Die deutsche Energiewende ist ein Jahrhundertprojekt. Nie zuvor wurde ein Energiesystem eines hochindustrialisierten Landes im laufenden Betrieb so massiv umgebaut. Das birgt Chancen für die Umwelt, die Wirtschaft und die Bevölkerung, aber auch viele Herausforderungen.
In vielen Ländern ist sie ein bekanntes Logo: die rote lachende Sonne. Seit Jahrzehnten symbolisiert sie mit dem Slogan „Atomkraft? Nein danke!“ den weltweiten Protest gegen Kernkraftwerke. Doch bald könnte die Sonne ausgedient haben – zumindest in Deutschland. Denn bis 2022 möchte die Bundesregierung alle Kernkraftwerke vom Netz genommen haben, unter anderem als Folge des Nuklearunglücks im japanischen Fukushima im März 2011. Darüber hinaus sollen im Rahmen der Energiewende bis 2050 die Treibhausgas- Emissionen in Deutschland um 80 Prozent gegenüber 1990 gesenkt, der Anteil der erneuerbaren Energien am Strommix auf 80 Prozent erhöht und die Energieeffizienz enorm gesteigert werden.
An sich eine prima Sache, denn sinkende Emissionen sind gut gegen den Klimawandel, und eine steigende Effizienz spart Kosten und tritt der Ressourcenverknappung entgegen. Zugleich bietet die Energiewende Chancen für die Wirtschaft, denn mit den dafür notwendigen hocheffizienten Technologien können international neue Märkte erschlossen werden. Doch die Herausforderungen sind enorm: In weniger als zehn Jahren müssen demnach in Deutschland 20 Gigawatt Leistung aus heutigen Kernkraftwerken ersetzt werden – und zwar vor allem durch den Ausbau der erneuerbaren Energien. Hier ist schon einiges geschehen: So ist deren Anteil an der Stromerzeugung im Jahr 2011 gegenüber dem Vorjahr von 16 auf rund 20 Prozent gestiegen. Die Schwierigkeit liegt aber woanders – in der Versorgungssicherheit. Denn Strom aus Wind und Sonne ist wetterabhängig und somit stark fluktuierend.
Im laufenden Betrieb. Ein gigantisches Vorhaben also, das Neuland bedeutet – für Politik, Stromversorger, Infrastrukturanbieter und die Bürger. „Das liegt vor allem darin begründet, dass bei der Energiewende kein neues Energiesystem von Grund auf entworfen, sondern ein funktionierendes im laufenden Betrieb überarbeitet wird“, erklärt Dr. Udo Niehage, der Beauf-tragte der Siemens AG für die Energiewende. „Und das in einem hochindustrialisierten Land, in dem selbst der kleinste Blackout zu massiven ökonomischen Schäden führen kann.“
So wird es bei der Energiewende nicht ausreichen, einfach erneuerbare Energien und energiesparende Technologien zu installieren. Es bedarf vielmehr zahlreicher Maßnahmen, die wie Puzzleteile perfekt ineinander greifen müssen: zum Beispiel der Ausbau erneuerbarer Energien zu wettbewerbsfähigen Kosten und der Netze für die Übertragung und Verteilung des Stroms. Ebenso die Entwicklung von Energiespeichern und von energieeffizienten Lösungen für konventionelle Kraftwerke, Gebäude, Verkehr und Industrie. Und auch intelligente Finanzierungsmöglichkeiten für Bürger, Kommunen und Regionen – und das alles bei verlässlichen Rahmenbedingungen, die die Politik für lange Zeiträume vorgeben muss.
