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Dr. Ulrich Eberl
Herr Dr. Ulrich Eberl
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Energieerzeugung in Bürgerhand: Deutschlandweit schließen sich Bürger zu Genossenschaften zusammen
und investieren gemeinsam in den Ausbau erneuerbarer Energien, wie zum Beispiel in Windparks.

Gemeinsam für die Energiewende: Landwirte entdecken erneuerbare Energien als Zusatzgeschäft.

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Energiewende
"von unten"

Die Bürger Deutschlands wollen die Energiewende. Doch sie wollen bei deren Umsetzung mitreden können und von erneuerbaren Energieträgern profitieren - auch in finanzieller Hinsicht. Drei Beispiele zeigen, wie Bürger sich zusammenschließen, um ihre Versorgung mit sauberer Energie selbst in die Hand zu nehmen und damit helfen, die Energiewende voranzutreiben.

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Satte grüne Wiesen erstrecken sich in der weiten Marschlandschaft nahe der deutschen Nordseeküste. Hier, wo die Elbe ins Meer mündet, laden Badestrände, Radwanderwege und Naturschutzgebiete Touristen zur Erholung ein. Doch bietet die Region rund um die niedersächsische Gemeinde Oederquart noch ein weiteres Wirtschaftspotenzial: den Wind. Das erkannte in den 90er-Jahren ein Investor aus Süddeutschland und begann, mit den Grundstückseigentümern über Flächen für einen Windpark zu verhandeln. Der Dorffrieden war plötzlich in Gefahr – sollten von nun an alle Bürger auf riesige Windräder schauen müssen, wo doch nur wenige im Ort davon profitieren würden? Dem Investor wurde abgesagt. Stattdessen formte sich in der 1.150-Einwohner-Gemeinde schnell eine Interessensgemeinschaft „Windenergie“, aus der später die Bürgerwindpark Oederquart Erschließungs- und Verwaltungsgesellschaft mbH hervorging. Das Ziel: im Gemeindeverbund den Wind zu ernten.

Dafür wurden alle geeigneten Flächen gemäß des Flächennutzungsplans der Gemeinde ausgewiesen. Jeder Bürger konnte sich mit einer Einlage ab 1.000 DM (511 Euro) an dem Windpark beteiligen. Informationsveranstaltungen, Pressemitteilungen und Anzeigenkampagnen sollten die Anwohner von der gemeinsamen Sache überzeugen. „Wir hatten keine Ahnung, auf was wir uns da einlassen. Weder die Dimensionen, noch was das Geld, die Bautätigkeit oder den rechtlichen Rahmen angeht. Wir sind das wie eine Pfadfindergruppe angegangen“, erinnert sich Jürgen Goldenstein, heute Geschäftsführer des Bürgerwindparks Oederquart. Unterstützung holte sich die Gemeinde von einem Planungsbüro – es folgten Windpotenzialmessungen, Umweltverträglichkeitsprüfungen und Genehmigungsverfahren, bis sich im Dezember 1997 das erste Windrad drehte. In den Jahren danach kamen 15 weitere Anlagen hinzu, unter anderem auch von Siemens. Derzeit ist eine Leistung von insgesamt 28 Megawatt installiert. Doch bis hierhin war es ein häufig steiniger Weg: Beispielsweise waren Windgutachten zu optimistisch ausgefallen, so dass der Ertrag in manchen Jahren unter den Erwartungen lag. Heute ist die Stimmung in den Gemeinden gut. Seit 1994 haben sich fast 400 Gesellschafter am Bürgerwindpark Oederquart beteiligt. Nicht zuletzt vor dem Hintergrund der Energiewende und dem Ausstieg aus der Kernenergie in Deutschland hat man in Oederquart das Gefühl, alles richtig gemacht zu haben.

Gemeinsam etwas verwirklichen, das der Einzelne nicht schaffen würde – das ist der Gedanke hinter den Bürgerenergieparks, der in Deutschland, dem Geburtsland der Genossenschaften, lebendig ist wie eh und je. Bürger können sich häufig schon mit überschaubaren Beträgen von einigen Hundert Euro beteiligen. Das „Selbstversorgungsprinzip“ liegt im Trend: Von 101 Eintragungen im Jahr 2007 stieg die Zahl bis 2011 auf 586 Energiegenossenschaften. Mehr als 80.000 Deutsche decken laut dem Deutschen Genossenschafts- und Raiffeisenverband e.V. (DGRV) übers Jahr betrachtet mit dem erzeugten Strom ihren Haushaltsbedarf ab. 2010 befanden sich bereits 40 Prozent der deutschlandweit installierten Leistung zur Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien in der Hand von Privatpersonen, elf weitere Prozent gehörten Landwirten. Zum Vergleich: Nur 6,5 Prozent der installierten Leistung entfiel auf die vier großen deutschen Energieversorger. Dies fand eine Studie des Marktforschungsinstituts trend:research und des Klaus-Novy-Instituts heraus, die vom Bundesumweltministerium gefördert wurde.

