Go to content

SIEMENS

Research & Development
Technology Press and Innovation Communications

Dr. Ulrich Eberl
Herr Dr. Ulrich Eberl
  • Wittelsbacherplatz 2
  • 80333 Munich
  • Germany
Dr. Ulrich Eberl
Herr Florian Martini
  • Wittelsbacherplatz 2
  • 80333 Munich
  • Germany

2035

Hilfe naht: Kurz vor ihrer Herzklappen-Operation wird Denise, Erfinderin einer neuen Technologie für maschinelles Lernen, bewusst, dass Konkurrenten ihr nach dem Leben trachten. Was die Verbrecher jedoch nicht wissen: Die neue Spezial-Software verfolgt all ihre Spuren minutiös, bis sie dingfest gemacht werden können. Noch auf dem Behandlungstisch in der Abteilung für interventionelle Kardiologie versucht Denise die Täter ausfindig zu machen.

Image
Unsichtbarer Prophet

2035. Denise hat eine Software entwickelt, mit der potenzielle Angriffe auf Unternehmen aufgedeckt werden können. Doch nun findet sie heraus, dass sie selbst Zielscheibe eines heimtückischen Plans geworden ist. Die Täter wissen allerdings nicht, dass die Pilotversion der Software schon gelernt hat, ihre Handlungen vorherzusagen...

Mithilfe patentierter Lernalgorithmen soll die Hochsicherheits-App Gefahren für Firmen und Menschen aufspüren.

Was denken Sie, dass sie tun werden, Denise?“, fragte Dr. Higgs und sah mich entsetzt an, nachdem ich meine missliche Lage erklärt hatte. „Ich bin mir nicht sicher“, antwortete ich. „Aber ich fürchte, es könnte jeden Moment etwas geschehen.“ Ich versuchte, mich auf dem Behandlungstisch in der Abteilung für interventionelle Kardiologie zu entspannen, während ein multimodaler Scanner einen 3D-Bildsatz der defekten Mitralklappe meines Herzens erstellte. Zugleich wartete ich gespannt darauf, ob die Pilotversion einer neuen Software meiner Firma „Prophet Analytics“ handfeste Beweise dafür liefern würde, was meine Konkurrenten planten…

Vor einem Jahr habe ich das Unternehmen gegründet. Meine Idee war, mithilfe patentierter Lernalgorithmen Gefahren für Firmen und Menschen aufzuspüren, mögliche Angriffe vorherzusagen und damit auch abwenden zu können. Die Pilotversion dieser Software namens Prophet sollte als Hochsicherheits-App auf meinem Communicator laufen. Sie ist darauf trainiert, anomale Ereignisse in meinem Umfeld zu erkennen. Prophet schickt Software-Agenten durch die Netzwerke, die alle möglichen Sensordaten analysieren. Sobald die Sensoren etwas Außergewöhnliches feststellen, formuliert Prophet Hypothesen und vergleicht sie mit dem tatsächlichen Geschehen. Dabei lernt das Programm aus seinen Erfahrungen und erhöht kontinuierlich seine Genauigkeit. Obwohl die Entwicklung der Software streng geheim abgelaufen war, hatte offenbar jemand davon erfahren und sah nun seine Geschäfte bedroht.

Doch wer immer mir auch nachstellte und das Programm verhindern wollte – er kam zu spät. Die Prophet-Testversion lief bereits, ebenfalls streng geheim natürlich. Sie schlug erstmals Alarm, als Dr. Shanti, Wissenschaftler eines Wettbewerbers, unserer Firma einen Besuch abstattete und dabei ein gemeinsames Picknick mit unseren Top-Managern vorschlug. Scheinbar besorgt erkundigte er sich bei einem Kollegen von mir, ob ich irgendwelche Allergien hätte. Ein Prophet-Agent in einem audiovisuellen Sensor unserer Lobby registrierte dabei einen verdächtigen Tonfall in seiner Stimme.

