Insel-leben mal anders: Noch wenige Jahre vor diesem Szenario hatten die Bewohner der schwimmenden Inseln auf dem Titicaca-See in Peru nicht einmal Strom für Glühbirnen. Dann setzte die peruanische Regierung ein Entwicklungsprogramm auf, welches das Insel-leben der Uros maßgeblich verändern sollte. Das Programm hatte Auswirkungen auf viele Lebensbereiche - ob Bildung, Gesundheit oder Stromversorgung.
Peru 2040: Das Volk der Uros im Hochland Perus war bislang für seinen einfachen Lebensstil auf den schwimmenden Inseln bekannt. Doch wie so oft bleibt nichts wie es einmal war: Vor vier Jahren setzte die peruanische Regierung ein Entwicklungsprogramm für die Inseln auf, das das Leben der Uros maßgeblich verändern sollte...
Die Sonne hinter den Bergen Perus erwacht und lässt den See funkeln wie ein Meer aus Diamanten. Die 80 Quadratmeter große schwimmende Schilfinsel, auf der Juán, der Stammesälteste, mit drei weiteren Familien lebt, schaukelt leicht in der Morgenbrise und hinterlässt kleine, plätschernde Wellen im Wasser. Frauen mit Bowlerhüten, farbenfrohen Röcken und Zöpfen, die bis zu ihren Hüften reichen, sitzen an ihren Webstühlen. Dazwischen flechten Männer Binsenbündel, um ihr schwimmendes Heim auszubauen. Juán ist nicht nur Oberhaupt, sondern auch Schamane der Sippe. Aus Coca-Blättern, so glauben seine Leute, könne er die Zukunft lesen.
So nimmt der alte Mann auch jetzt wieder ein paar der fasrigen grünen Pflanzen, schüttelt sie und breitet die Blätter auf dem Boden aus. „Heute kommen wieder die Ärzte“, verkündet er das Orakel mit einem listigen Augenzwinkern. Die Kinder lauschen mit weit geöffneten Augen seinen Worten. Was sie allerdings nicht wissen: Juán hat diesen Termin höchstpersönlich per Smartphone vereinbart.
Vor ein paar Jahren gab es auf seiner Insel nicht einmal elektrischen Strom, und die Einwohner – die Uros – bestritten ihren Lebensunterhalt mit Handarbeiten. Doch diese Zeiten sind vorbei: Vor vier Jahren setzte die Regierung ein Entwicklungsprogramm auf. So wurden auf den Spitzdächern der Hütten hocheffiziente Solarpanels installiert. Damit konnten die Uros erstmals Strom produzieren – etwa für gespendete organische Leuchtdioden, die als papierdünne Kacheln an den Schilfdecken die Hütten nun in ein warmes Licht tauchen; oder für die beiden kleinen Elektro-Außenborder, mit denen sie ihre schwimmende Inseln am Ufer entlang steuern können.
Zudem ist jede Hütte inzwischen mit WLAN und Tablet-PCs ausgestattet. So können die Kinder per Videokonferenz an einer Fernschule teilnehmen. „Ich bin Fischer und Schiffsbauer – doch seien wir realistisch: Dem See gehen die Fische aus und das Leben auf den Inseln wird schwieriger. Der Jugend soll es besser gehen“, argumentiert Juán. Die besten Schüler erhalten künftig Stipendien, mit denen sie auf dem Festland studieren können. Auch hat der staatliche Energieversorger die Inseln an das intelligente Stromnetz Perus angebunden – die Familien können sich bei Bedarf per Seekabel in das „Smart Grid“ einklinken. Damit kann Juán überschüssigen Solarstrom ins nationale Netz einspeisen und etwas Geld verdienen.
Juán ist zugleich Medizinmann – er gehört zum Kreise derer, die seit Jahrhunderten mit ihren Kenntnissen über Götter und Naturmedizin hohes Ansehen auf den vielen Inseln des Sees genießen. Doch er gesteht auch ein: „Mit der Schulmedizin kann ich nicht mithalten.“ Daher war er erfreut, als vor sechs Monaten das Projekt „Mobile Ärzte“ ins Leben gerufen wurde. Hierfür wurden erstmals die Daten der Inselbewohner in die nationale Gen- und Proteomdatenbank aufgenommen. So konnten Ärzte Krankenprofile aus der Ferne erstellen und maßgeschneiderte Therapien entwickeln. Mittlerweile reisen die Ärzte nach vorheriger Terminabsprache mit Juán an und setzen Insel für Insel die Therapien in die Tat um.