Damit werden die einzelnen Bürger nun zu wichtigen Wegbereitern der Energiewende. „Energiegenossenschaften bieten Bürgern einen idealen Rahmen, sich vor Ort für den Umbau der Energieversorgung zu engagieren und sie steigern damit die Akzeptanz für Energieprojekte in der Region“, sagt Dr. Eckhard Ott, Vorsitzender des Vorstands des DGRV. Die Beweggründe sind vielfältig: Etwas in der eigenen Region bewirken zu wollen, unabhängig von fossilen Rohstoffen zu werden oder dafür zu sorgen, dass das Geld in der Region bleibt – etwa dadurch, dass die Bürger selbst einen Windpark betreiben, regionale Handwerksbetriebe beauftragt werden und die Gewerbesteuer zurück an die Gemeinde fließt. Risiken gibt es wenige. Nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) muss der grüne Strom der Self-Made-Energieerzeuger eingespeist werden. Voraussetzung für den Erfolg ist, dass der Standort gut gewählt ist, die Kosten vernünftig kalkuliert wurden und sich genügend Beteiligungswillige finden, um das Projekt zu stemmen. Auch der Netzbetreiber und der lokale Energieversorger müssen mit einbezogen werden, damit der Strom am Ende ins Netz fließen kann.

Verlässliche Einnahmequelle. Vor allem in strukturschwachen Regionen können Bürgerenergieprojekte ein gutes Zusatzgeschäft bedeuten. Erfolgreiches Beispiel ist der Windpark Bassens. In der niedersächsischen Gemeinde, nur 500 Meter vom Nordseedeich entfernt, sollten in den 90er-Jahren zahlreiche Einzelanlagen entstehen. Unter den Bürgern regte sich Widerstand, der sich vor allem gegen die Menge der geplanten Windräder richtete. Erste Hochrechnungen hielten das Projekt für rentabel. Die Gemeinde wollte eine geordnete Planung der Windkraftanlagen – dafür musste ein Flächennutzungsplan erstellt werden. Und so arrangierten sich die Landwirte innerhalb dieses Nutzungsplangebiets mit dem Vorhaben, jedoch nur unter einer Bedingung: „Wenn die Anlagen schon gebaut werden, wollten wir sie selbst nutzen und davon profitieren, anstatt nur draufzuschauen“, erzählt Mit-Initiator Johann Dirks, heute einer der Geschäftsführer der Windpark Bassens GmbH und der Bürgerpark KG.

16 Landwirte gaben den Startschuss und warben bei den Einwohnern der umliegenden Gemeinden für den neuen Bürgerwindpark. Schließlich kamen rund 120 Haushalte zusammen, die ein Viertel des notwendigen Kapitals bereitstellen konnten. Eine Projektierungsfirma half bei Ausschreibungen und der Bauaufsicht. Heute sorgt der raue Nordseewind jedes Jahr für die versprochenen Auszahlungen an die Teilhaber. Die 34 Anlagen mit ihren 20,4 Megawatt versorgen mit rund 45 Millionen Kilowattstunden pro Jahr etwa 10.000 Haushalte. Diese Beispiele zeigen: Vor allem bei Windenergieprojekten ist die Akzeptanz der Bürger wesentlich höher, wenn sie aktiv daran beteiligt sind – und das sowohl in finanzieller Hinsicht als auch was die Mitsprache anbelangt.

Auch wenn es um die Wärmeversorgung geht, entstehen in Deutschland Bürgervereinigungen. So wie in der 450-Seelengemeinde Honigsee südöstlich von Kiel. Dort errichteten zwei Bauern 2006 eine Biogasanlage und erklärten sich bereit, den Bürgern die Abwärme der angeschlossenen Blockheizkraftwerke kostenlos zur Verfügung zu stellen. Die Voraussetzung: Die Bürger mussten sich selbst um die Installation eines Nahwärmenetzes kümmern.

