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Dr. Ulrich Eberl
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Gesundheitsversorgung weltweit im Umbruch

Mit rund 60 Lebensjahren darf laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) ein Baby rechnen, das heute in Kenia geboren wird. Dessen 60-jährige Großmutter kann sich vermutlich noch über 17 weitere Lebensjahre freuen. In China beträgt die Lebenserwartung eines Neugeborenen 74 Jahre, die 60-Jährigen werden im Durchschnitt 79 Jahre alt. Ein Kind, das heute in Deutschland geboren wird, kann mit hoher Wahrscheinlichkeit die Schwelle zum 22. Jahrhundert noch erleben – denn die durchschnittliche Lebenserwartung beträgt 78 Jahre für Jungen und 83 Jahre für Mädchen.

Dieser Vergleich verdeutlicht die Unterschiede, die bei Neugeborenen in verschiedenen Ländern nach wie vor existieren. Er zeigt aber auch, dass jene, die das Rentenalter erreicht haben, eine weltweit vergleichbare Lebens-erwartung haben. Problematisch sind die Lebensphasen davor. 361 von 1.000 Menschen sterben laut WHO in den ärmsten Ländern der Welt zwischen dem 15. und 60. Lebensjahr. Länder mit niedrigem bis mittlerem Durchschnittseinkommen liegen mit 210 Todesfällen etwa im Weltmittel, während in den Staaten mit den höchsten Ein-kommen nur 115 von 1.000 Menschen betroffen sind.

Wie kommt das? Die Antwort wäre vor einigen Jahren noch leicht gefallen. In Industriestaaten kaum mehr bekannte, lebensgefährliche Infektionskrankheiten wie Malaria oder Masern rafften die Menschen in Entwicklungs- und Schwellenländern dahin. Doch die Lage hat sich, dank verbesserter Hygiene und gutem Impfschutz, mit Ausnahme einiger der ärmsten Länder der Welt stark gebessert. So zeigt der jüngste Zwischenbericht zu den Millenniums-Entwicklungszielen der Vereinten Nationen signifikante Fortschritte beim Kampf gegen HIV, Tuberkulose und andere Infektionskrankheiten in weiten Teilen der Welt – wenn auch vor allem in den ärmsten Ländern Südasiens und Lateinamerikas noch Nachholbedarf besteht. Bereits 2010 wurden die für 2015 definierten Ziele bei der Versorgung mit sauberem Trinkwasser erreicht. Dennoch müssen sich noch knapp 800 Millionen Menschen mit Wasser aus zweifelhaften Quellen behelfen.

Es sind heute mehr und mehr die nicht übertragbaren Krankheiten, seien sie chronischer oder akuter Natur, die den Menschen weltweit zu schaffen machen. Dazu zählen Herz- und Kreislauferkrankungen, Krebs, Atemwegserkrankungen und Diabetes. Die Risikofaktoren sind bekannt: Tabak- und Alkoholmissbrauch, ungesunde Ernährung, hoher Blutdruck und überhöhte Blutzucker- und Cholesterinwerte. Es sind die Begleitumstände des modernen Lebens, das nun auch Entwicklungs- und Schwellenländer erfasst. „So bringt die steigende Lebensqualität in Indien bereits einen dramatischen Anstieg der typischen Wohlstandskrankheiten wie Übergewicht mit sich“, sagt der Gesundheitsexperte Dr. Norbert Hültenschmidt vom Beratungsunternehmen Bain & Company.

