Technologie-Unternehmen sind auf gut ausgebildeten weiblichen Nachwuchs angewiesen. Doch nach wie vor ist in vielen Ländern die Hemmschwelle junger Frauen groß, sich für einen Beruf im technischen oder naturwissenschaftlichen Bereich zu entscheiden. Dabei könnten die Perspektiven kaum besser sein.
open
open
open
open
Ihr Weg zur Arbeit führt Dr. Lee Ng mitten durch das Silicon Valley. Große Unternehmen und große Ideen haben hier ihren Ursprung oder zumindest eine Heimat gefunden: Google, Adobe, Apple, Facebook, um nur ein paar zu nennen. Inmitten dieses Start-up-Paradieses ar-beitet Lee für die globale Forschung, Corporate Technology (CT), von Siemens, genauer: das Technology-to-Business Center (TTB) in Berkeley. Hier hält sie nach Ideen und Innovationen Ausschau, die für die Geschäftsaktivitäten des Unternehmens interessant werden könnten. In der Regel geht Lee direkt auf die Gründer von Start-ups zu und bietet Unterstützung an. Sie versteht es jedoch auch, ihnen auf den Zahn zu fühlen: „Ich bin gut darin, die richtigen Fragen zu stellen, und weiß genau, was es bedeutet, etwas Neues entstehen zu lassen.“
Das liegt auch an Lees Werdegang. In ihrer Heimat Singapur besuchte die heute 49-Jährige zunächst eine Mädchenschule und entschied sich mit 16 Jahren gegen das Junior College und für das Polytechnikum. „Im zweiten Ausbildungsjahr war ich plötzlich die einzige Frau im gesamten Jahrgang – die anderen hatten aufgegeben. Spätestens da war klar, dass ich ein für Frauen eher ungewöhnliches Interesse hatte.“ Mit 20 wagte Lee den Sprung in die USA, um an der University of Texas in Austin Maschinenbau zu studieren. Es folgte eine Promotion am renommierten Massachusetts Institute of Technology (MIT), für die Lee kurzerhand ihr Hauptfach von Maschinenbau zu Materialforschung wechselte. „Der Stoff war für mich völlig neu. Was andere bereits im Grundstudium gelernt hatten, musste ich mühsam nachholen. Aber ich bin sehr konkurrenzorientiert und wollte auf keinen Fall, dass ich irgendetwas nicht weiß.“
Nach drei Jahren Karriere bekam Lee ihr erstes Kind und kündigte ihre damalige Stelle bei einer Beratungsfirma. Nach nur acht Monaten Auszeit erlag sie, nach einer kurzen Zeit als Freiberuflerin, dem Reiz des Silicon Valley und fing bei einem IT-Unternehmen an. In den nächsten fünf Jahren folgten zwei weitere Kinder und Lee geriet trotz Pausen, Teilzeit und viel Verständnis von ihren Führungskräften an ihre Grenzen. „Wenn man nur Halbzeit arbeitet, bleiben ja all die Routine-Verpflichtungen im Büro liegen. Außerdem hat man weniger Zeit für seine eigentliche Arbeit“, erklärt Lee. Für etwas Entlastung konnte ihr Ehemann sorgen: Nach dem dritten Kind wurde er Freiberufler, da er im IT-Bereich als Freelancer auch am Wochenende und abends Aufträge erledigen konnte – und sich ansonsten um den Haushalt und die Kinder kümmern konnte. Die sind mittlerweile 19, 17 und 15 Jahre alt. Die Älteste besucht das College, ihre beiden Söhne sind noch in der Schule. „Heute kommt es für uns vor allem darauf an, für sie erreichbar zu sein und ein offenes Ohr zu haben“, sagt Lee.
Neben ihrer Tätigkeit als „Technologie-Scout“ bei Siemens gibt Lee nun ihre unternehmerischen Fähigkeiten in sogenannten Business Bootcamps weiter. Hier geht es darum, Frauen ein besseres Verständnis für unternehmerische Fragestellungen zu vermitteln. „Ich sehe vor allem zwei Ansatzpunkte. Einerseits haben Frauen oft Angst, von ihrem Job zu sehr eingenommen zu werden und dadurch die Kontrolle über ihr Leben zu verlieren, je weiter sie die Karriereleiter hinaufsteigen. Andererseits fehlt ihnen manchmal die notwendige Erfahrung, um souverän unternehmerische Entscheidungen treffen zu können.“ Das globale Diversity Office von Siemens hat die neuen Seminare in Zusammenarbeit mit GLOW@CT (Global Leadership Organization of Women), dem internen Frauennetzwerk in der Corporate Technology, veranstaltet. Der große Zuspruch überraschte selbst die Organisatoren. Mittlerweile plant das Chief Diversity Office schon ein weiteres Bootcamp Anfang September in Brasilien. Weitere sollen 2013 an verschiedenen Orten auf der Welt stattfinden.