Im Dorf wusste zunächst niemand, wie ein solches Netz zu realisieren war. „Wir waren eben keine Ingenieure oder Netzbauer. Als wir den lokalen Energieversorger hinzuzogen, hat der dankend abgelehnt. Das Netz sei zu teuer und würde sich nicht rechnen“, erinnert sich Mit-Initiator Dr. Frank Heblich und ehemaliger Vorstand der Energieversorgung Honigsee eG. Doch die Idee, die ohnehin vorhandene Abwärme nutzbar zu machen und gleichzeitig fossile Ressourcen und Kosten zu sparen, ließ die Initiatorengruppe hartnäckig bleiben. Sie rechneten durch, wie teuer der Bau des Netzes käme, wie viel Energie voraussichtlich abgenommen werden würde und wie viel das Projekt am Ende jeden Teilhaber kosten dürfe, um für die Verbraucher attraktiv zu bleiben. Denn die Realisierung eines solchen Projekts steht und fällt mit der Anzahl angeschlossener Haushalte. Eine Einwohnerversammlung sollte die Bürger schließlich für das Vorhaben gewinnen. „Die größte Angst der Bürger war, dass ihnen im Winter die Wärme ausgehen könnte – schließlich sollte die alte Heizung komplett entfernt werden“, erinnert sich Heblich. Am Ende überzeugte die Bewohner vor allem die Kosteneinsparung.

Es entstand die Idee einer Genossenschaftsgründung, mit deren Hilfe 30 Prozent der Investitionskosten bereitgestellt werden konnten – der Rest kam über Kredite und ein Förderprogramm. Ein Ingenieur unterstütze das Vorhaben und half dabei, Angebote einzuholen. Im Juni 2007 war es dann soweit: der erste Spatenstich. Hundert Tage später wurde der erste Haushalt ans Nahwärmenetz angeschlossen, heute ist es bereits ein Großteil des Dorfes. Der große Heizungsausfall ist ausgeblieben – nur dreimal musste eine mobile Heizung angemietet werden, die innerhalb von wenigen Stunden Wärme verbreitete. Heute steht bei Ausfällen ein Biogasbrenner bereit. Rund 1.500 Tonnen CO2 hat das kleine Dörfchen Honigsee seit der Installation des Nahwärmenetzes eingespart. Auch dieses Beispiel zeigt: Bürger können jeder für sich, aber erst recht in der Gemeinschaft etwas zum Ausbau erneuerbarer Energien beitragen. Die Energiewende „von unten“ hat begonnen.

Bürgerbeteiligung international. Traditionell haben erneuerbare Energieträger in Dänemark oder Deutschland einen hohen Stellenwert und ihre Bürger können als Vorreiter in Sachen Bürgerenergieparks gelten. Das Stromeinspeisungsgesetz von 1991 machte es möglich, regenerativ erzeugten Strom in die Netze einzuspeisen und zu vergüten. In Dänemark erhielten Privatpersonen als Reaktion auf die Ölkrisen der 70er Jahre Steuerbefreiungen, wenn sie ihre Energie selbst erzeugen. Das Programm zeigte Erfolg: Bereits 1996 gab es mehr als 2.000 Windenergie-Genossenschaften in Dänemark. In dem Land, in dem heute rund ein Viertel des Stromverbrauchs durch Windenergie gedeckt wird, gehörten im Jahr 2004 rund 150.000 Familien einer Windenergiegenossenschaft an.

Nachahmer findet das Prinzip auch in Nordamerika: Seit 2009 ermuntert die kanadische Provinz Ontario ihre Bürger, selbst zu Energieerzeugern zu werden. Zu einem festgelegten Einspeisetarif können Privatpersonen ihren sauber erzeugten Strom für einen bestimmten Vertragszeitraum in das Stromnetz einspeisen. Solche Verträge wurden bereits für insgesamt mehr als 3.500 MW Leistung abgeschlossen, das entspricht etwa vier Großkraftwerken. Auch im US-amerikanischen Bundesstaat Minnesota wird zur Bürgerbeteiligung ermuntert – hier befinden sich rund 27 Prozent der Windkapazitäten im Besitz von Gemeinschaftsunternehmen – verglichen mit einem landesweiten Durchschnitt von lediglich einem Prozent.

Nicole Elflein