Gegensätze: In einer chinesischen Metropole lässt der junge Li für einen Tag den hypermodernen Teil der 25-Millionen Metropole hinter sich und taucht in die 40 Kilometer entfernte harmonische und grüne Oase seines Großvaters Jun Yang ein. Auf dem Weg zur entschleunigten Enklave benutzt Li mehrere miteinander vernetzte Verkehrsmittel. Sein flexibler Tablet-PC weist ihm zuverlässig den Weg in die befremdliche Ruhe.
Eine chinesische Megacity im Jahr 2040: Li besucht seinen Großvater Jun, der in einer Oase der Ruhe inmitten der hypermodernen 25-Millionen-Metropole wohnt. Innerhalb der gleichen Stadt treffen dabei zwei Welten aufeinander – Beschleunigung auf Beschaulichkeit und ein Leben für Morgen auf ein Leben im Jetzt.
Li sitzt im Dschungel und trinkt Tee. Unzählige Stimmen exotischer Vögel hallen durch den Wald und vermischen sich mit einer Symphonie von Mozart, die unaufdringlich im Hintergrund ertönt. Ein handtellergroßer Schmetterling setzt sich auf den papierdünnen Tablet-PC, den er wie eine Zeitung auf seinem Schoß hält. Der junge Geschäftsmann verscheucht das Insekt und konzentriert sich wieder auf seine Online-Kontakte. Kurz darauf wird er wieder abgelenkt – ein livrierter Kellner kommt vorbei und bietet ihm noch etwas Gebäck an. Li lehnt ab und berührt mit der Fingerspitze kurz seinen Tablet. Automatisch setzt sich das Gerät mit dem Smartphone des Kellners in Verbindung und begleicht in Sekundenschnelle die Rechnung – Trinkgeld inklusive. „Vielen Dank, Sir“, flötet die „Langnase“, ein Gastarbeiter aus Europa, und verbeugt sich tief.
Li seufzt. Er hätte gerne noch weiter gearbeitet, hier im Café des tropischen Gartens im 50. Stock des Tiger Towers. Doch er ist mit seinem altmodischen Großvater verabredet – und der wohnt in einem entlegenen Viertel, 40 Kilometer vom Zentrum der 25-Millionen-Metropole entfernt. Li steht auf, rollt seinen Tablet zusammen und folgt einem sorgfältig geharkten Pfad, der sich unter Blüten und Blättern zum Ausgang schlängelt. Zwischen zwei Hibiskussträuchern öffnet sich eine unauffällige Tür zum verglasten Fahrstuhl an der Außenseite des Tiger Towers und gibt den Blick auf die reale Welt frei: Wolkenkratzer, so weit das Auge reicht, manche an den Außenseiten wie mit lebenden Teppichen begrünt, andere mit Gärten auf den Dächern. Dazwischen wälzen sich unzählige Autos durch ein weitverzweigtes Straßennetz, darüber sausen Hängebahnen auf filigranen Stelzen. Mit einem Schritt verlässt Li die perfekte Illusion des exotischen Gartens und tritt in die Kabine. Er zieht seinen Tablet hervor, blickt auf das brodelnde Leben unter sich und spürt, wie sein Puls sich wieder beschleunigt. Li atmet beruhigt auf – langsam kommt er wieder auf normale Betriebstemperatur.
Während Li im gläsernen Fahrstuhl nach unten saust und seinen Tablet die schnellste Route zum Großvater errechnen lässt, sitzt Opa Jun gemütlich vor seinem kleinen Holzhaus. In der Mittagshitze scheint die Luft stehen geblieben zu sein – genauso wie die Zeit in der kleinen Enklave. Hier, zwischen den traditionellen flachen Häusern, den kleinen grünen Gärten und engen Gassen, ist eine Oase der Entschleunigung und Harmonie entstanden. In den letzten 100 Jahren hat sich das Viertel nicht wesentlich verändert, während die Stadt darum herum ständig gewachsen ist. Wahrscheinlich haben die Stadtplaner im Laufe der Jahre ihr Augenmerk auf den Ausbau der modernen Stadtteile gelegt, vielleicht war auch kein Geld mehr für die Entwicklung des kleinen Viertels übrig. Jun jedenfalls glaubt, dass die Verantwortlichen die Ansammlung alter Hütten schlichtweg vergessen haben – geschadet hat das nicht, meint er. Denn mit der hektischen Außenwelt will er nichts zu tun haben. Im Inneren seiner Hütte beginnt der Teekessel zu pfeifen. Jun blinzelt zufrieden in die Sonne und zündet sich erstmal eine Zigarette an. Er hat Zeit, so viel Zeit.
