In Indonesien erprobt BSH Bosch und Siemens Hausgeräte GmbH den weltweit ersten Pflanzenölkocher. Das Gerät soll helfen, die Abholzung der Wälder zu vermindern.
Grüne Küche: In Indonesien erproben Bauern einen Pflanzenölkocher von BSH, der mit Jatropha-Öl funktioniert. Den Brennstoff bauen sie selbst an – in einem nachhaltig bewirtschafteten Agrarwald.
Suwartos Leben ist arm an Luxus, aber reich an Kontinuität. Jeden Morgen um fünf beginnt sein Arbeitstag in Purwodadi, einem kleinen Dorf in Indonesien. Dann bestellen Bauer Suwarto und seine Frau ihre Felder. Nach zwei Stunden Siesta am Mittag geht es weiter, bis halb sechs Uhr abends, wenn die Tropensonne hinter den Bananenstauden versinkt. Seine Hütte teilt sich der 43-Jährige mit seiner Frau, zwei Kindern, einer Kuh, ein paar Ziegen und Hühnern, die den sauber gestampften Lehmboden von Ungeziefer freihalten. In einer Ecke des Raums steht ein alter Fernseher, daneben das Bett, auf dem die Familie die Nacht verbringt. Von der Decke baumelt eine nackte Glühbirne. Viel ist es nicht, was sich Suwarto leisten kann, doch er lächelt zufrieden – denn es war schon einmal wesentlich weniger.
„Ich habe heute viel mehr Geld übrig als noch vor einem Jahr“, freut sich Suwarto. Zu verdanken hat er dies einem unscheinbaren Kocher von Bosch und Siemens Hausgeräte GmbH (BSH) sowie dem Brennstoff, mit dem das Gerät funktioniert. Suwarto weist auf die improvisierte Küche der Familie hinter einer geflochtenen Zwischenwand: ein Hackbrett, ein paar Töpfe und eine alte Feuerstelle. Direkt daneben steht der Kocher „Protos“, der über einen Schlauch mit einem kleinen Tank verbunden ist. Darin befindet sich Jatropha-Öl, ein geruchloses Pflanzenöl, das aus den Samen des Brechnuss-Strauches gewonnen wird. „Seit Mai 2010 baue ich Jatropha an – zusammen mit anderen Pflanzen wie Mais und Gewürzen. Auf der gleichen Fläche pflanze ich zudem Bäume“, erzählt er. „Davor habe ich nur Mais geerntet.“
Für seinen Verzicht auf Monokulturen und den Umstieg auf das „Agro-Forresting“, bei dem die Bauern auf ihren Äckern eine Art Agrarwald mit Bäumen und Nutzpflanzen schaffen, zahlt ihm der niederländische Pflanzenöl-Produzent Waterland rund 15 US-Cent pro Kilogramm seiner Jatropha-Nüsse. Liefert er mehr als 50 Kilogramm, bekommt er zwei Liter Jatropha-Öl umsonst, ansonsten kostet ihn der Liter Öl rund 70 Cent – das reicht für zwei Wochen. Den Pflanzenölkocher von BSH gab es gratis oben drauf. Insgesamt verdient er 120 Dollar im Monat, bislang bringen Bauern wie Suwarto nur etwa 30 Dollar nach Hause.
Das Projekt von Waterland, BSH und der nationalen Forstbehörde soll den Bauern nicht nur mehr Wohlstand bescheren. Es ist auch der Versuch, den Schwund der grünen Lunge zu verringern und Ackerbau, Bevölkerungswachstum sowie Wiederaufforstung unter einen Hut zu bringen. Das Problem: Rund 50 Millionen Menschen kochen in Indonesien mit Holz. Dafür rodet eine Familie pro Jahr durchschnittlich einen Hektar wertvollen Wald und das zumeist illegal – nur um Mahlzeiten zu erhitzen.
