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Schätze im Abfall: Wertstoffe im Müll sind in armen Ländern oft eine Lebensgrundlage.

Schätze im Abfall: Wertstoffe im Müll sind in armen Ländern oft eine Lebensgrundlage.

Aus Werbeplanen können etwa modische Taschen werden.

Einkommen aus Müll

Weltweit bestreiten Menschen ihren Lebensunterhalt mit dem Sammeln, Sortieren und Verwerten von Großstadt-Müll. Die Siemens Stiftung hilft, ihre Arbeitsbedingungen zu verbessern.

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Image Schätze im Abfall: Wertstoffe im Müll sind in armen Ländern oft eine Lebensgrundlage. Aus Werbeplanen können etwa modische Taschen werden.

An den Stadträndern von Cochabamba, El Alto, La Paz und Santa Cruz sind die wilden Müllhalden unübersehbar. Müllsammler – oft Mütter mit Kindern – durchsuchen hier mit bloßen Händen und Müllsäcken auf dem Rücken die stinkenden Berge nach Verwertbarem. Über 3.000 Tonnen Abfall fallen täglich in diesen vier Großstädten an – das Recyclingpotenzial dafür schätzt die Schweizer Entwicklungsorganisation Swisscontact auf 80 Prozent. Durch Mülltrennung und Recycling könnten 20.000 Arbeitsplätze geschaffen werden. Doch tatsächlich landet der Müll oft ungetrennt auf Deponien oder der Straße – auch wenn 70 Prozent der Einwohner in den Großstädten Boliviens an ein Entsorgungssystem angebunden sind. Kleineren Kommunen fehle dagegen das Budget. „Hier verbrennen 40 Prozent der Bevölkerung den Abfall, knapp ein Drittel wirft ihn ins Grüne, 16 Prozent in Flüsse und sieben Prozent vergraben ihn im eigenen Garten“, erklärt Matthias Nabholz, Projektleiter von Swisscontact vor Ort.

Um das Abfallmanagement in den genannten Städten zu verbessern, unterstützt die Siemens Stiftung seit 2010 das Projekt „Arbeitsplätze und Einkommen dank Umweltmanagement“, das von Swisscontact 2009 begonnen wurde. Durch Public-Private-Partnerships sollen nach und nach ein flächendeckendes System zur Mülltrennung, das Recycling von Wertstoffen – wie Plastik, Glas, Papier, Metall oder organischer Abfall – sowie eine geordnete Deponierung des Restmülls aufgebaut werden. „Hierbei stützen wir uns auf bestehende Stadtstrukturen“, erklärt Gerhard Hütter, Projektbetreuer in der Siemens Stiftung. „Wir kooperieren mit den Stadtquartieren, der untersten kommunalen Verwaltungsebene. Die Quartiersverwaltungen treffen feste Vereinbarungen mit informellen Abfallsammlern.“

Diese tragen in ihren festgelegten Einzugsgebieten ein- bis dreimal pro Woche Wertstoffe zusammen und bringen alles sauber getrennt in nahe Sammelzentren oder zu einer Kompostieranlage. Die Sammelstellen verkaufen recyclingfähiges Material an Verwertungsfirmen im In- und Ausland. Der Erlös fließt als Lohn an die Sammler oder wird in Aufklärungskampagnen investiert. Mit ihren Bildungsprojekten für Kinder und Erwachsene konnten die Projektpartner bisher etwa 75.000 Haushalte erreichen. Bis Ende 2010 arbeiteten 200 Personen – davon 40 Prozent Frauen – als Sammler im Projekt. „Durch ihre Arbeit kamen 2010 rund 7.000 Tonnen Wertstoffe zurück in den Wirtschaftskreislauf, statt als Abfall auf den Deponien zu landen“, sagt Hütter.

Damit das Projekt funktioniert, müssen richtige Anreize gesetzt werden. So erhalten die Abfallsammler Arbeitskleidung, einen Handkarren und Informationen über gefährliche Abfälle. Ebenso wichtig ist ein verlässliches Einkommen von etwa sechs US-Dollar pro Tag sowie die Verbesserung des sozialen Ansehens. Zudem fördern die Projektpartner Unternehmerpersönlichkeiten durch Weiterbildung. „Es gibt bereits Erfolgsgeschichten wie die der Grafikdesignerin Daniela Bolívar aus La Paz“, betont Nabholz. Sie leite mittlerweile ein kleines Recycling-Unternehmen, das gebrauchte Werbe-planen aus Plastik zu Taschen und Accessoires verarbeitet (Bild unten).

„Doch langfristig kommt man beim Abfallmanagement nicht an rechtlich verbindlichen Vorgaben vorbei“, sagt Hütter. Diese erarbeiten die Projektpartner mit städtischen Behörden. „Die Stadt Cochabamba hat eine Million US-Dollar für die Projektausweitung angekündigt, und La Paz hat einen eigenen Projektkoordinator eingesetzt“, sagt Nabholz. Denn jede zu entsorgende Tonne Abfall koste etwa 30 US-Dollar – nicht wenig für ein Land wie Bolivien. Die erste Projektphase reicht bis Ende 2012.

Künftig wollen die Partner, wenn möglich, Betreuungsangebote für die Kinder der Abfallsammler aufbauen, solange diese ihrer Arbeit nachgehen. Ein großes Anliegen der Siemens Stiftung ist eine Zusammenarbeit mit Schulen. „Wir würden uns wünschen, Umweltbewusstsein und das Wissen um Gesundheit und Hygiene bei Kindern und Jugendlichen möglichst früh zu verankern“, sagt Hütter. Außerdem wollen die Partner künftig ein besonderes Augenmerk auf das Problem toxischer Abfälle und die Weiterverarbeitung der rasch wachsenden Mengen an Elektronikschrott legen.

Hülya Dagli