Siemens trägt auf ungewöhnliche Weise zum Artenschutz bei: Ein Ultraschall-Gerät, das eigentlich für Menschen entwickelt wurde, findet nun auch Anwendung im portugiesischen Oceanário de Lisboa. Biologen überwachen damit die Schwangerschaft von Stachelrochen.
Schön und selten: Überfischung verringert den natürlichen Bestand an Blaupunktrochen. Deswegen überwachen Züchter mit Ultraschall das Leben der ungeborenen Rochen.
Er war das Highlight der EXPO 98 in Lissabon: der Ozean-Pavillon. Wie eine futuristische Forschungsplattform ragt der Bau inmitten eines künstlich angelegten Hafenbeckens empor, nur erreichbar über eine schmale Fußgängerbrücke. Während die meisten anderen Gebäude nach Ende der Weltausstellung wieder abgerissen wurden, konnte das riesige Aquarium erfolgreich weitergenutzt werden: Heute ist das Oceanário de Lisboa mit jährlich etwa einer Million Gästen die meistbesuchte kulturelle Einrichtung in Portugal.
Das Zentrum bildet ein gigantischer, 5.000 Kubikmeter Salzwasser fassender Tank, der den Weltozean symbolisieren soll. Durch mehrere Panoramascheiben kann der Besucher die Lebewesen beobachten: Haie, Rochen, Muränen und Mondfische. Um den zentralen Tank gruppieren sich vier kleinere Bassins, die die Felsküste des Nordatlantiks, die Antarktis, die Tangwälder im Pazifik sowie die tropischen Korallenriffe im Indischen Ozean darstellen.
„Siemens kooperiert bereits seit längerem mit dem Oceanário. Unter anderem liefern wir einen Großteil der Infrastruktur, also die Ausrüstung für Betrieb, Sicherheit und Wartung der Becken“, sagt João Seabra, CEO des Sektors Healthcare von Siemens Portugal. „Jetzt hat die Kooperation eine völlig neue Qualität erreicht, die über eine reine Geschäftsbeziehung hinausgeht.“ Siemens hat dem Oceanário ein ursprünglich für Menschen entwickeltes Ultraschallsystem gespendet, mit dem die Biologen unter anderem blau gefleckte Stachelrochen „in guter Hoffnung“ überwachen können.
Damit lassen sich diese wegen ihrer Färbung besonders beliebten Blaupunktrochen (Taeniura lymna) besser als jemals zuvor direkt vor Ort untersuchen. „Im Vergleich zu unserem alten Equipment ist die Bildqualität jetzt so gut, dass wir die Reproduktionsorgane und die Föten in einem bislang unerreichten Detailgrad untersuchen können“, erläutert Dr. Nuno Marques Pereira, Tierarzt am Oceanário. „Außerdem können wir die Untersuchung für eine spätere Auswertung aufzeichnen. Zuvor mussten wir die zeitraubende Bildanalyse während der Untersuchung machen. Mit dem neuen Gerät ist die Behandlung kurz und der Stress für die Tiere deutlich geringer.“
Brutkammer im Bauch. Bei Blaupunktrochen verbleiben die Eier in einer Brutkammer im Körper der Mutter, bis maximal sieben Jungtiere schlüpfen und schließlich lebend geboren werden. Die Schwangerschaft dauert zwischen vier und zwölf Monaten, die Jungtiere sind bei der Geburt etwa 14 Zentimeter groß. Um die Tragzeit der Tiere zu überwachen, überführen Pfleger des Oceanário die trächtigen, bis zu 70 Zentimeter großen, Blaupunktrochen regelmäßig aus dem großen Becken in einen kleineren Plastikbehälter und fahren mit der Ultraschall-Sonde wie bei der Sonografie beim Menschen über den Körper der Tiere – die Sonde und das Kabel werden dabei durch Plastikfolie vor dem Wasser geschützt. Auf einem Monitor können sie die Jungtiere im Bauch der Mutter sehen und anhand ihrer Größe und der Bewegungen auf den Entwicklungs- und Gesundheitszustand schließen.
Dank des Ultraschallgeräts können die Biologen nun untersuchen, wie sich verschiedene Haltungsbedingungen auf die Schwangerschaft der Blaupunktrochen auswirken. Diese Ergebnisse sind wichtige Grundlage für Zuchtempfehlungen, die das Oceanário in der gut vernetzten Community europäischer Aquarien veröffentlicht. Darüber lassen sich auch Probleme bei der Schwangerschaft frühzeitig erkennen: Wenn etwa ein Jungtier noch im Mutterleib stirbt – auf dem Monitor also keine Bewegungen mehr feststellbar sind – kann das Personal rechtzeitig operativ eingreifen und so den Tod weiterer Jungen oder gar der Mutter selbst verhindern.
Die Hightech-Bemühungen helfen, den Bestand an Rochen zu sichern. „Als Folge von Überfischung und Korallensterben wird der Blaupunktrochen inzwischen auf der Roten Liste der International Union for Conservation of Nature geführt und gilt als ‚gering gefährdet’“, sagt Dr. Nuria Baylina, Kuratorin am Oceanário. Der Rochen lebt in den küstennahen Bereichen des tropischen Indischen und Pazifischen Ozeans. Bei Flut wandern die Blaupunktrochen in kleinen Gruppen in das strandnahe Flachwasser, um zu fressen, und kehren bei Ebbe in die sicheren Korallenriffe vor der Küste zurück.
Das Oceanário überwacht im Auftrag der European Association of Zoos and Aquaria den gesamten Bestand von Blaupunktrochen in europäischen Aquarien. Hauptziel ist es, durch das neu gewonnene Wissen über Haltung und Vermehrung den Zuchterfolg zu verbessern und so die Zahl von Wildfängen zu reduzieren. „Sollte sich die Situation für frei lebende Blaupunktrochen weiter verschlechtern, ist es wichtig, dass wir eine nachhaltige Population in den Aquarien haben“, erklärt Baylina. „Der Schlüssel zu einem größeren Zuchterfolg ist die optimale Erforschung und Überwachung der Schwangerschaft der Tiere.“ Das gespendete Ultraschallgerät könne also einen wichtigen Beitrag zur Erhaltung der ganzen Art leisten. „Darüberhinaus wollen wir das Gerät künftig auch bei anderen Fischarten, Reptilien und Pinguinen einsetzen“, sagt Baylina. So können alle Bewohner des Oceanário von der Siemens-Spende profitieren.