„Dazu bedarf es der intensiven Zusammenarbeit aller Beteiligten“, meint Niehage. „Und die Bundesebene muss das Verfahren eng koordinieren und möglichst aus einer Hand führen – vor allem auch beim Netzausbau, mit dem zum Beispiel der Transport von Windkraft aus Norddeutschland in die großen Verbraucherzentren nach Süddeutschland ermöglicht werden soll.“ Ein erster Schritt in diese Richtung ist bereits getan: Im Juni 2012 haben die Bundesregierung und die größten Stromversorger den Netzentwicklungsplan und somit die Eckdaten für dieses Mammutvorhaben veröffentlicht. Diese sehen vor, dass bis zu vier neue Trassen von Norden nach Süden quer durch die Republik gebaut werden sollen.
Ist die Energiewende also auf gutem Wege? „Es gibt für fast alle der verschiedenen Maßnahmenfelder der Energiewende bereits recht gute technische Lösungen, doch die technische Machbarkeit ist nicht alles: Ein wichtiger Faktor für den Erfolg dieses Jahrhundertprojekts ist die Akzeptanz in der Bevölkerung“, gibt Niehage zu bedenken. Und diese ist alles andere als eine Selbstverständlichkeit. Zwar stoßen die Ziele der Energiewende in der deutschen Bevölkerung auf breite Akzeptanz – auch quer über die Parteigrenzen hinweg. Laut der Agentur für Erneuerbare Energien wünschen sich 75 Prozent der Bevölkerung, dass ihr Strom aus erneuerbaren Energien stammt. Doch bei der Umsetzung haben viele Bürger das Gefühl, dass die Politik über ihren Kopf hinweg entscheidet – denn wer will beispielsweise schon neue Strommasten vor seiner Haustür?
König Kunde. Gleichzeitig darf die soziale Dimension nicht aus dem Blick verloren werden. Nicht zuletzt durch die Steigerung der Netzentgelte und die sogenannte Umlage aus dem Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG), mit der die Verbraucher die Einspeisung von Ökostrom subventionieren, befürchten viele, dass der Strom in Zukunft zu teuer werden könnte. Zum Beispiel durch die Umlagen für Photovoltaikanlagen (PV): Insgesamt entstehen für die aktuell installierten PV-Anlagen über die EEG-Umlage mehr als 100 Milliarden Euro Zusatzkosten für die Endverbraucher – und das für nur drei Prozent des in Deutschland erzeugten Stroms.
Nicht zuletzt auch deshalb ist der durchschnittliche Strompreis für private Haushalte in Deutschland zwischen 2007 und 2012 um rund 25 Prozent gestiegen – was vor allem Geringverdienern und Rentnern zu schaffen macht. Laut der Tageszeitung Die Welt kämpfen bereits heute bis zu 15 Prozent der Bevölkerung damit, die stetig steigenden Energiekosten zu finanzieren. Auch hier müssen Politik, Energieversorger und Unternehmen an Lösungen feilen. „Von technischer Seite her arbeiten wir bereits kräftig an Innovationen, um die Stromerzeugung mit erneuerbaren Energien so kostengünstig wie die Kohleverstromung zu machen oder um mit Effizienzsteigerungen Gebäude und Produktionsanlagen zu Energiesparmeistern zu machen“. Letzteres auch vor dem Hintergrund von Kosteneinsparungen, denn „in der Industrie gibt es die Befürchtung, dass wegen stark steigender Strompreise die Produktion in Deutschland zu teuer werden könnte“, erklärt Niehage.
Zumindest im bedeutendsten Punkt ist sich Deutschland nahezu einig: Die Energiewende ist richtig und wichtig. Damit sie gelingt, darf sie aber nicht zur Kostenfalle werden. Gleichzeitig bedarf es mehr Transparenz und Information, um von einer emotionalen zu einer sachlichen Diskussion zu kommen, auf deren Grundlage dann Beschlüsse umgesetzt werden könnten. Dass das funktionieren kann, zeigen etwa Bürgerinitiativen, die ihre eigenen Windparks betreiben und somit selbst Teil der Energiewende werden. Denn wenn die Bürger selbst die Energiewende vorantreiben, dann wird es bei diesem Jahrhundertprojekt kein Protest-Logo wie das der einstigen roten Sonne geben.