Während Jun mit seinem Teekessel um die Wette dampft, muss sich Li in Geduld üben. Seit einer halben Stunde steht er bereits im Stau – und das, obwohl die Mobilitäts-App die schnellste Route zu seinem Großvater ermittelt hatte. Zunächst hatte ihn die Software zur nächsten Station geleitet. Li hatte sich in die Magnetschwebebahn gesetzt und die Fahrtzeit genutzt, um nebenbei noch eine kleine Videokonferenz über seinen Tablet zu halten – denn das klassische Büro kennt Li wie die meisten seiner Altersgenossen nur noch aus den Geschichtsbüchern. In seiner Welt sind die Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit fließend, Flexibilität und Vernetzung sind bei der jungen Stadtbevölkerung längst nicht mehr wegzudenken.
Auf Anweisung seines Tablets war Li dann ausgestiegen und hatte sich auf ein Elektrofahrrad gesetzt, das ihm seine App gemietet hatte. Damit war er mühelos durch den Stadtpark gestrampelt und konnte so den Verkehr auf den Ringstraßen umgehen. Am Parkausgang wartete schließlich ein reserviertes Elektroauto auf ihn, mit dem er die letzten Kilometer zu seinem Großvater zurücklegen sollte. Laut seiner Mobilitäts-App der schnellste Weg, denn offenbar hatte die Stadtverwaltung vergessen, dem alten Viertel eine Metrostation zu spendieren. Die schlaue Software hatte bei der Routenplanung allerdings nicht den streunenden Hund auf der Rechnung, der kurz vor dem Ziel einen Unfall provozierte. Li schaltet auf Autopilot und lässt den Stromer selbstständig den Stop-and-Go-Verkehr bewältigen. Er möchte die Verzögerung nutzen, um schnell noch etwas weiter zu arbeiten. „Carpe Diem“, murmelt er und rollt seinen Tablet aus.
Ein paar Kilometer weiter hat es Jun endlich geschafft, eine Kanne frischen Tee zu kochen. Er gießt sich eine Tasse ein und lässt sich auf der Bank vor seinem Haus nieder. Jun freut sich auf seinen Enkel, auch wenn er findet, dass der Junge ständig unter Strom steht und sich deshalb Sorgen um seine Gesundheit macht. Dabei war es ausgerechnet Li, der ihm den digitalen medizinischen Assistenten angedreht hat, den er seitdem ständig wie eine Uhr ums Handgelenk trägt. Das Gerät überwacht in Echtzeit seinen Puls, Herzaktivität und andere medizinische Daten und alarmiert bei Gefahr automatisch den Arzt.
Jun steht auf und schirmt mit seiner Hand die Sonne ab: Ein Elektroauto rollt mit leisem Surren die Straße hinauf, darin sitzt sein Enkel und tippt geschäftig auf seinen Tablet-PC, während der Autopilot den Wagen steuert.
Li blickt sich nervös um. Ihm ist, als ob jemand ein unsichtbares Bremspedal getreten hätte – eben noch im Großstadtgetümmel und nun auf einmal in einer bizarr verlangsamten Realität. Diese entschleunigte und stille Welt ist für ihn beklemmend. Er reißt sich zusammen und begrüßt seinen Großvater. Der lotst ihn auf die Bank und bietet ihm einen Tee an. „Du siehst blass aus“, bemerkt Jun nach einer Weile. „Vielleicht solltest Du zu mir ziehen und die ganze Hektik hinter Dir lassen.“
Li schluckt und bekommt Schweißausbrüche. Er steckt sich eine von Juns Zigaretten an und inhaliert hektisch. „Rauchen bei Deinem Stress ist doppelt ungesund“, mahnt der alte Jun. Er lächelt verschmitzt. „Ich habe ein Geschenk für Dich“, sagt er und streift sein medizinisches Armband von der Hand. „Ich finde, das solltest Du tragen, kannst es sicher besser brauchen als ich.“