Vernetzte Verkehrssysteme und aktuelle Informationen über die schnellste Verbindung sorgen dafür, dass Stadtbewohner künftig trotz wachsender Verkehrsdichte bequem ihre Ziele erreichen. Das Auto wird es auch 2050 noch geben, doch es wird nur eine Fortbewegungsmöglichkeit von vielen sein.
Den Überblick behalten: Ob Busse und Leihfahrräder wie in Denver oder Elektroautos – mit einem Multitouch-Tisch und der Mobility-App von Siemens sollen Verkehrsmittel zu integrierten Verkehrssystemen verschmelzen.
Marcus Zwick ist guter Dinge. Es ist Freitag später Nachmittag, Feierabend. Der Siemens-Manager ist gerade nach Hause gekommen. Er wohnt in einem Vorort im Süden von München. Zwick freut sich auf das Spiel des FC Bayern am Abend, während der Mittagspause hat er sich noch eine Eintrittskarte übers Internet gesichert. Ein schneller Blick auf sein Smartphone zeigt, in einer halben Stunde sollte er losfahren, um rechtzeitig zum Anpfiff im Stadion zu sein. Noch ist der Weg durch die Stadt frei.
Sein Smartphone navigiert ihn quer durch die Stadt, langsam nimmt die Verkehrsdichte zu – bis Spielbeginn sind es noch 40 Minuten. Plötzlich ertönt ein schriller Ton aus dem mobilen Gerät an der Windschutzscheibe, eine Stimme warnt vor einem Stau und empfiehlt auf die S-Bahn umzusteigen, die ihn noch recht zeitig ins Stadion bringen wird. Zwick willigt per Fingertipp auf das Display ein, das Navi ändert automatisch das Ziel und führt ihn zum nächstgelegenen Park-and-ride-Platz. Auf dem Weg dorthin bucht die Software im Smartphone ein Ticket, so dass Zwick keine Zeit verliert und sich direkt in die Bahn setzen kann.
Noch ist das eine Vision, doch es wird nicht mehr lange dauern, dann soll eine „Mobility- App“ auf dem Smartphone dafür sorgen, dass sich die Menschen sicher und schnell durch die Städte bewegen. So wie Marcus Zwick und seine Kollegen bei Siemens arbeiten Forscher und Unternehmen weltweit an Lösungen, die verschiedene Verkehrsmittel in den Städten eng miteinander vernetzen und intelligent steuerbar machen.
Die Idee: Um in Zukunft schnell und effektiv von „A nach B“ zu kommen, werden die Menschen von intelligenten Systemen durch den Großstadtdschungel geleitet. Sie benützen nicht nur ein Verkehrsmittel, sondern wechseln je nach Verkehrslage, Strecke und persönlicher Präferenz vom Elektroauto zur U-Bahn, von der S-Bahn auf das Fahrrad oder verknüpfen alles miteinander. Die einzelnen Systeme dafür sind vorhanden, die Herausforderung besteht darin, sie intelligent miteinander zu verbinden und dadurch besser steuerbar und nutzbar zu machen.
Der Bedarf für solche intelligenten Verkehrssysteme wächst rapide. Laut der jüngsten Studie der Beratungsgesellschaft Frost & Sullivan werden schon 2025 rund 4,5 Milliarden Menschen in Städten leben – das sind eine Milliarde mehr als heute und entspricht gut 60 Prozent der Weltbevölkerung. Weltweit gibt es etwa 30 Megastädte mit über zehn Millionen Menschen sowie Metropolregionen wie das Ruhrgebiet in Deutschland mit einem hohen Grad an Vernetzung einzelner urbaner Zentren. Viele Megacities und Metropolregionen leiden bereits heute unter endlosen Verkehrsstaus, Parkplatznot und stickiger Luft.
Gefragte Lösungen. Damit das Leben in den Städten attraktiv bleibt, suchen kommunale Entscheider und Mobilitätsanbieter nach neuen Lösungen. Für den Niederländer Hans Rat, Generalsekretär des Internationalen Verbands für öffentliches Verkehrswesen (UITP) in Brüssel, steht fest: Der öffentliche Personen-Nahverkehr (ÖPNV) wird dabei eine ganz entscheidende Rolle spielen.
