Jochen Homann (59) ist seit März 2012 Präsident der Bundesnetzagentur für Elektrizität, Gas, Telekommunikation, Post und Eisenbahnen in Bonn. Davor war der studierte Volkswirtschaftler als Staatssekretär im Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie für die Energie,- Industrie-, Technologie- und Außenwirtschaftspolitik zuständig. Die Bundesnetzagentur ist für den Wettbewerb auf den genannten fünf Netzmärkten verantwortlich. Seit dem Jahr 2011 übernimmt sie zudem Aufgaben im Bereich des Netzentwicklungsplans. Zeigt dieser etwa einen Ausbaubedarf im Höchstspannungsnetz auf, so sorgt die Behörde mit effizienten Planungs- und Genehmigungsverfahren für eine beschleunigte Umsetzung.
Ehrgeizig: Schon 2030 soll rund die Hälfte des Stroms in Deutschland aus erneuerbaren Energien stammen.
Die Energiewende stößt in Deutschland auf breiten gesellschaftlichen Konsens. Umstritten sind weniger die Ziele, sondern wie schnell man sie erreichen kann. Sind wir schon auf gutem Weg oder fehlt dem Jahrhundertprojekt ein Masterplan?
Homann: Die Energiewende ist ein Generationenprojekt. Wir brauchen keinen Masterplan, sondern fachlich fundierte, öffentlich nachvollziehbare und gesellschaftlich vermittelbare Entscheidungen. Wenn das Ziel das Jahr 2050 ist, kann man keine Realisierung binnen ein bis zwei Jahren erwarten. Technischer Fortschritt und Innovationen lassen sich nicht vorausplanen, daher sind geeignete Anreize für alle Beteiligten wichtiger als zentrale Planung.
Was muss nun als nächstes passieren?
Homann: Es ist wichtig, ganz deutlich zwischen energiepolitischer Vision und kurzfristigen Erfordernissen zu unterscheiden. Die Bundesnetzagentur interessiert sich nicht nur für die langfristige Perspektive – uns liegt es vor allem auch an der Sicherheit der Energieversorgung im nächsten Winter. Es geht um die Entwicklung der Erzeugungskapazitäten, und auch der zügige Ausbau der Höchstspannungsnetze hat höchste Prioriät.
Haben wir alle nötigen Technologien?
Homann: Wir brauchen Innovationen in allen Bereichen, ob Energieeffizienz, Stromübertragung, Erzeugung oder Speicherung. Ich finde, man muss viele Optionen offen halten. Der Staat sollte sich möglichst technologieneutral verhalten. Am Ende wird sich im Wettbewerb herauskristallisieren, welches die effizientesten und kostenwirksamsten Technologien für die Energiewende sind. Die deutsche Industrie ist dabei einer der Garanten für das Gelingen der Energiewende.
Wie kann man sicherstellen, dass der Strom auch morgen noch bezahlbar ist?
Homann: Ich habe immer gesagt, dass die Energiewende nicht umsonst zu haben ist. Aber wie sich der Strompreis mit allen Komponenten – also Beschaffungspreisen, Umlagen, Steuern – entwickeln wird, kann heute niemand seriös prognostizieren. Wir können davon ausgehen, dass sich der Strompreisbestandteil der Netzentgelte erhöhen wird. Dabei müssen die Kosten aber so gering wie möglich gehalten werden, die Netze also nur so weit ausgebaut werden, wie es für die Versorgungssicherheit nötig ist. Außerdem müssen die Kosten transparent sein und fair auf verschiedene Verbrauchergruppen verteilt werden.
Wie lässt sich erreichen, dass erneuerbare Energien auch ohne Subventionen wettbewerbsfähig sind?
Homann: Die Förderung der erneuerbaren Energien war immer zur Unterstützung des Markteintritts gedacht und war als solche überaus erfolgreich. Mittlerweile ist das Nischendasein der erneuerbaren Energien aber vorbei und sie sind ein wichtiger Faktor auf dem deutschen Strommarkt. Sie werden sich kurz- bis mittelfristig daher verstärkt dem Wettbewerb aussetzen müssen. Das Erneuerbare-Energien-Gesetz mit der festen Einspeisevergütung und dem garantierten Einspeise-vorrang muss behutsam mit dem Ziel einer bedarfsgerechten Einspeisung weiterentwickelt werden.
