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Dr. Ulrich Eberl
Herr Dr. Ulrich Eberl
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Dr. Ulrich Eberl
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"Ein gewaltiger Umbruch"

Professor William Brian Arthur (67) ist Mathematiker und Ökonom, und arbeitet derzeit als Gastwissenschaftler am Intelligent Systems Lab des Palo Alto Research Centers (PARC). Grundfragen der Wirtschaftswissenschaften und der technologischen Entwicklung stehen im Mittelpunkt seiner Arbeit. Am Santa-Fe-Institut entwickelte Arthur eine Theorie, die die Ökonomie als ein komplexes System betrachtet, das sich in einem evolutionären Prozess entwickelt. In seinem aktuellsten Buch "The Nature of Technology" geht er der Frage nach, wie Innovationen entstehen. Arthur glaubt, dass vernetzte Computer und Sensoren ein digitales Nervensystem bilden, das unsere Wirtschaft in Zukunft autonom steuern wird.

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Professor Arthur, was verstehen Sie unter der „Second Economy“?

Arthur: Ich sitze gerade in einem Büro von Xerox PARC in Palo Alto und damit im Zentrum des Silicon Valley. Da liegt es natürlich nahe, wenn ich mich als Wirtschaftswissenschaftler mit der „digitalen Revolution“ beschäftige, unter der die meisten Menschen zwei Dinge verstehen: Computer und ihre zunehmende Vernetzung. Ich gehe aber davon aus, dass sich hier etwas noch Tieferes abspielt: Geschäftsprozesse werden zunehmend von Maschinen abgewickelt, ohne dass Menschen dabei überhaupt noch beteiligt sind. Neben der uns bekannten Wirtschaft, die sich mit physischen Dingen oder Dienstleistungen von Menschen beschäftigt, entsteht gerade eine zweite digitale Wirtschaft, bei der sich Server miteinander „unterhalten“ und Handel betreiben. Genau das ist für mich die „Second Economy“.

Wie sieht diese Geschäftswelt der Maschinen in der Praxis aus?

Arthur: Wenn Sie vor 20 Jahren in einen Flughafen gekommen sind, haben sich Menschen um Ihr Ticket gekümmert. Heute stecken Sie Ihre Vielfliegerkarte oder Ihre Kreditkarte in ein Terminal, und sofort beginnt ein „Gespräch“ zwischen Computern in aller Welt: Wenn Ihr Name erkannt ist, überprüfen Computer Ihren Flugstatus und Ihre Flüge in der Vergangenheit. Außerdem werden Ihre Daten mit den Datenbanken von Sicherheitsbehörden abgeglichen. Danach kümmern sich die Maschinen um Ihren Sitzplatz, Ihren Vielflieger-Status und Ihren Zugang zu Flughafen-Lounges. An diesem „Gespräch“ sind Server, Router, Satelliten, das Internet und andere Maschinen beteiligt – und danach erst bekommen Sie Ihre Bordkarte. All das läuft heute weitgehend autonom und ohne menschliche Kontrolle ab, bevor die Ergebnisse wieder in unserer vertrauten physischen Welt „auftauchen“.

Welche Rolle spielt das Internet dabei?

Arthur: Viele, aber nicht alle dieser Gespräche zwischen Maschinen werden über das Internet abgewickelt: Digitale Geschäftsprozesse innerhalb von Unternehmen laufen beispielsweise meist über private Netzwerke. Darum spielt das Internet für die Second Economy zwar eine wichtige Rolle, aber nicht die einzige.

Was treibt die Second Economy an?

Arthur: Mithilfe der vernetzten Maschinen lassen sich viele Prozesse schneller, kostengünstiger und weltweit verteilt abwickeln. Hinzu kommt, dass neben den Computern auch immer mehr Sensoren in aller Welt miteinander verbunden werden – Lastkraftwagen nutzen beispielsweise RFID-Tags an der Ladung, die mit Sensoren sprechen, die wiederum mit Computern sprechen, die selbst wieder mit anderen Rechnern sprechen, um die Lieferkette zu optimieren. Wir stehen also am Anfang einer Wirtschaft, die dank Sensoren zunehmend automatisiert wird. Das hat auch für unseren Alltag ganz praktische Konsequenzen: Ich denke, dass wir in ungefähr zehn Jahren auf den Autobahnen von Los Angeles in Fahrzeugen mit Autopilot fahren werden – die Autos erkennen dann mit ihren Sensoren die Positionen der anderen Fahrzeuge, und intelligente Ampeln optimieren den Verkehrsfluss. Auch hier reden wieder Maschinen mit Maschinen: Autos mit Autos in ihrer Nachbarschaft und Autos mit dem Verkehrssystem. Wir bewegen uns also auf ein autonomes Wirtschaftssystem zu, das sich mit unserem Immunsystem vergleichen lässt. Dieses arbeitet ebenfalls autonom und wird nicht zentral vom Gehirn gesteuert.

