Kann es gelingen auch bei trüber Konjunktur ein weltweit bindendes Abkommen zu mehr Nachhaltigkeit zu erzielen? Das war die große Frage des Umweltgipfels 2012 in Rio de Janeiro.
Zwei Wochen diskutierten mehr als 44.000 Vertreter von Regierungen, Nichtregierungsorganisationen (NGOs) und Wirtschaft über eine Nachfolgevereinbarung des Rio Earth Summit, der vor 20 Jahren an gleicher Stelle stattfand. Siemens war neben zahlreichen weiteren Aktivitäten im gemeinsamen Pavillon des United Nations Environment Programme (UNEP) mit der Ausstellung „Technology in Action“ vertreten. Das Unternehmen verbindet eine Partnerschaft mit der Organisation, die das Ziel der „Green Economy“ ausgerufen hat.
Bei den Verhandlungen von Rio+20 wurde schnell deutlich, dass auf politischer Ebene wegen der herrschenden Interessenskonflikte kein großer Durchbruch möglich sein würde. Daher werden NGOs und der private Sektor künftig eine immer wichtigere Rolle zum Erreichen der „Green Economy“ spielen. Manche haben diesen Weg bereits eingeschlagen. Siemens zeigte in der Ausstellung, dass ökonomische und ökologische Effizienz zwei Seiten derselben Medaille sein können. So produzieren effiziente Kraft-werke bei gleichem Einsatz von Primärenergieträgern mehr Strom als herkömmliche Anlagen. Das vermindert den CO2-Ausstoß und erhöht die Rendite für den Betreiber. Intelligente Infrastruktur kann Verkehrs- und Versorgungsprobleme in Städten lösen, damit die Attraktivität für Einwohner und Firmen steigern und zugleich wertvolle Ressourcen schonen. Gezielte Regulierung durch die Politik kann dazu beitragen, wirtschaftliche Anreize für effiziente Technologien zu schaffen oder sie zu verstärken. Viele notwendige Technologien existieren bereits, sie müssen nun konsequent eingesetzt werden.
Und dies gilt nicht nur für Industrienationen. In der Ausstellung „Technology in Action“, die in Kooperation mit der Siemens Stiftung organisiert wurde, präsentierten elf Organisationen aus Entwicklungs- und Schwellenländern ihre Konzepte und bisherigen Erfolge. Einfache und auf lokale Bedürfnisse angepasste Innovationen helfen, Probleme wie Energie- und Trinkwasserversorgung zu lösen. So bildet die Organisation WindEmpowerment die Bewohner abgelegener Dörfer dazu aus, Windkraftanlagen aus lokal verfügbaren Materialien herzustellen und instand zu halten. „Der Zugang zu Elektrizität ist ein sehr wichtiger Entwicklungsschritt. Die Gruppe meines ersten Workshops, den ich in einem kleinen Dorf in Mali abgehalten habe, hat mittlerweile ihre siebte Turbine hergestellt – völlig ohne Hilfe von außen“, berichtet Piet Chevalier, Siemens-Ingenieur und einer der Mitbegründer von WindEmpowerment. Auch während des Aufenthalts in Rio bildete Chevalier eine Gruppe brasilianischer Studenten und NGOs zu Multiplikatoren dieser einfachen, aber wirkungsvollen Technologie aus.
Konkrete Maßnahmen standen auch im Fokus von „Students for Sustainability“, einem von Siemens initiierten Ideenwettbewerb. Sechs internationale Studententeams präsentierten Konzepte für Herausforderungen, mit denen ihre Heimatländer konfrontiert sind. Mit Hilfe der Preisgelder in Höhe von 10.000 Euro können die besten Vorschläge nun angegangen werden.
Am letzten Tag von Rio+20 ist trotz gewisser Ernüchterung auf politischer Seite auch eine neue Aufbruchsstimmung zu spüren. Immer mehr Gruppen und Unternehmen ergreifen selbst die Initiative – und auf einer Wiese vor den Toren Rios setzen sich unter dem Jubel der Workshop-Teilnehmer die Rotorblätter der von ihnen selbst gebauten Windkraftanlage in Bewegung. Im Rückblick auf die zwei Wochen meint Chevalier: „Ich hoffe, dass wir aus diesem Gipfel lernen, wie wir den künftigen Dialog zwischen den Interessensgruppen effektiver gestalten können. In der Zwischenzeit sollten wir nicht einfach warten und darauf hoffen, dass die Probleme von oben gelöst werden. Wir haben schon jetzt die nötigen Technologien zur Hand, um etwas zu ändern. Packen wir es also an!“