Nur ein Detail, doch kurz darauf entdeckten Prophet-Agenten, dass jemand versucht hatte, auf meine Akte bei meinem früheren Kinderarzt zuzugreifen. Unter anderem war darin eine allergische Reaktion auf einen Bienenstich aufgezeichnet. Prophets Hypothese-Engine startete daraufhin eine Suche nach Verbindungen zu Melittin, dem Hauptbestandteil von Bienengift. Dabei stellte sich heraus, dass ein Professor, der sich erst kürzlich mit Dr. Shanti getroffen hatte, ein kleines Unternehmen für Nanogeräte besitzt, die industriell erzeugtes Melittin zur Krebsbekämpfung einsetzen.

Dann, vor etwa einem Monat, wurde mir bei einem Wohltätigkeitsturnier ein Volleyball so hart gegen die Brust geschlagen, dass mich die Heftigkeit des Schlags umwarf. Ein Ultraschalltest direkt vor Ort wies dank Verbindung zu einer Wissensdatenbank auf einen möglichen Riss der Sehnenfäden hin, die die Mitralklappe des Herzens festhalten. Solche Risse können einen Rückfluss von Blut durch die Klappe auslösen und zu Herzschwäche führen. In der Hitze des Gefechts wurden die Untersuchungsergebnisse automatisch und mit nur geringer Datensicherheit an ein nahegelegenes Krankenhaus geschickt.

Am nächsten Morgen grübelte ich über Prophets Erkenntnisse nach, die bisher noch keineswegs eindeutig waren. Dabei kam mir der Gedanke, den Unfall und die mangelnde Datensicherheit als Falle für eventuelle Angreifer zu benutzen. Wenn tatsächlich jemand etwas gegen mich oder das Unternehmen planen sollte, würde er bei meinem sorglosen Umgang mit Informationen nicht darauf kommen, dass ich ihm auf der Spur bin.

Deshalb ließ ich weitere Daten über die Ultraschalluntersuchung mit niedriger Sicherheit zwischen meinem Büro und der Kardiologie des Krankenhauses hin- und hergehen. So auch eine Terminabsprache für einen interventionellen Eingriff, bei dem die beiden Segel der Klappe mit einem Clip verbunden werden sollten.

Im Laufe des Nachmittags lieferte Prophet die unterschiedlichsten Anhaltspunkte. Gesprächsfetzen und Bilder von Sensoren aus Fahrzeugen, Straßen und auf Parkplätzen deuteten darauf hin, dass das hochautomatisierte Prosthetic Device Production Center (PDCD) des Krankenhauses im Mittelpunkt stand. Besonders interessant war ein scheinbar zufälliges Aufeinandertreffen von Dr. Shanti und einem früheren Manager von Prophet Analytics, Dr. Clark Hallick, an einer KwickC-Aufladestation für Elektrofahrzeuge. Kurz danach gingen sie gleichzeitig in die Toilettenräume. An Clark konnte ich mich gut erinnern, da wir uns einige Male privat verabredet hatten. Wegen seines egozentrischen Verhaltens trennten wir uns dann aber im Streit, und er verließ kurz darauf das Unternehmen. Jetzt stellte sich heraus, dass er ein Optimierungsprogramm für maschinelles Lernen im Krankenhaus leitete – und dass Luftfiltersensoren in der Toilettenräumen etwas sehr Ungewöhnliches wahrgenommen hatten: Melittinmoleküle.

Nachdem Prophet eine große Menge an Informationen zu persönlichen Angaben, Lebensläufen und Echtzeit-Aktivitäten der mutmaßlichen Täter gesammelt hatte, begann es sich auf die wahrscheinlichsten Szenarien zu konzentrieren. Und tatsächlich: Das Szenario mit der höchsten Wahrscheinlichkeit von 93 Prozent wurde Wirklichkeit. Am späten Abend bereitete Hallicks Abteilung einen Test vor, angeblich um zu prüfen, ob die Videoüberwachungssysteme des Krankenhauses gehackt werden könnten. Offiziell sollte der Test zwei Tage später in den frühen Morgenstunden durchgeführt werden – also kurz vor meinem Behandlungstermin im Krankenhaus.

