Die Erdbevölkerung wächst – und mit ihr die Nachfrage nach Ressourcen, wie Öl oder Metalle. Deren Preise steigen. Um Nachfrage, Angebot und Umweltschutz im Einklang halten zu können, entwickelt Siemens Lösungen, die Wirtschaftswachstum bei geringerem Ressourcenverbrauch ermöglichen.
Auf dem Trockenen: Nicht nur Süßwasserreserven, sondern auch Öl- und Metallvorkommen schwinden. Der Energiehunger einer wachsenden Weltbevölkerung lässt die Rohstoff-Preise steigen.
Sparsamkeit ohne Verzicht: Hocheffiziente Gasturbinen nutzen den Primärenergieträger Erdgas effizienter. Das Recycling von Zügen hilft, Ressourcen zu schonen.
Im Jahr 1972 veröffentlichte der Club of Rome den Bericht „Die Grenzen des Wachstums“, in dem Ökonomen und Forscher wie Dr. Dennis L. Meadows die Zukunft der Weltwirtschaft erörterten. Das Fazit der Experten: „Wenn die gegenwärtige Zunahme der Weltbevölkerung, der Industrialisierung, der Umweltverschmutzung, der Nahrungsmittelproduktion und der Ausbeutung von natürlichen Rohstoffen unverändert anhält, werden die absoluten Wachstumsgrenzen auf der Erde im Laufe der nächsten hundert Jahre erreicht.“
Die Reaktion auf die These folgte prompt. Kritiker aus aller Welt, wie zum Beispiel der Ökonom Dr. Thomas Sowell, stempelten den Bericht des 1968 gegründeten Klubs, der sich noch heute mit internationalen politischen Fragen beschäftigt, als „vielleicht berühmteste Fehlprognose“ der jüngeren Geschichte ab. Doch heute, 40 Jahre nach der Veröffentlichung der „Grenzen des Wachstums“, sind die dort und in den Folgepublikationen getroffenen Aussagen aktueller denn je.
So verdeutlicht der sich anbahnende Klimawandel, dass unser Energiesystem alles andere als nachhaltig ist. Viele Akteure in Wirtschaft und Politik haben sich dieser Herausforderung angenommen: Dies zeigt unter anderem der Boom der erneuerbaren Energien, insbesondere der Windenergie. Hier muss es nun vor allem darum gehen, durch intelligente Konstruktionen mehr Strom zu ernten und zugleich die Herstellung der Windanlagen zu automatisieren und sie dadurch wirtschaftlicher zu machen (siehe Artikel „Heizen fast zum Nulltarif“). Zugleich versuchen die Ingenieure, Kraftwerke auf Basis fossiler Brennstoffe wie Kohle oder Gas noch effizienter zu machen und so weniger wertvolle Ressourcen zu verbrauchen. Den Effizienz-Weltmeistertitel hält derzeit ein Gas- und Dampfturbinen-Kraftwerk im bayerischen Irsching. Hier gelang es erstmals, fast 61 Prozent der im Gas enthaltenen Energie in Strom zu verwandeln (siehe Artikel „Das Weltrekord Kraftwerk“).
Dank spezieller Entwicklungstools und Analysemethoden, die größtmögliche Umweltfreundlichkeit mit hoher Wirtschaftlichkeit verbinden, können selbst komplexe Stromverbraucher, etwa große Industrieanlagen, so konstruiert werden, dass sie immer weniger Elektrizität verbrauchen und immer weniger Schadstoffe ausstoßen (siehe Artikel „Alles im grünen Bereich“, „Grün von Anfang an“). Ein anderes Beispiel stammt aus dem Gebäudebereich: Hier sind Wärmedämmung und Wärmepumpen ein guter Weg, um die nötige Energie fürs Heizen drastisch zu verringern (siehe Artikel „Heizen fast zum Nulltarif“).
