Ein kleines Dorf in den indischen Westghats hat den ersten Schritt zu einer autonomen Entwicklung getan. Das ist ein Hoffnungsschimmer für tausende Dörfer ohne Netzanschluss und ohne Zugang zu medizinischer Versorgung, Bildung, Wasser und Strom.
Wenn du Gutes tust, wird es Menschen geben, die gegen dich sind. Schöpfe Kraft aus diesem Widerstand und folge unbeirrt deinem Weg. Wenn sie dann deinen Erfolg sehen, werden sie eines Besseren belehrt.“ Dieser „Gedanke des Tages“ in Marathi, der Sprache des indischen Staats Maharashtra, hängt in der Schule von Amle am Schwarzen Brett.
Amle liegt 130 Kilometer nördlich von Indiens Finanzmetropole Mumbai, eingerahmt von tiefen Wäldern und einem Fluss. Das Dorf besteht aus 58 Hütten und hat 295 Einwohner. Die Zivilisation beginnt erst im 27 Kilometer entfernten Wada. Nur dort haben Handys eine Netzverbindung, und nur dort gibt es eine Straßenbeleuchtung. Tausenden Dörfern in Indien geht es wie Amle. Während der Monsunzeit gelangt man nur über den Fluss Gargai dorthin. An stürmischen Tagen ist eine Durchquerung unmöglich, und Amle ist dann komplett von der Zivilisation abgeschnitten.
Durga Bai hat schon viel erlebt. Die runzelige Dame, die sich selbst auf 60 oder 70 Jahre schätzt, lebt in einer der größeren, von Holzbalken gestützten Hütten. „Wenn jemand krank wird, haben wir zwei Möglichkeiten: ein Zentrum für medizinische Grundversorgung und ein Landkrankenhaus, beide 20 Kilometer entfernt. Kräftige Männer müssen den Kranken auf ihren Schultern hintragen“, sagt sie und verliert sich in Gedanken an die vielen Toten, die das Dorf zu beklagen hatte, weil medizinische Hilfe zu spät kam.
„Krankheiten durch verunreinigtes Wasser und Mangelernährung sind in Amle weit verbreitet. Hinzu kommen soziale Missstände wie Analphabetismus, Alkoholismus und Verheiratung von Kindern. Amle war kein Musterdorf“, sagt Shraddha Shingarpure von Aroehan, einer renommierten Nichtregierungsorganisation, die gemeinsam mit Siemens Veränderungen – auch gesellschaftlicher Art – in Amle anstoßen will. Durgas Enkel gehören zu den 29 Schülern von Amles Schule, einer heruntergekommenen Hütte von rund zehn Quadratmetern. Es gibt viele Schulabbrecher: Zurzeit haben nur 30 von 140 Männern und zehn von 155 Frauen einen Schulabschluss. Für Schüler, die nach der 5. Klasse weiter lernen wollen, bleibt nur die fünf Kilometer entfernte Dorfschule mit Internat. Dilip Vare, der Leiter der Entwicklungskommission von Amle, hat sie als Einziger besucht.
Adoption eines Dorfes. Jahrzehntelang begann der Tag von Durga um sechs Uhr morgens. Sie und ihr kürzlich verstorbener Mann gingen dann auf die Felder, während die Kinder zuhause blieben – und sie kehrten erst bei Einbruch der Dunkelheit zurück. Im Sommer gab es oft Dürren, und das Trinkwasser musste von weither mühsam herangeschafft werden. In mondlosen oder wolkenreichen Nächten spendeten nur Fackeln aus trockenem Holz Licht. Jedes Haus hat einen Holzvorrat, die einzige Quelle für Licht und Brennstoff zum Kochen. Dass sich Amle jemals entwickeln könnte, schien ausgeschlossen. Da es mitten in einem Naturschutzgebiet liegt, konnte der staatliche Stromversorger dem Dorf auch keinen Netzanschluss bereitstellen.
Doch die Verhältnisse sollten sich ändern. Das Projekt Asha wurde gestartet: Seit Anfang 2012 hat Siemens Amle „adoptiert“. Zusammen mit dem Generalunternehmer Samved Energy Systems hat Siemens ein Solarkraftwerk mit einer Spitzenleistung von 12 Kilowatt-peak errichtet. Für die Versorgung mit Trinkwasser wurde ein Wasserfilter mit Membrantechnologie installiert. Dieses Filtersystem von Siemens Water Technologies pumpt das verschmutzte Wasser durch die ultrafeinen Fasern der Membran. Es kann so täglich bis zu 20.000 Liter Trinkwasser produzieren. Siemens’ Partner Aroehan half beim Bau von Dämmen und Sammelbecken zur Nutzung von Regenwasser, um so eine Bewässerung über das gesamte Jahr und damit den Lebensunterhalt zu gewährleisten. Prashant Chandwadkar von der Division der Nieder- und Mittelspannungstechnik des Siemens-Sektors Infrastructure and Cities übernahm das Projektmanagement für die technische Umsetzung. „Ich bin froh, dass Siemens das Dorf adoptiert hat und sich hier engagiert. Wir könnten mit unseren Technologien jedes Dorf in Indien auf ähnliche Art und Weise transformieren“, ist er überzeugt.