Hier könnte der kleine Kocher eine echte Alternative sein, glaubt Samuel Shiroff, Protos-Projektmanager bei BSH. „25 Liter Pflanzenöl liefern so viel Energie wie 230 Kilo Feuerholz“, sagt er. Studien hätten ergeben, dass der illegale Holzeinschlag in Gebieten, in denen Protos genutzt wird, um 90 Prozent gesunken ist. In Konkurrenz zu Nahrungsmitteln würde der Anbau der Ölpflanze nicht stehen. „Der Anbau erfolgt hier nur auf speziellen Flächen, die von der Forstbehörde freigegeben wurden“, erklärt Shiroff. „Zudem wächst Jatropha auch auf Böden, die für den Anbau von Nahrungsmitteln schlecht oder überhaupt nicht geeignet sind.“
Suwarto hockt vor dem kleinen Kocher. Er füllt ein wenig Spiritus in die Vorheizschale unterhalb des Brenners und zündet ihn an. Nach wenigen Minuten hat der Spiritus das Öl soweit erhitzt, dass es sich in ein brennfähiges Gas-Gemisch verwandelt. Suwarto dreht einen Knopf, und der Öl-Dampf entzündet sich. Aus dem Gerät sprießt eine kräftige, hellblaue Flamme. „Heute gibt es Süßkartoffeln“, freut er sich und überlässt das Feld seiner Frau. Früher hätten sie mit Holz gekocht, erzählt er. „Das hat viel Zeit gekostet und die Hütte verräuchert.“ Über dem offenen Feuer würden sie jetzt nur noch selten kochen, meist zu größeren Anlässen, wenn der Protos alleine nicht ausreicht. Außerdem sei die Luft besser.
Kleiner Allesschlucker. In der Tat enthält der Rauch eines Holzfeuers giftige Stoffe wie Stickoxide, Benzole, Formaldehyd sowie mikrofeine Ruß- und Schwebeteilchen. Die Grenzwerte für diese Teilchen liegen in Europa und den USA bei 50 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft, in Kochhütten werden jedoch bis zu 10.000 Mikrogramm erreicht. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation sterben jedes Jahr mehr als 1,6 Millionen Menschen an der sogenannten „Indoor Air Pollution“. Mangels Alternativen setzen aber viele Menschen weiter auf Feuerholz oder verwenden Kerosinkocher, die teuer und buchstäblich brandgefährlich sind.
So gewöhnlich der kleine Kocher in Suwartos Küche aussieht, so schwer war er zu entwickeln. „Wir haben acht Jahre mit unzähligen Labor- und Feldversuchen gebraucht, um ihn zur Serienreife zu bringen“, sagt Horst Kutschera, bei BSH für die Entwicklung zuständig. „Protos ist der erste Kocher weltweit, der mit Pflanzenöl funktioniert. Derzeit haben wir 1.200 Geräte in verschiedenen Projekten im Einsatz.“ Dabei sei man nicht auf Jatropha beschränkt, das Gerät würde auch viele andere Planzenöle und selbst gebrauchtes Frittieröl schlucken. Genau das war die Herausforderung bei der Entwicklung, erklärt Kutschera. „Pflanzenöle haben ganz andere Eigenschaften als konventionelle Brennstoffe. Zudem entzünden sie sich nur sehr schwer – Jatropha gibt erst ab 260 Grad Celsius ein brennfähiges Gemisch, Kerosin brennt bereits bei 60 Grad.“
Zusammen mit dem Karlsruher Institut für Technologie mussten die BSH-Ingenieure die ideale Betriebstemperatur herausfinden – ist sie zu niedrig, geht der Brenner aus, ist sie zu hoch, bildet das Öl betonharte Ablagerungen. „Am besten brennt der Kocher bei 720 bis 800 Grad“, erklärt Kutschera. „Damit wir diese Energiedichte bekommen, haben wir einen neuen Brenner mit einer speziellen Geometrie entwickelt.“ Künftig soll der Kocher noch kompakter und effizienter werden – derzeit verbraucht er rund ein Viertel Liter pro Stunde – und auch die Feldversuche sollen weitergehen. „Entscheidend ist, die Bedürfnisse der Menschen vor Ort mitzubekommen“, sagt Kutschera.
Auch Suwarto hat Pläne für die Zukunft gefasst. Während ein Topf mit Wasser auf dem Kocher brodelt und seine Frau das Essen zubereitet, sinniert der findige Bauer, wie er sein Einkommen künftig weiter erhöhen könnte. „Mit dem Gerät könnten wir zusätzliches Essen kochen und es dann verkaufen“, schlägt er vor. Seine Frau blickt ihn über die Schulter an. Sie sieht wenig begeistert aus.