Welche Auswirkungen hat das auf die Wirtschaft der Zukunft?

Arthur: Nehmen Sie das Beispiel der Fertigung. Hier werden Roboter dank ihrer Sensoren Situationen erkennen und flexibel auf sie reagieren können – sie sind nicht mehr „blind“ und müssen nicht mehr nach starren Vorgaben arbeiten. Das steigert die Effizienz erheblich und wird dazu führen, dass die produzierende Industrie wieder verstärkt in die USA oder Europa zurückkehrt. So können Arbeitsplätze in Hochlohnländern geschaffen oder gesichert werden.

Gehen durch die zunehmende Autonomie der Maschinen nicht auf der anderen Seite auch Jobs verloren?

Arthur: Ja, denken Sie nur an die Menschen, die früher an Flughäfen die Tickets bearbeitet haben. Wir nähern uns einer Wirtschaft, die mehr produzieren kann, als wir uns jemals vorgestellt haben. Der Ökonom John Maynard Keynes sagte schon vor 80 Jahren, dass wir in Zukunft enorme Mengen von Produkten und Dienstleistungen herstellen können – das Problem werde aber sein, diesen Reichtum zu verteilen. In der Ära der Second Economy haben wir wahrscheinlich mehr freie Zeit, weil die Maschinen uns viel Arbeit abnehmen. Darauf muss die Gesellschaft neue Antworten finden – eine könnte darin bestehen, dass sie neue Jobs oder Tätigkeiten im Sinne der Allgemeinheit subventioniert, beispielsweise soziale Dienste. Vielleicht werden wir aber auch kürzere Arbeitszeiten und mehr Urlaub haben, so dass die verbleibende Arbeit besser verteilt werden kann. Der Weg dahin könnte aber durchaus steinig werden, weil in der Zwischenzeit selbst viele als sicher geltende Jobs verschwinden können.

Wie schnell wird die Second Economy an Bedeutung gewinnen?

Arthur: Sie ist bereits heute wichtig, denn viele Prozesse laufen schon jetzt autonom ab, beispielsweise an der Wall Street oder anderen Finanzplätzen. Allerdings weiß niemand genau, wie groß die Second Economy inzwischen ist – ich schätze, sie ist bereits halb so groß wie die klassische Wirtschaft und wird bis zum Jahr 2030 die gleiche Größe erreichen: ein enormer Umbruch.

Sie sprechen vom größten Umbruch, den die Wirtschaft jemals erlebt hat. Warum?

Arthur: Ich bin von Natur aus eher skeptisch – aber die Veränderungen durch die Second Economy sind einfach gewaltig. Es geht hier nicht nur um einen Anstieg der Produktivität, sondern um einen Wandel des Charakters unserer Wirtschaft: Während der industriellen Revolution wurde die Produktion zunehmend von Dampfmaschinen und elektrischen Motoren angetrieben – Maschinen waren plötzlich die „Muskeln“ der Wirtschaft. Durch die vernetzten Sensoren und Computer entsteht jetzt ein „Nervensystem“, das diese Muskeln autonom, intelligent und ohne den Eingriff von Menschen steuert. Darum denke ich, dass dieser Umbruch mindestens so groß sein wird wie die industrielle Revolution – wahrscheinlich sogar noch größer.

Wird diese neue Welt besser sein als die, die wir kennen?

Arthur: Auf jeden Fall besteht eine große Chance, dass sie besser sein wird – wenn wir einige Probleme lösen, zum Beispiel eine gute Ausbildung für breite Bevölkerungsschichten und die gerechte Verteilung von Jobs. Wenn wir dieser Entwicklung aber einfach tatenlos zusehen, könnte das auch zu sozialen Spannungen führen. Hier können wir viel von den Problemen der industriellen Revolution lernen, wie sie Charles Dickens in seinen Büchern beschrieben hat. Am Ende hat die Gesellschaft diese Herausforderungen gemeistert – und ich bin optimistisch, dass uns das in Zukunft auch gelingen wird.

Das Interview führte Christian Buck.