Im Herzen Münchens plant Siemens seine neue Zentrale. Sie soll eines der energieeffizientesten Gebäude der Welt werden, und dank Innenhöfen und Gastronomie für die Öffentlichkeit auch ungewöhnlich zugänglich sein. Das Unternehmen sieht sich mit dem neuen Hauptsitz auf dem Weg in die Zukunft.
Lebenswertes München: CEO Peter Löscher und OB Christian Ude präsentieren die Pläne für die neue Siemens-Zentrale, die in Sachen Transparenz, Weltoffenheit und Nachhaltigkeit neue Maßstäbe setzen soll.
München ist eine lebhafte Metropole, vor allem mit ihrer pulsierenden Altstadt. Wer jemals an der U-Bahn-Station Odeonsplatz ausgestiegen ist, weiß um den belebten Platz vor der Feldherrnhalle und um die vielen Menschen, die bei gutem Wetter im seit 1775 existierenden Kaffeehaus Tambosi die Sonne, den Cappuccino und ihr persönliches Dolce Vita genießen.
Schräg gegenüber liegt der Wittelsbacherplatz, der an drei Seiten von majestätischen Gebäuden umgeben ist. Doch statt voller Trubel zu sein, ist dieser Platz oft fast menschenleer – und das, obwohl er laut Oberbürgermeister Christian Ude „einer der schönsten und intaktesten Plätze Münchens“ ist. Der Grund dafür ist einfach: Die prachtvollen Gebäude sind nicht offen für den Publikumsverkehr. Ein Palais beherbergt das bayerische Innenministerium, ein anderes ist die Zentrale der Siemens AG.
Als daher Anfang 2010 der Neubau der Siemens-Zentrale beschlossen wurde, waren sich die Entscheider der Stadt München und von Siemens schnell einig, dass nur ein möglichst transparenter Gebäudekomplex in Frage kommt, der hilft, den Wittelsbacherplatz neu zu beleben. Moderne Innenhöfe mit Ausstellungen, Cafés und Restaurants sollen die Gebäude zu den Straßen hin öffnen, während die Siemens-Mitarbeiter in den oberen Stockwerken arbeiten.
Der Konzern will sich mit dem neuen Projekt auch technisch den Herausforderungen des 21. Jahrhunderts stellen. Das „Palais Ludwig Ferdinand“ am Wittelsbacherplatz wurde 1825 von Leo von Klenze – einem der berühmtesten klassizistischen Architekten – errichtet. 1949 wurde es zum Siemens-Stamm sitz. Seither baute das Unternehmen kontinuierlich an. Beginnend in den 1950er-Jahren wurden Häuser aufgekauft, neu gebaut und miteinander verbunden, einschließlich eines im Jahr 2000 fertiggestellten weißen Gebäudes des US-Archi - tekten Richard Meier. Heute ist der Komplex ein bunt zusammengewürfelter, unübersichtlicher Koloss, der für technische Neuerungen seine physischen Grenzen erreicht hat.
„Die Zentrale, so wie sie heute steht, ist einfach nicht zukunftsfähig“, erklärt Thomas Braun, Leiter des Neubauprojekts bei Siemens Real Estate (SRE). „Es gibt kaum Möglichkeiten, die Räume mit State-of-the-Art-Technologie nachzurüsten, etwa mit Klima- oder Kommunikationstechnik. Gleichzeitig passt die ver winkelte und unüberschaubare Raumstruktur nicht mehr zum Arbeitskonzept des Unternehmens, in dem Kommunikation unter den Mitarbeitern an erster Stelle steht.“ Daher fiel 2010 die Entscheidung für den Neubau.
Transparente Planung. Es folgte ein transparenter und interaktiver Planungsprozess. Schon sehr früh holte Siemens die Stadt München ins Boot, um mit ihr gemeinsam zu eruieren, welche Möglichkeiten ein solcher Neubau der Stadt bieten könnte. Neben der angestrebten Belebung des Wittelsbacherplatzes sollte das Gebäude möglichst offen und mithilfe von Innenhöfen regelrecht durchgängig sein. So könnte das hinter der Zentrale liegende weltbekannte Museumsviertel mit seinen Pinakotheken relativ einfach auch für Fußgänger an die Innenstadt angebunden werden.
Darüber hinaus stand auch die Einbindung der Münchner Bevölkerung schnell im Fokus des Planungsprozesses. Zahlreiche Bürger haben die Möglichkeit genutzt, bei einem sogenannten Werkstattgespräch ihre Ideen, Vorstellungen und Wünsche zu äußern, die dann im Architektenwettbewerb berücksichtigt wurden. Es folgten auch intensive Gespräche mit unterschiedlichsten Zielgruppen, etwa den Nachbarn. Heute können sich alle Interessierten über Internetseiten, E-Mail oder eine Telefonhotline über den neuesten Stand informieren.
