
„Und ohne dass sich die Architektur merklich geändert hat“, staunt Andy, und Jennifer schwärmt: „Lass uns das zu Hause auch machen – ich denke, wir brauchen bei uns immer noch zu viele teure Ressourcen!“ Andy will noch mehr vom kleinen Schlauberger wissen. „Wie habt ihr es eigentlich geschafft, 80 Prozent eures Stroms von Erneuerbaren zu bekommen?“
„Muss denn jeder Besucher diese Frage stellen?“, stöhnt Energon, fährt aber wie ein professioneller Fremdenführer fort: „Die Herausforderung bestand vor allem darin, trotz der Fluktuation von Wind und Sonne stets die Balance zwischen Stromnachfrage und Angebot im Netz zu halten. Das ist wie ein Puzzlespiel – die nötigen Maßnahmen müssen perfekt zusammenpassen. Die Preise schwanken mit Angebot und Nachfrage, man muss auch den Verbrauch steuern können, braucht Speicher und intelligente Netzagenten, die die Angebote der vielen kleinen Stromproduzenten unserer Stadt vermarkten und mit dem Bedarf der Verbraucher in Einklang bringen. Das Ganze läuft über eine Strombörse im Internet.“
„Was passiert denn, wenn diese Anlagen mehr Strom produzieren als gebraucht wird?“, möchte Jennifer wissen. „Endlich eine qualifizierte Frage“, freut sich Energon. „Dann sinkt der Preis, und Elektroautos beginnen zu laden, Kühlanlagen legen los, Pumpen laufen, Stromspeicher bieten Speicherplatz an und so weiter. Auf dem Stadtring, den Lieferstraßen und der Autobahn haben wir außerdem eine Spur elektrifiziert: Das heißt, Lkws können sich hier dank Stromabnehmern auf ihren Dächern auch elektrisch bewegen und damit weiter Ressourcen sparen. Wenn das alles noch nicht reicht, wird der überschüssige Strom genutzt, um mittels Elektrolyse Wasserstoff als Energiespeicher herzustellen. Den können wir dann ins Erdgasnetz einspeisen und zum Heizen verwenden, in Gasturbinen wieder in Strom verwandeln oder in Brennstoffzellen-Fahrzeugen für die Fortbewegung nutzen.“
„Wow – das passt wirklich alles zusammen wie ein Puzzle“, sagt Andy. „Ihr habt hier ein vorbildliches nachhaltiges Energiesystem geschaffen, etwas gegen den Klimawandel getan und zugleich auch gegen die Ressourcenverknappung – bei den heutigen Ölpreisen ein sehr kluger Schachzug“, fasst Andy zusammen. „Na ja, so ganz ohne Öl geht es auch bei uns nicht“, widerspricht Energon. „Wir verbrennen es nur nicht. Viele Kunststoffe sind aber immer noch aus Öl … und ich …“ - er legt eine Kunstpause ein, um die Aufmerksamkeit der Besucher zu erhalten. Dann grinst er ein fast schon menschliches Robotergrinsen: „Meine Gelenke brauchen pro Woche mindestens eine Flasche davon – bei den vielen Besuchern, die hier auftauchen!“