Solche Anstrengungen verfolgen nicht nur das Ziel, den CO2-Ausstoß zu minimieren, sondern auch Rohstoffe einzusparen. Diese drohende Verknappung und stetige Verteuerung der Ressourcen – ob Öl, Gas, Kohle oder Metalle – war eine der Vorhersagen des Club of Rome, die nun langsam Wirklichkeit zu werden droht. So stufte die Europäische Union im Jahr 2010 den Zugang zu 14 Mineralien und Metallen als kritisch ein, darunter Antimon, Beryllium, Kobalt und Seltene Erden; diese sind für die Produktion von Hightech-Produkten wie auch von Produkten des täglichen Gebrauchs von entscheidender Bedeutung.
140 Milliarden Tonnen in 2050? Werden wir uns also demnächst tatsächlich vom Wachstum verabschieden, weil die Ressourcen auszugehen drohen? Noch scheint das Wachstum ungebremst. So warnt etwa das Umweltprogramm der Vereinten Nationen (UNEP) davor, dass die Menschheit bis 2050 mit einem jährlichen Verbrauch von 140 Milliarden Tonnen Mineralien, Erze, fossiler Brennstoffe und Biomasse mehr als doppelt so viel wie derzeit verbrauchen könnte (siehe Artikel „Materialverbrauch und Wirtschaftswachstum lassen sich entkoppeln“). Der Grund ist der Anstieg der Weltbevölkerung um 2,3 Milliarden Menschen und die Zunahme des Mittelstandes in vielen einstigen Schwellenländern – mit all den einhergehenden Bedürfnissen nach Computern, Pkw, Kleidung und Energie.
Doch zugleich weist Dr. Mathis Wackernagel, Präsident der internationalen Denkfabrik Global Footprint Network im kalifornischen Oakland, im Interview mit Pictures of the Future (siehe Artikel „Wir zerstören unseren Reichtum schneller als wir ihn aufbauen“) darauf hin, dass der Mensch schon heute längst auf Pump lebt: „Zwar hat sich auch die Biokapazität dank Technologie und Energieeinsatz vergrößert, jedoch viel langsamer als der menschliche Anspruch. Wir schätzen, dass wir heute 50 Prozent schneller die Natur der Welt nutzen, als sie sich regenerieren kann.“
„Die Frage wird daher sein, ob der gewaltige Schub neuer Güter und Dienstleistungen einen ökologischen Kollaps verursacht oder in nachhaltige Bahnen gelenkt werden kann“, schreibt Ralf Fücks, Vorstand der Heinrich-Böll-Stiftung, in der deutschen Wochenzeitung Die Zeit. Letztlich geht es also darum, Wirtschaftswachstum und Ressourcenverbrauch zu entkoppeln und die Wirtschaft möglichst „grün“ und nachhaltig wachsen zu lassen. Um das zu schaffen, bedarf es laut dem Ökoexperten zum einen von der Politik definierte „ökologische Leitplanken, die von den Belastungsgrenzen der Ökosysteme abzuleiten sind“, und zum anderen ein aktives Handeln von Unternehmen, die mit neuen technologischen Lösungen und umweltfreundlichen Kreislaufprozessen die Abhängigkeit von den verknappenden und teurer werdenden Rohstoffen minimieren.
Siemens beispielsweise tut dies seit Jahren, zum einen mit den Produkten und Systemen seines Umweltportfolios, die von den erneuerbaren Energien über intelligente Stromnetze bis zu energiesparenden Zügen, Industrieanlagen oder Hausgeräten reichen und den Kunden helfen, nachhaltig zu wirtschaften. Zum anderen ist das Unternehmen sehr aktiv darin, auch selbst Ressourcen einzusparen. Wie dies geht, erarbeiten unter anderem die Forscher des Clusters Materials, Hardware Design and Manufacturing Technologies (MHM) bei Siemens Corporate Technology (CT). Einer von ihnen ist Dr. Thomas Scheiter, der das globale Technologiefeld „Materialsubstitution und Recycling“ leitet.
„Sobald Rohstoffe in punkto Verfügbarkeit als kritisch zu betrachten sind, ist es unsere Aufgabe, technologische Alternativen zu entwickeln“, erklärt Scheiter den Auftrag seines Feldes (siehe Artikel „Die Rohstoff-Detektive“). „Dazu gehört auch die Entwicklung spezieller, heute noch nicht existenter Recyclingmethoden, um etwa Seltene Erden oder Wolfram zurückzugewinnen.“ Zusätzlich identifizieren die Experten stets neue Optimierungspotenziale: Etwa Konzepte, wie man Hochleistungsmagnete für Windturbinen oder Elektroautos ohne Seltene Erden herstellen kann, wo sich teures Kupfer gegen kostengünstigeres Aluminium austauschen lässt, oder wie man konventionelle Rohstoffe durch nachwachsende Biopolymere ersetzen kann, ohne dass Qualität und Leistung darunter leiden.