Im nächsten Schritt organisierte das renommierte Architektur- und Stadtplanungsbüro Albert Speer & Partner einen Wettbewerb, zu dem Architekturbüros eingeladen wurden, ihre Vorschläge einzureichen. Dem vorausgegangen war ein aufwändiges Screening aus rund 100 Architekturbüros weltweit und 0 europäischen Büros, aus denen Siemens mit der Stadt München die Finalisten wählte. Die Kriterien waren klar definiert: So sollte sich das Gebäude nicht dem historischen Wittelsbacherplatz aufdrängen, dennoch aber eine magnetische Wirkung auf Außenstehende ausüben. Gleichzeitig sollte die Architektur die Werte des Unternehmens und dessen Historie widerspiegeln.
Zwölf Architektur-Büros schafften es in die Endrunde. Eine 22-köpfige Jury mit Vertretern von Siemens und der Stadt München, inklusive dem Vorstandsvorsitzenden Peter Löscher und Oberbürgermeister Christian Ude, sowie Fachexperten aus den Gebieten Architektur, Stadtplanung, Denkmalschutz und Freiraumplanung, beriet über die Vorschläge. Den Zu schlag erhielt der Entwurf des Büros Henning Larsen Architects aus Kopenhagen.
Dieser Entwurf hat laut Jury den Spagat zwischen Moderne und Tradition am besten gemeistert. „Der Wittelsbacherplatz wird sich optisch nicht verändern. Die Gebäude am Platz und dessen heutiger Charakter bleiben unangetastet“, erklärt Louis Becker, einer von drei Chefs des 1959 gegründeten Kopenhagener Architekturbüros, die Hauptmerkmale des Siegerentwurfs. „Hinter dieser historischen Fassade entsteht jedoch eines der modernsten und energieeffizientesten Gebäude der Welt.“
„Über mehr als 45.000 Quadratmeter wird das neue Gebäude verfügen“, erzählt Dr. Zsolt Sluitner, CEO von SRE. „Trotz dieser Größe wollen wir uns aber energetisch selbst versorgen. Die neue Zentrale soll quasi ein Null-Energie- Haus werden.“ Fassaden in V-Form, spezielle Reflektoren und miteinander verbundene und für den Publikumsverkehr geöffnete Innenhöfe werden die Tageslichtversorgung in den Büros optimieren. Photovoltaikanlagen auf dem Dach und in der kombinierten Glas-Stein-Fassade sowie die Grund- und Regenwassernutzung zur Gebäudekühlung oder zur Wasserversorgung tragen dazu bei, dass die neue Zentrale CO2- neutral betrieben werden kann. Falls doch einmal zusätzlicher Energiebedarf entstehen sollte, wird ausnahmslos Ökostrom bezogen. „Höchste internationale und nationale Green-Building-Standards wie LEED Platin oder DGNB Gold zu erreichen, wenn nicht sogar zu übertreffen, ist unser Ziel“, ergänzt Sluitner. Technologisch betrachtet soll das Gebäude, das Siemens eineniedrige dreistellige Millionensumme kosten wird, ab der Eröffnung Ende 2015 nicht nur State-of-the-Art, sondern über viele Jahre hinwegseiner Zeit voraus sein.
Gleichzeitig soll die Zentrale auch in punkto Arbeitsklima neue Maßstäbe setzen. Anpassungsfähige Etagen lassen prinzipiell alle möglichen Office-Formen zu. So können speziell gestaltete Großraumbüros das Teamgefühl stärken. Neueste Kommunikations technologien ermöglichen das flexible und nicht schreibtischgebundene Arbeiten. „Unser neues Arbeitskonzept Siemens Office war ein Grundbaustein des Neu bauprojekts. Es ist nicht mehr entscheidend, wo wir arbeiten“, sagt Sluitner, „sondern dass die Ergebnisse stimmen. Der Mitarbeiter soll eine größtmögliche Flexibilität erfahren.“
Während des Neubaus werden viele Mitarbeiter in den umliegenden Siemens-Standorten Quartier beziehen. Ende 2012 soll mit dem Abbruch begonnen werden, der einige Monate dauern wird. „Ein schneller Abriss mit einer Birne kommt in diesem sensiblen Umfeld nicht in Frage“, erklärt Braun. „Die historischen Gebäude, Nachbarn und Geschäfte erfordern ein vorsichtiges und vor allem geräuscharmes Abriss-Verfahren, ehe der Neubau schließlich Mitte bis Ende 2013 beginnen kann.“
Spätestens Anfang 2016 wird München dann einen neuen, im wahrsten Sinne leuchtenden, grünen Besuchermagneten haben. Ein technologisches Highlight in der historischen Innenstadt soll es sein – eine aussagekräftige Siemens-Visitenkarte also, von der ganz sicher nicht nur die eigenen Mitarbeiter Notiz nehmen werden.