„Da sind sie schon, Kinder! Luíz, bring Oma und Opa zum Ärzte-Bus“, sagt Juán. Das Gefährt der Ärzte einen Bus zu nennen, wäre allerdings etwas altmodisch. Es ähnelt eher einer waagerechten Rakete. Vorne befindet sich die Steuerzentrale – hier kontrollieren Rechner, Sensoren, Kameras und Ortungseinrichtungen anhand der zuvor eingegebenen Zielkoordinaten den Fahrvorgang wie von Zauberhand. Ein Fahrer wäre gar nicht mehr nötig, wird aber angesichts der schwierigen Straßenverhältnisse doch noch eingesetzt.
Ein weiterer Pluspunkt des Gefährts: Das mobile Krankenhaus ist ein rollendes autarkes Stromnetz – somit können Ärzte auch in abgelegenste Regionen fahren und haben immer genug Strom für ihre Geräte dabei. Ausgestattet mit Solarzellen auf dem Dach, mehreren Elektromotoren, einem Notstromaggregat und einem ausklappbaren Windrad ist es unabhängig von einer externen Energieversorgung. „Kamisaraki“, begrüßt Ärztin Luisa Oma Viviana. Doch anstatt zu antworten kichert die alte Dame nur. „Siehst Du das, Viviana?“, Karina tippt auf ihren papierdünnen Tablet-PC und zeigt auf das Hologramm einer Ohr-Projektion, das plötzlich erscheint. „Wir werden Dir heute genau hier einen winzigen Bio-Tab einsetzen“, erklärt Lisa und deutet auf eine bestimmte Stelle im Hologramm. „Du wirst nichts spüren und morgen hörst Du wieder wie eine 16-Jährige“, schreit sie nun, denn sie weiß: Momentan hört Viviana fast gar nichts mehr. Dieser Bio-Tab ist ein Hörgerät der modernsten Generation, das – in beide Gehörgänge eingesetzt – das Stereohören perfektioniert hat. Viviana lächelt schüchtern und nickt.
Derweil scannt Harvey im Bus den Kopf des 70-jährigen Pedro, nachdem er ihm zuvor einen Biomarker gespritzt hat. Beim ersten Ärzte-Besuch wurde Pedro über Alzheimer aufgeklärt, denn die Gen- und Proteomdatenbank gab erste Hinweise darauf, dass er hierfür eine erbliche Veranlagung hat. Und tatsächlich: Die ersten Anzeichen sind bereits auf dem MR-Scan zu sehen. „Das sind die Stellen, an denen durch Alzheimer verursachte Amyloid-Plaques auftreten werden, wenn wir jetzt nichts unternehmen. Wenn Du erlaubst, implantiere ich Dir ein Medikamenten-Dosiersystem, das zu definierten Zeiten bestimmte Stoffe abgibt, die das Fortschreiten der Krankheit bremsen oder vielleicht sogar ganz aufhalten können. Es ist auch über eine Datenschnittstelle mit unserem Krankenhaus verbunden. Wir können regelmäßig prüfen, ob es richtig wirkt.“ Doch Pedro hört gar nicht zu – er ist eher von der Projektion seines Gehirns abgelenkt. Mit großen Augen versucht er sie zu greifen – natürlich ohne Erfolg, denn seine Finger huschen buchstäblich durch sein Gehirn.
An diesem Tag führt das Team 20 Labortests durch, notiert die Ergebnisse in digitale Patientenakten und gleicht sie mit den Befunden anderer Patienten sowie mit den Daten der Gen- und Proteom-Datenbank ab. Zuletzt packt Adam, spezialisiert auf Atemwegserkrankungen, ein Gerät in der Größe eines Handys aus und testet den Atem der Inselkinder mithilfe von Gassensoren auf Asthma und Tuberkulose. Das Ziel: die Rate dieser Krankheiten bis Jahresende um 30 Prozent senken. Bei ihrer Abfahrt steht der Mond bereits hoch über dem See. Juán winkt ihnen ein letztes Mal zu und dann verschwindet seine Insel auch schon in den Nebelschwaden der eiskalten Andennacht.