David Hillel Gelernter (57), Informatiker an der US-Eliteuniversität Yale, gilt als Computervisionär. Mitte der 1980er-Jahre entwickelte er eine Software, die half, das Internet und andere Rechnernetzwerke zu programmieren. 1991 sagte er zudem den Erfolg des World Wide Web voraus und entwickelte das Konzept der Cloud. Dennoch ist der "Rockstar" des Computerzeitalters, wie ihn die New York Times nannte, mit dem gegenwärtigen Stand der digitalen Technik nicht zufrieden. Er mahnt die nächste Revolution an – den "Cyberstream".
Sie sind unglücklich mit der Informations- und Kommunikationstechnik. Warum?
Gelernter: Das Internet und unsere modernen Kommunikationsmittel sind stark verbesserungswürdig. Das Problem ist, dass sich im- mer noch der Mensch der Technologie anpassen soll, nicht umgekehrt, wie es sein sollte.
Sind denn iPhone und Android-Handys nicht benutzerfreundlich?
Gelernter: Sicher, aber wir erhalten Informationen in einem immer schnelleren Rhythmus. Dieser Cyberpuls lässt sich nicht genau quantifizieren, aber doch beschreiben: Vor einem Jahrhundert bekamen wir handgeschriebene Briefe, Zeitungen, Bücher, Telegramme. Vor zwei, drei Generationen kamen Telefonanrufe, Radio und Fernsehen hinzu. Heute gibt es E-Mail, Online-Blogs, News- und andere Web-seiten, außerdem Textnachrichten, den Anrufbeantworter und soziale Netzwerke. Diese Geschwindigkeit und Informationsdichte ist auf Dauer nicht tragbar – die Aufnahmefähigkeit des Menschen hat natürliche Grenzen.
Sollen wir eine Informationsdiät einlegen?
Gelernter: Das kann nicht schaden, aber letztlich muss die Technik selbst verbessert werden – etwa durch einen Lifestream. Dieser würde die Geschichte unseres Lebens in digitaler Form darstellen. Jedes digitale Dokument, das man selbst je geschaffen oder bekommen hat – alle Textdokumente, Fotografien, E-Mails, die eigenen Einträge auf Facebook, Twitter und so weiter –, all das wäre in einem einzigen Fluss dargestellt, den ich von allen Geräten und von überall abrufen kann. Diese Idee haben Doktoranden und ich zu Beginn der 1990er-Jahre erarbeitet. Doch die Zeit war damals nicht reif dafür.
Aber müsste sich der Mensch auch daran nicht erst anpassen?
Gelernter: Da sehe ich keine Probleme, denn der Lifestream erzählt Geschichten – eine der natürlichsten menschlichen Beschäftigungen.
Wie die Zeitschiene bei Facebook?
Gelernter: Ja, aber der Lifestream sollte keinem Unternehmen gehören. Langfristig würde sich damit das Verständnis des Webs verändern. Es würde nicht mehr statisch, sondern als Fluss wahrgenommen – wie das Stromnetz, das uns Elektrizität zur Verfügung stellt, wenn wir sie brauchen. Wenn ich mich mit einem Vortrag beschäftige, sehe ich alles, was damit zu tun hat: Notizen, E-Mails, Daten aus dem Netz. Ich kann auch eine Mail, die ich später beantworten will, auf der Zeitleiste in die Zukunft verschieben – die gegenwärtige Lage ist im Vergleich dazu völlig unbefriedigend.
Wäre auch das Internet der Dinge integriert?
Gelernter: Natürlich. Eine der Ideen meines Buchs ‚Mirror Worlds’ von 1991 ist, dass sich unsere Welt im virtuellen Raum abbildet. Eine Navigationssoftware sagt uns etwa, wo es gerade Stau gibt. Genauso können mir künftig meine Hausgeräte Auskunft über sich geben.
Und Roboter?