Auch Megastädte im Mittleren Osten haben das erkannt. So hat für die Planer in Dubai die Integration der Verkehrssysteme höchste Priorität. Hier verbinden immer mehr multimodale Umsteigestationen Metro, Bus und Schiffe. Zubringerbusse bedienen alle Metrostationen, um sicherzustellen, dass auch die „letzte Meile“ an den ÖPNV angeschlossen ist. Das Bezahlen per „Smartcard“ oder „e-Ticket-App” auf dem Smart phone erleichtert das Umsteigen. Die Nutzer müssen sich keine Tarife merken, sie bezahlen für die zurückgelegte Strecke und können so auch die Gebühr für das Parken begleichen.
In Europa werden Busse und Bahnen in den Städten ebenfalls zu bevorzugten Verkehrmitteln. Vor allem junge Menschen in den Metropolen verzichten zunehmend auf das eigene Auto, wie Prof. Dr. Stefan Bratzel vom Center of Automotive der Fachhochschule der Wirtschaft in Bergisch Gladbach feststellte. Bratzel und sein Team haben im Rahmen der Studie „Jugend und Automobil 2010“ über 1.100 junge Menschen zwischen 18 und 25 zu ihren Einstellungen befragt. Das Ergebnis: Für diese Gruppe spielt das Automobil als Statussymbol keine wichtige Rolle mehr.
Befragungen seit Mitte 2000 des Bremer Psychologen Prof. Peter Kruse belegen diesen Trend. „Früher stand Mobilität für Freiheit und war ein Privileg. Heute wird das Freiheitsgefühl viel besser durch intelligente Mobiltelefone ausgedrückt als durch Autos“, so der Forscher. Aus dem Objekt der Begierde und dem Symbol persönlicher Unabhängigkeit sei mehr und mehr ein nüchternes Werkzeug mobiler Funktionalität geworden. Das Auto sei in der unbewussten Einschätzung der Konsumenten nur noch eine unter vielen möglichen Formen moderner Fortbewegung.
Zum gleichen Ergebnis kommen Forscher vom Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung in Karlsruhe. Sie prognostizieren in ihrer Studie „Vision für nachhaltigen Verkehr in Deutschland“ für 2050, dass nur noch jeder vierte Einwohner in den Großstädten ein eigenes Auto besitzen wird. „Fahrräder und hocheffiziente leichte Elektromobile sind die neuen Statussymbole der städtischen Bevölkerung“, so der Ausblick der Wissenschaftler.
Mobilität als Dienstleistung. Autobauer wie BWM und Daimler stellen sich längst auf die veränderten Mobilitätswünsche ihrer Kunden ein. Sie wollen künftig nicht nur Autos, sondern vor allem Mobilität verkaufen. Neben Carsharing-Angeboten für Elektroautos in der Stadt setzen die Unternehmen auf die Verknüpfung mit dem ÖPNV. So will BMW beispielsweise „Park+Ride“ attraktiver machen – durch eine bessere Ausschilderung der Parkplätze sowie Informationen im Internet über die Zahl der freien Plätze und Abfahrtszeiten der nächsten Bahnen.
Daimler bietet neben seinem „car2go“-Angebot für Miet-Smarts in den Innenstädten von Ulm, Hamburg, Austin und Vancouver eine neue Form von Mitfahrzentrale, die Fahrer und Beifahrer fast in Echtzeit mithilfe von Smartphones oder PC zusammenbringt. So lassen sich erstmals auch spontane Mitfahrten für Kurzstrecken organisieren, was den täglichen Verkehr in der Stadt entlasten könnte. Um zudem den ÖPNV so attraktiv wie möglich zu machen, müssten sämtliche Angebote möglichst effizient ineinander greifen, fordert Dr. Martin Zimmermann, Vice President „Strategy, Alliances & Business Innovation“ der Daimler AG. Ansatzweise funktioniert das schon heute. Der weltweite Ausbau des mobilen Internets bietet ein enormes Potenzial, um den Verkehr in den Innenstädten effizienter zu vernetzen.