Zu Beginn hatten Prashant und sein Team mit dem Mangel an qualifizierten Arbeitskräften im Dorf zu kämpfen. Die Einwohner erlernten den Umgang mit den Geräten aber schnell. Ein Ingenieur von Siemens überwachte die Arbeit. „Schon die Anlieferung ins Dorf war schwierig. Der Lkw mit der Ausrüstung musste vier Kilometer entfernt parken. Von dort haben die Dorfbewohner die Batterien, Kabeltrommeln und Wechselrichter auf ihren Köpfen den holprigen Weg hinunter getragen, durch den Fluss und dann hoch zum Dorf. Sie wollten genau wie wir dem Projekt zum Erfolg verhelfen“, lobt Chandwadkar.
Im Juli 2012 war es dann so weit: 20 Straßenlampen ließen das Dorf erstrahlen. Durga war begeistert: „Jetzt ist es hier wie in Mumbai. Dorthin wird hoffentlich keiner mehr hinziehen müssen, um Geld zu verdienen.“ Shraddha sieht das genauso. „Mit dem Strom können die Dorfbewohner jetzt ihr mageres Einkommen durch die Herstellung von Masala-Gewürzmischungen und andere Heimarbeit aufstocken. Dank des Wasserfilters wird es nicht mehr so viele durch verschmutztes Wasser übertragene Krankheiten geben. Die Verantwortlichen im Dorf hatten zwar einen Brunnen gegraben, aber erst mit der Siemens-Lösung kann er voll genutzt werden“, erklärt sie. Die Feldfrüchte und das Gemüse, die jetzt zusätzlich angebaut werden können, helfen die Ernährung zu verbessern.
Und Dr. Armin Bruck, Leiter der Siemens-Landesgesellschaft in Indien, fügt hinzu: „Wir haben nicht nur Solarenergie, Bewässerungspumpen und Trinkwasserfilter ins Dorf gebracht, sondern wir tragen auch zu gesellschaftlichen Veränderungen in der Dorfbevölkerung bei. So erhöhen wir das Gesundheitsbewusstsein bei heranwachsenden Mädchen, stärken die Position der Frauen und fördern die Alphabetisierung. Und dank unserer Unterstützung der Landwirtschaft kann sich das Dorf das ganze Jahr mit dem Anbau verschiedener Feldfrüchte selbst versorgen.“
„Asha für Amle“. Vor unerwünschten Entwicklungen warnt jedoch Vilas Erande von Samved. „Zwar können die Kinder nun auch nachts lesen und lernen. Doch das Projekt Asha kann nur dauerhaft erfolgreich sein, wenn die Bewohner im Umgang mit der neuen Technik geschult und für deren Nutzen sensibilisiert werden. Deshalb braucht man jemanden, der sich dafür verantwortlich fühlt.“ Der Dorfschullehrer Janardhan erklärt, wie das Modell langfristig funktionieren kann: „Was kostenlos zu haben ist, werden die Dorfbewohner genau wie andere Konsumenten nicht wirklich schätzen. Den wahren Wert erkennen sie erst dann, wenn sie dafür bezahlen müssen.“ Die Entwicklungskommission wird daher jedem Haushalt im Dorf monatlich 50 Rupien (0,73 Euro) in Rechnung stellen. Damit wird das System unterhalten und der Erfolg des Projekts gesichert.
Dilip Vare, ein schmaler Mittzwanziger, hat als Leiter der Entwicklungskommission das letzte Wort. Er hat in Seminaren und auf Konferenzen gelernt, wie auch einfachste Technik sein Dorf verändern kann. „Das Dorf braucht seine Bewohner. Wir sind erst am Anfang und werden genug Möglichkeiten finden, damit sie hier auch bleiben können“, sagt er. Das Projekt Asha hat Hoffnung nach Amle gebracht. Es hat sich von einem entlegenen Dorf zu einem Vorbild gewandelt – für Indien mit seinen 120.000 Dörfern ohne Stromanschluss und für viele ähnliche Regionen auf der Welt.