Gelernter: Die Robotik entwickelt sich langsamer als der virtuelle Raum, weil sie physisch ist. Das Künstliche-Intelligenz-Projekt ist heute weit weniger ambitioniert als noch vor zehn, zwanzig Jahren. Es ist eben schwierig, wenn nicht sogar unmöglich, in einer Maschine menschlichen Geist zu erzeugen.
Wenn sich unsere Welt online spiegelt, wie steht es dann mit der Privatsphäre?
Gelernter: Soziale Netzwerke haben den Trend zur Selbstentblößung nicht geschaffen, sondern das Umfeld fördert die Aufgabe von Privatsphäre – und zwar seit langem. Bereits seit Rousseau waren autobiographische Schriften immer wieder Bestseller. Facebook und Co. haben den Menschen nur eine neue Plattform zur Verfügung gestellt. 1996 gab es große Aufregung, weil eine College-Studentin, Jennifer Ringley, eine Webcam in ihrem Zimmer installierte, die ihren Alltag zeigte, einschließlich intimer Momente – das lockt heute keinen Hund mehr hinter dem Ofen hervor.
In welchem Maße wäre denn dieser Life-stream öffentlich?
Gelernter: Wie ich ihn mir vorstelle, würde er erst einmal von einer Firma zur Verfügung gestellt, die ich in New Haven mitgegründet habe – sie heißt Lifestream Inc. Wir stellen gerade das erste Softwarepaket fertig, das wir Ende 2012 auf den Markt bringen wollen. Aber wir wollen es nicht kontrollieren – die genauen Spezifikationen der Software wären öffentlich. Einige Elemente dieses Lifestreams sind privat – was man entscheidet, öffentlich zu machen, wäre freilich für jedermann zugänglich.
Sehen Sie auch Verluste durch die moderne Kommunikationstechnik?
Gelernter: YJa – und die sind immens. Die modernen Medien fördern eine kurze Aufmerksamkeitsspanne und ein oberflächliches Verständnis der Welt. Die wirklich wichtigen Errungenschaften der Menschheit sind die künstlerischen, religiösen, wissenschaftlichen, medizinischen, philosophischen. Wenn die modernen Technologien uns nicht helfen, diese Leistungen besser zu verstehen, sind sie letztlich nicht viel wert.
Üben Sie Zivilisationskritik?
Gelernter: Es gab schon immer reaktionäre Tendenzen, die das Neue abgelehnt haben – in den 50er- und 60er-Jahren haben etwa viele das Fernsehen an den Pranger gestellt. Doch es ist ein zweischneidiges Schwert – mit viel Müll, aber auch guten Sendungen. Es hängt davon ab, wie wir die Dinge nutzen. Moderne Technologien müssen daher so gebaut sein, dass sie uns unterstützen, nicht dominieren.
Könnte der Müll nicht überhand nehmen?
Gelernter: Sagen wir so: Früher hatte fast jeder Student vom Bauhaus gehört, heute sind es nur noch wenige. Auch Wittgenstein, in den Augen vieler der wichtigste Philosoph des 20. Jahrhunderts, ist vielen kein Begriff mehr. Man kann alles online nachschlagen, aber wir müssen überlegen, was die klugen jungen Köpfe von heute nie kennenlernen, weil sie damit nicht konfrontiert werden. Ich glaube, dass es nicht schadet, wenn wir uns in Erziehung und Ausbildung auf den Wert des gebundenen Buches besinnen. Es ist leicht zu handhaben, dauerhaft, genau dem Tempo angepasst, mit dem wir Information aufnehmen und auch verstehen können – und es neigt weniger dazu, uns abzulenken.
Kinder ohne Computer? Ist das Ihr Ernst?
Gelernter: Sie müssen das anders sehen: Es wäre ein großer Verlust, auf Bücher zu ver-zichten. Dennoch: Wie beim Fernsehen ist es nicht sinnvoll, Computer oder iPads einfach zu verbannen. Aber man sollte ihr Design verbessern. In Europa wird doch so viel Wert auf Design gelegt – da finde ich es schon überraschend, dass von dort für das Design von Rechnern, Handys, Tablet-PCs und ihren Benutzeroberflächen kaum Impulse kommen.