„Mit Mobilfunktechnik lässt sich eine sogenannte Car-to-Infrastructure-Kommunikation realisieren, mit der die Verkehrssteuerung noch zeitnäher reagieren kann“, sagt Marcus Zwick.
In Texas haben die Mobilitätsexperten von Siemens eine intelligente Ampelsteuerung implementiert, die erkennt, wie viele Fahrzeuge mit welcher Geschwindigkeit auf eine Kreuzung zufahren. Sie steuert die Ampelphasen so, dass immer die stärker befahrene Straße die längere Grünphase bekommt. Die neue Technik soll aber nicht nur den Verkehrsfluss unterstützen, sondern auch dazu beitragen, dass Busfahrer ihre Fahrpläne einhalten. Die Infrastruktur erkennt, ob ein Bus Verspätung hat und sorgt bei Bedarf für mehr grüne Ampeln, damit dieser die verlorene Zeit wieder aufholen kann.
Die einzelnen Bausteine werden immer intelligenter, doch das reicht nicht. „Die Informationen aus den Verkehrssystemen müssen noch gebündelt und zur Steuerung und Optimierung der Verkehrsströme und des Verkehrsflusses genutzt werden“, weiß Zwick. Siemens liefert weltweit nicht nur Bausteine für die Verkehrsinfrastruktur – etwa Ampeln, Lichtleitanlagen und Verkehrsmanagement-Systeme –,sondern entwickelt auch Hard- und Software für Verkehrsleitsysteme sowie IT-Lösungen, um die anfallenden Daten zu sammeln und zur Verfügung zu stellen.
Damit die Mitarbeiter in den Verkehrsleitzentralen der Städte künftig die wachsende Menge der Informationen leichter überblicken und nutzen können, hat die Siemens-Abteilung „Innovative Mobility Solutions“ mit Sitz in Erlangen und München, die Zwick zusammen mit einem Kollegen leitet, einen überdimensionalen Multitouch-Bildschirm entwickelt.
Einfach mit Fingerzeig. Der Multitouch-Bildschirm sammelt nicht nur die Daten aus den einzelnen Verkehrs- und Informationssystemen und visualisiert sie für die Mitarbeiter in den Verkehrsleitzentralen der Ballungsräume, sondern vereinfacht auch die Interaktion zwischen verschiedenen Verantwortungsbereichen. Über die gemeinsame Oberfläche lassen sich per Gesten – mit einzelnen Fingern, wie man das von den modernen Tablet-PCs kennt – Streckenübersichten zoomen, Trassen sperren oder Daten miteinander verknüpfen.
„Jede Aktion wird abgebildet und ist für alle transparent“, sagt Zwick. Noch handelt es sich um einen Prototypen, der demonstrieren soll, was künftig möglich sein wird. Durch die Übertragung der Informationen auf mobile Geräte soll auch das Personal unterwegs mit in Entscheidungen einbezogen werden. So werden Reaktionszeiten nicht nur kürzer, sondern auch die Abstimmungsprozesse präziser und sicherer. Busse und Bahnen fahren pünktlicher, Umsteigezeiten werden geringer.
Die Informationen sind auch für die Verkehrsteilnehmer verfügbar. Über ihre Smartphones oder Anzeigetafeln können sie sich jederzeit über die aktuelle Situation informieren und sich spontan für das ein oder andere Verkehrsmittel entscheiden. So wie Marcus Zwick, der sich nach dem Fußballspiel noch gerne mit Freunden in der Stadt treffen möchte. Ein Blick auf das Display des Smartphones reicht aus und schon weiß er, wo sich diese gerade aufhalten: in einem Steakhaus in der Nähe des Rathauses. Das passt prima. Etwas essen würde er jetzt auch gerne. Die Verknüpfung mit der Mobility-App zeigt, mit der U-Bahn könnte er in 30 Minuten dort sein. Per Chat bittet er seine Freunde, schon einmal einen Steakteller zu bestellen.