In China, wo 200 Millionen Menschen einen mit Europa vergleichbaren Lebensstandard erreicht haben, sterben laut WHO-Statistik proportional deutlich mehr Menschen an Herz-Kreislauferkrankungen und Diabetes als in den meisten Industriestaaten. Die WHO spricht in ihrem globalen Zustandsbericht von einer „unsichtbaren Epidemie“, die zu einer der meist unterschätzten Ursachen von Armut und Unterentwicklung in vielen Ländern geworden sei. 36 der 57 Millionen Todesfälle weltweit waren laut WHO im Jahr 2008 auf die nicht ansteckenden Krankheiten zurückzuführen. In den ärmeren Staaten trifft es vor allem die Jüngeren. Dort sterben nach Angaben der WHO 41 Prozent der Erwachsenen unter 60 Jahren an diesen Krankheiten – ein dreimal so hoher Anteil wie in den reichsten Ländern. Eine der Folgen sind Behandlungskosten und Kosten für entgangene Produktivität von 47 Billionen US-Dollar innerhalb der kommenden zwei Jahrzehnte, wie die Autoren einer Studie des Davoser Weltwirtschaftsforums und der Harvard School for Public Health errechnet haben.

„Die Herausforderungen für die Gesundheitssysteme weltweit sind gleich: ein starker Anstieg der Kosten durch vermehrte Nachfrage. Diese wird getrieben von mehr Wohlstand und einer alternden Bevölkerung“, sagt Hültenschmidt – auch wenn die Gesundheitsausgaben noch extrem auseinanderklaffen. So liegen in den USA die Kosten bei 17,9 Prozent des Bruttosozialproduktes, in Deutschland bei 11,6 und in den Entwicklungsländern zwischen fünf und sieben Prozent. Sieben – kaufkraft-bereinigte – US-Dollar pro Monat und Kopf stehen laut WHO in Kenia für Gesundheit zur Verfügung. In China sind es 32, in Deutschland 300, in den USA 370 Dollar.

In vielen Ländern werden Reformen der Gesundheitssysteme unumgänglich sein, etwa nach dem Vorbild Dänemarks, das ein sehr effizientes System mit elektronischen Patientenakten und steuerlichen Anreizen bei Besuch des Hausarztes eingeführt hat. Oder auch in Singapur: Dort hat jeder Bürger ein Recht auf eine minimale und kostenlose Gesundheitsversorgung. Darüber hinaus gehende medizinische Leistungen werden aus einem individuellen Konto finanziert, das ähnlich einer Lebensversicherung funktioniert.

Doch nicht überall sieht es so gut aus: So suchen Patienten in Deutschland etwa zwei bis drei teure Spezialisten auf, bis sie sich zu einer Behandlung durchringen. Zugleich sinkt die Zahl der Hausärzte unaufhaltsam, während jene der Fachärzte steigt, und es gibt in Deutschland weniger Medizin-Absolventen als Ärzte, die in den Ruhestand treten. Insgesamt, sagt Hültenschmidt, sei neben den immer höheren Kosten vor allem der Ärztemangel eines der gravierendsten Probleme für eine qualitativ hochwertige Gesundheitsversorgung weltweit. In Indien etwa fehlen über eine Million Ärzte, ganze Landstriche haben keinen Doktor in Reichweite.

Oft sind es moderne Technologien, die das Potenzial hätten, die Qualität im Gesundheitswesen zu heben und zugleich die Kosten im Griff zu behalten: elektronische Patientenakten, bessere Vernetzung von Patienten, Versicherungen und Ärzten, höhere Effizienz in den klinischen Prozessen, bessere Vorsorge und Früherkennung von Krankheiten, auf bestimmte Patientengruppen maßgeschneiderte Therapien und Medikamente und vieles mehr. Doch werden mit allen heute denkbaren Maßnahmen auch die Gesundheitskosten sinken? „Wir müssen realistisch bleiben“, sagt Hültenschmidt. „Nur durch Maßnahmen, die alle Beteiligten im Gesundheitswesen einbeziehen, werden wir eine wesentliche Effizienzsteigerung bei gleichzeitiger Qualitätssicherung erreichen. Im Idealfall würde dies wenigstens zu einer Stabilisierung der Gesundheitsausgaben führen und Freiräume für Innovationen schaffen“.

Urs Fitze