Werden durch die dezentrale Energieversorgung immer mehr Regionen energieautark?
Homann: IEine Autarkie in der Stromversorgung in kleinen Einheiten ist kaum möglich, weil ein stark schwankender Energieverbrauch einem witterungsabhängigen Stromangebot aus erneuerbaren Energiequellen gegenüber steht. Selbst Autarkiebestrebungen auf der Ebene der Bundesländer sind energiewirtschaftlich zweifelhaft. Da es heute noch nicht möglich ist, Strom wirtschaftlich zu speichern, muss ein Lastausgleich über die Versorgungsnetze erfolgen. Dafür und für die Absicherung von Ausfällen brauchen wir den Ausbau des Stromnetzes. Tatsächlich führt die dezentrale Erzeugung eher zu einem erhöhten Netzausbaubedarf, da der Strom aus erneuerbaren Energien zunächst eingesammelt werden muss, um ihn dann in die Verbrauchszentren zu transportieren.
Wie viele neue Stromautobahnen brauchen wir in Deutschland insgesamt?
Homann: Auf der Basis des Energieleitungsausbaugesetzes wurden 2009 rund 1.800 Kilometer prioritäre Hochspannungstrassen festgelegt, von denen bisher 214 gebaut und 100 in Betrieb genommen wurden. Diese geringe Zahl sollte man nicht dramatisieren. Es ist normal, dass die Planungsphase relativ lange dauert. Wichtig ist, dass die Einsicht in das Notwendige und die Bereitschaft, Entscheidungen zu treffen, wachsen. Hier befinden wir uns nicht zuletzt durch den Druck des neuen Rechtsrahmens auf einem besseren Weg als bisher. Im Dezember 2011 hat die Bundesnetzagentur drei Szenarien genehmigt. Sie beschreiben die wahrscheinlichen Entwicklungen von Stromerzeugung und Stromverbrauch bis 2022 beziehungsweise 2032. Die Netze müssen nun so ausgelegt sein, dass sie diesen Szenarien gewachsen sind. Auf dieser Grundlage entstand der Entwurf eines Netzentwicklungsplans aus Sicht der Netzbetreiber. Soweit möglich werden darin bestehende Leitungen optimiert oder in vorhandenen Trassen neu gebaut – was den Bedarf für neue Trassen deutlich begrenzt. Zu diesen Planungen haben die Übertragungsnetzbetreiber (ÜNB) dem Vernehmen nach über 1.500 Stellungnahmen aus der Öffentlichkeit erhalten. Die ÜNB senden uns dann einen neuen Entwurf, in dem diese Stellungnahmen berücksichtigt sind, wir prüfen ihn, und dann startet unsere eigene Konsultation, an der sich Interessierte wiederum mit Stellungnahmen beteiligen können.
Wie kann man die Akzeptanz der Bevölkerung erreichen?
Homann: Die Energiewende steht und fällt mit dem Netzausbau, und der wiederum steht und fällt mit der Akzeptanz. Wir haben aus dem Bahnprojekt Stuttgart 21 gelernt. Die Öffentlichkeit wird von Anfang an eingebunden. Über mehr und frühere Bürgerbeteiligung zu mehr Akzeptanz und so im Ergebnis zur Beschleunigung zu kommen: Das ist ein Kernelement des Netzausbaubeschleunigungsgesetzes. Zudem lädt die Bundesnetzagentur zu offenen Diskussionsrunden wie einem Technik- und einem Umweltdialog ein. Ziel ist, mit einem transparenten Verfahren mehr Zustimmung zu schaffen. Transparenz schafft Akzeptanz.
Wenn Sie einen Blick in die Zukunft wagen: Wird Deutschland im Jahr 2030 auf sein nachhaltiges Energiesystem stolz sein können?
Homann: Ich bin davon überzeugt, dass alle langfristig gesehen von der Energiewende profitieren werden. Sie ist eine Investition in die Zukunft, die nicht umsonst zu haben ist. Die Vorteile werden vor allem die nach uns kommenden Generationen ernten.