Wasser ist wertvoll, vor allem in Schwellenländern. Bei Siemens im indischen Kalwa recycelt eine Pflanzenkläranlage die Betriebs-Abwässer. Sie wurde zusammen mit anderen Umweltinitiativen mit dem Umweltpreis Vasundara Award 2011 ausgezeichnet.
Säuberungs-Oase: Am Siemens-Standort im indischen Kalwa, wo 3000 Mitarbeiter Schaltanlagen und Trafos herstellen, werden die Abwässer rein pflanzlich wiederaufbereitet.
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Wer die neue Kläranlage am Siemens-Produktionsstandort Kalwa nahe Mumbai besichtigt, glaubt in eine Oase geraten zu sein. Zwischen Werkhallen und Asphaltflächen schimmert ein Wassersammelbecken wie ein See: türkis und glasklar. Daneben wächst in kiesgefüllten Becken meterhohes Schilfgras neben rot blühenden Pflanzen. „Hier recyceln wir auf rund 1.000 Quadratmetern das gesamte Abwasser aus unseren vier Teilwerken sowie dem Verwaltungsgebäude“, berichtet Jeevan Rao, Leiter der Sicherheits- und Umweltabteilung des Siemens-Clusters Südasien. Die neue Pflanzenkläranlage ist ein wichtiger Teil der Siemens-Umweltinitiative, die im Juni mit dem Vasundara Award 2011 ausgezeichnet wurde. Es ist der bedeutendste Umweltpreis des südindischen Staates Maharashtra.
Das Wasserrecycling in Kalwa funktioniert wie ein Sumpfgebiet. Statt Hightech befreit ein Team aus Pflanzen und Mikroorganismen das Abwasser von schädlichen Substanzen. Eine Kaskade aus 32 Becken wirkt mechanisch und biologisch zugleich. So halten Kiesel Schwebeteilchen im Wasser zurück wie ein Kaffeefilter das Pulver, während die Pflanzen Sauerstoff produzieren und mit ihren Wurzeln für eine gute Durchlüftung im Kiesgrund sorgen. Hier zerlegen Bakterien organische Substanzen, zum Beispiel Essensreste oder Schmutz vom Händewaschen, zu Kohlendioxid und Wasser. Stickstoffhaltige Verbindungen, etwa Eiweiße oder Harnstoff, werden letztlich in unschädliches Stickstoffgas verwandelt. Am Ende der mehr als 90 Meter langen Waschstraße lagert Wasser, so sauber, dass nicht einmal Mücken Interesse zeigen. Ein Rohrsystem schleust es zum Verwaltungsgebäude von Siemens, in Gartenanlagen und in Toilettenspülungen. Hier beginnt der Kreislauf von neuem.
Vorteile der Natur. „Die Anlage ist effektiv, kostengünstig und einfach zu warten – und sieht auch noch idyllisch aus“, betont Rajiv Agaskar, Nachhaltigkeits-Beauftragter bei Siemens Real Estate in Indien. „Wir können auf diese Weise im Jahr bis zu 12 Millionen Liter Wasser und damit wertvolle Ressourcen sparen.“ Mit dem natürlichen Wasserrecycling entfallen zudem Frischwasserkosten von bis zu 4.500 Euro jährlich. Und das aus gutem Grund: Der Bau der Anlage hat Agaskar zufolge weniger gekostet als ein vergleichbares technisches Pendant. Weil sich die Technik auf einige wenige Pumpen und Durchflussmesser beschränkt, entfällt darüber hinaus eine kontinuierliche Kontrolle wie in klassischen Kläranlagen. Bei all den Vorteilen verwundert es nicht, dass Pflanzenkläranlagen weltweit immer beliebter werden. Allerdings brauchen sie viel Platz. Für eine Großstadt mit 100.000 Einwohnern müsste eine Fläche von fast 60 Fußballfeldern zur Verfügung stehen. Mangels Steuerung taugt die Methode außerdem nicht für Abwässer, deren Zusammensetzung stark schwankt.
Die neue Pflanzenkläranlage in Kalwa recycelt zwei Arten Abwässer, die zunächst getrennt gesammelt und vorbehandelt werden: Der größte Teil stammt aus Toiletten, Waschräumen und der Kantine und wird in einen Klärtank geleitet, wo sich feste, zum Teil übel riechende Feststoffe absetzen. Im Abwasser aus den Siemens-Produktionshallen wiederum stecken vor allem fein verteilte Öltröpfchen, die erst nach einer Vorbehandlung in die Pflanzenkläranlage geleitet werden.
„Die vorgereinigten Abwässer durchströmen dann gemeinsam die Pflanzenkläranlage“, berichtet Agaskar. Die Betonbecken der Anlage sind gut einen Meter tief, unterschiedlich groß und abschüssig angelegt. Über Strömungsbleche wird das Wasser so gelenkt, dass es oben in ein Becken hinein- und unten wieder herausströmt. „Unsere Anlage reinigt gleichzeitig horizontal und vertikal und mit einer Effizienz von 95 Prozent besser als technische Kläranlagen, die oft nur 90 Prozent erreichen “, erklärt der Siemens-Experte.
Der Bedarf ist enorm: In Indien leben 16 Prozent der Weltbevölkerung, und doch stehen ihnen nur vier Prozent des Wassers zur Verfügung. „Der Grundwasserspiegel sinkt jedes Jahr um vier Zentimeter“, berichtet Agaskar. Die dramatische Situation wird sich durch den Klimawandel voraussichtlich noch verschärfen. Natürlich werden Pflanzenkläranlagen allein diese Probleme nicht lösen. „Aber jeder Baustein ist wichtig“, sind sich Agaskar und Rao einig.