Dies ist nur eine von vielen Initiativen, mit denen sich Siemens im Rahmen verschiedener Projekte und Programme für Frauen in sogenannten MINT-Berufen (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik) engagiert. Das Entscheidende dabei ist, früh in der Ausbildungs-Biografie anzusetzen. Denn junge Frauen bringen zwar beste Voraussetzungen für eine Ausbildung im MINT-Bereich mit, streben aber nur selten eine Karriere in technischen Berufen an. So ist in Deutschland nur jeder fünfte Studienabsolvent der Ingenieurswissenschaften weiblich und nur jeder zehnte Ingenieur ist eine Ingenieurin. „Wir brauchen und wollen das Potenzial von Frauen auf allen Ebenen des Unternehmens. Insbesondere Frauen mit technischem und naturwissenschaftlichem Studienabschluss haben bei Siemens beste Chan- cen: zukunftsweisende Technologien, spannende Einsatzfelder in aller Welt und eine Vielzahl von Entwicklungsmöglichkeiten vom ersten Arbeitstag an“, betont Personalvorstand Brigitte Ederer.
Erfolgreiches Mentoring-Programm. Bei Siemens liegt der Frauenanteil an den Ingenieurs-Berufen bei weltweit knapp 14 Prozent. In Deutschland sind es nur 8,5 Prozent. Um diesem Ungleichgewicht entgegenzuwirken, hat Siemens vor zehn Jahren das Mentoring-Programm YOLANTE (Young Ladies Network of Technology) ins Leben gerufen, das junge Frauen für ein technisch-naturwissenschaftliches Studium begeistern und fördern will. Seit der Gründung im Jahr 2002 steigen die Mitgliederzahlen stetig – auf aktuell 350 – und hundert Neuaufnahmen jährlich sprechen für den Erfolg der Initiative. Neben individueller Betreuung bietet das Programm auch Unterstützung bei der Suche nach Praktika im In- und Ausland, Werkstudententätigkeiten, Weiterbildungsmaßnahmen sowie ein breites Netzwerk aktiver und ehemaliger Teilnehmer im Unternehmen. Auf diese Weise lernen die Studentinnen Siemens frühzeitig kennen und können sich ein eigenes Bild von der Firmenkultur und dem möglichen Arbeitsumfeld machen.
Damit die Potenziale junger Frauen nicht unentdeckt bleiben, hat Siemens mit dem Mercedes Benz Werk Berlin der Daimler AG und der Deutschen Telekom das Projekt VITAMINT ins Leben gerufen. Es wird im Rahmen der Bundesinitiative „Gleichstellung der Frauen in der Wirtschaft“ gefördert und bietet Fortbildungsmöglichkeiten für Lehrkräfte an, um das Berufswahlspektrum junger Frauen zu erweitern. Zudem informieren Unternehmen und Auszubildende praxisnah über Ausbildungen und duale Studiengänge im technischen Bereich und bieten Unterstützung beim Einstieg in diese Berufe. Besonders attraktiv ist dabei das duale Ausbildungssystem mit seiner Kombination aus Theorie und Praxis. Es stößt auch weit über Deutschland hinaus auf zunehmendes Interesse. So nannte US-Präsident Barack Obama im Januar 2012 in seiner Rede zur Lage der Nation Siemens als Vorbild für seine Ausbildungsoffensive. Dabei bezog er sich auf ein Pilotprojekt von Siemens am Standort Charlotte, in dem junge Menschen eine Ausbildung nach deutschem Vorbild durchlaufen. Auch in Brasilien, Russland und dem Nahen Osten betreibt Siemens Projekte mit lokalen Bildungspartnern, um „Werkbank und Klassenzimmer“ zu kombinieren.
Begeisterung für technische Berufe wecken will auch der jährlich stattfindende Girl‘s Day. Außerdem setzt Siemens in vielen Regionen der Welt sein Konzept der Partnerschulen um. So gibt es neben Deutschland unter anderem in Brasilien, den Niederlanden, Großbritannien, Griechenland, Österreich und Dänemark Partnerschaften mit örtlichen Schulen, um weltweit den Nachwuchs in Naturwissenschaft und Technik zu fördern. In den USA veranstalten Siemens-Mitarbeiter regelmäßig einen Siemens Science Day an Schulen, um den Spaß an Mathematik und Naturwissenschaften zu wecken. Auch in China, Thailand, Chile, auf den Philippinen oder in der Türkei unterstützt Siemens Schulen und fördert damit potenzielle Mitarbeiter und die Gestalter der Welt von morgen.