Als ich dann auf dem Behandlungstisch lag, und Dr. Higgs die Abbildung meiner Mitralklappe auf dem Display untersuchte, erschien die Skizze eines individualisierten Prothese-Clips auf dem Monitor. Mit einigen Klicks auf virtuelle Knöpfe der Bedienoberfläche schickte er den Datensatz zur Fertigung an das PDPC. Nur Augenblicke später blinkte ein blaues Licht auf einem Bedienfeld und zeigte an, dass der maßgefertigte Clip über eine Druckluftleitung angekommen war. „Gleich ist alles überstanden, Denise“, versicherte mir Dr. Higgs. „Ich gebe Ihnen jetzt ein Beruhigungsmittel.“

Doch bevor er ein kleines Drehrad am Katheter, der mit meiner Leiste verbunden war, berühren konnte, hielt ich seine Hand fest. „Ich würde mir die Prothese erst gern anschauen“, sagte ich zu ihm. „Bitte öffnen Sie das Fach, damit ich sie kurz untersuchen kann.“ Das Fach öffnete sich, und ich hielt mein Smartphone über das winzige Objekt.

Diese neuesten Mobiltelefone können Objekte automatisch erkennen und sie mit Preis- und Ortsinformationen katalogisieren. Spezielle Anwendungen ermöglichen das virtuelle Öffnen der Geräte, indem ihre Internetdaten untersucht werden. So kann man ihr Innenleben sehen, hören, analysieren und Preise vergleichen. Ausgestattet mit der Prophet-Technologie, suchte das Smartphone jetzt nach allem, was auf der Basis seiner Vorkenntnisse möglicherweise zu erwarten wäre.

Nur einen Sekundenbruchteil später erschien eine Warnung auf dem Display: Im PDPC hatte es kurz vor der Herstellung des Clips einen Datenausfall gegeben. Schlimmer noch: Das im Smartphone integrierte Laserdioden-Spektrometer fand in der Prothese Spuren von Melittin, wahrscheinlich gekoppelt mit einem zeitgesteuerten Abgabemechanismus. „Mein Gott!“, rief Higgs aus. „Mit Ihrer Krankengeschichte wäre das ...“ „Genau“, sagte ich. „Und bis weit nach meiner Entlassung aus dem Krankenhaus wäre nichts passiert.“

Ich richtete mein Smartphone auf einen breiten Wandmonitor, der normalerweise zur Anzeige zellulärer, physiologischer und anatomischer Daten diente. Nun übernahm der Monitor die Rolle des Smartphone-Displays, da dieses für die Darstellung der komplexen Informationen zu klein war. Nacheinander erschienen die Bilder und Berichte des Verbrechens, das Prophet rekonstruiert hatte und jetzt stetig aktualisierte.

Zuerst war eine Nahaufnahme meiner Prothese und die entsprechenden Spektroskopie-Befunde zu sehen. Danach erschien das Bild eines M6-Sanitärroboters mit einem Bericht darüber, dass Spuren von Melittin und Clarks DNA auf Handschuhen gefunden worden waren, die der Roboter automatisch untersucht hatte. Als drittes folgte ein Bild von Clark, wie er das PDPC an diesem Morgen bereits um 4 Uhr 35 betrat. Als ich auf das Prophet-Symbol „Bericht an Sicherheitsdienst übertragen“ drückte, wurde schließlich eine Ansicht der Krankenhauslobby gezeigt. Eine Person war hier rot eingekreist und mit „Hallick C“ gekennzeichnet. Sie bewegte sich auf den Ausgang zu, während zugleich bei einer blau eingekreisten Person in Uniform zu lesen war: „Sicherheitsdienst informiert“.

„Tja“, sagte ich zu Higgs, „ich glaube, jetzt haben wir ihn.“ „Da haben Sie wohl recht, Denise“, antwortete er erleichtert. „Dann würde ich vorschlagen, dass ich jetzt eine neue Prothese bestelle, und die Behandlung zu Ende führe.”

Arthur F. Pease