Während die Forscher der CT es sich zum Ziel gesetzt haben, Siemens in Zukunft möglichst unabhängig von der Verknappung der Rohstoffe zu machen, beschäftigt sich das Supply Chain Management des Unternehmens damit, schon heute drohende Preissteigerungen und Engpässe bei den weltweit rund 90.000 Siemens-Lieferanten zu vermeiden. „Ein wesentliches Tool hierfür ist die Marktbeobachtung“, berichtet Barbara Kux, Mitglied des Konzern-Vorstands, Chief Sustainability Officer und als Leiterin des Supply Chain Managements verantwortlich für die Lieferkette bei Siemens. „So haben wir eine Abteilung für Marktanalysen und Prognosen, die die Marktentwicklung permanent bewertet. Das hilft uns, im Voraus zu planen und Liefer- und Produktionsmengen rechtzeitig vor einem weiteren Preisanstieg abzusichern.“ Um Lieferengpässen entgegenzusteuern, schließt sich Siemens auch mit anderen Unternehmen in Konsortien zusammen, um im starken Verbund Rohstoffrechte auszuhandeln. „Erst jüngst haben wir uns durch Gespräche mit Förderern in Australien einen Zugang zu Seltenen Erden sichern können“, sagt Kux.
Lieferanten ins Boot holen. Darüber hinaus ist die Effizienzsteigerung der eigenen Lieferanten ein probates Mittel des nachhaltigen Wirtschaftens. „Wenn wir versuchen, unsere Lieferanten an der einen oder anderen Stelle besser zu machen, sinken ihre Produktions- und somit unsere Einkaufskosten“, erklärt Kux. Während Siemens mit dem Programm EEP4S bei seinen Lieferanten Energieeinsparpotenziale identifiziert und umsetzt (siehe Artikel „Ein grünes Rezept für Lieferanten“), möchte das Unternehmen mit SPS@Suppliers das Produktionssystem entlang der gesamten Wertschöpfungskette schlanker gestalten (siehe Artikel „Hilfe zur Selbsthilfe“). Nicht zuletzt um die Lieferanten für die Teilnahme an den Programmen zu motivieren, vergibt das Sustainability Office an besonders effizient arbeitende Lieferanten jährlich spezielle Nachhaltigkeitspreise.
„Dabei sollten die Programme an sich schon Motivation genug sein, an ihnen teilzunehmen“, meint Kux. Denn wer Energie spart, kürzere Durchlaufzeiten und gleichzeitig eine höhere Qualität, Produktivität und Nachhaltigkeit erreicht, produziert nicht nur umweltfreundlicher, sondern auch günstiger und ist damit wettbewerbsfähiger. „Im Grunde genommen ist die Rohstoffverknappung für Unternehmen wie Siemens nicht nur eine Herausforderung, sondern auch eine Chance“, resümiert Barbara Kux. Denn sie ist ein wichtiger Antrieb, um Lösungen zu entwickeln, die zugleich unabhängiger von Lieferengpässen und Preissteigerungen machen und auch der Umwelt nützen, weil sie ein effizienteres Wirtschaften ermöglichen und den Resourcenverbrauch deutlich reduzieren. Letztlich bedeutet das in einer Welt, die an die „Grenzen des Wachstums“ stößt, einen nicht zu unterschätzenden Wettbewerbsvorteil. Völlig aufheben ließen sich die Grenzen des Wachstums nur durch eine ausgeklügelte Kreislaufwirtschaft: Züge, die zu 95 Prozent recycelbar sind – wie sie Siemens in Wien baut (siehe Artikel „Zweites Leben für Waggons“) – sind ein Aufsehen erregendes Beispiel dafür, dass so etwas einst durchaus möglich sein könnte.