Mit rund zehn Millionen Einwohnern und knapp 14.000 Menschen pro Quadratkilometer ist Jakarta eine der am dichtesten bevölkerten Städte Asiens. Der Graben zwischen arm und reich ist in Indonesien besonders groß. Lebensqualität ist hier vor allem eine Frage der Perspektive.
Technik, die Hoffnung gibt: Bereiche wie Wasser, Abfallmanagement und Verkehr beeinflussen die Lebensqualität in Jakarta.
Im Slum von Cawang liefert ein Wasserfilter von Siemens den Bewohnern reines Trinkwasser.
Dauerstau: Knapp sieben Millionen Fahrzeuge sind in Jakarta unterwegs – täglich kommen 1.100 hinzu.
Der kleine Junge steht in einem Abwassergraben. Auf dem Arm hält er ein Entenküken und presst es vorsichtig an seine schmale Brust. Seine Füße verschwinden in einer Mischung aus Schlamm und alten Plastiktüten. Hinter ihm erstreckt sich ein verwahrloster Friedhof. Zwischen den Gräbern hat sich Müll angesammelt, dazwischen picken Hühner im Staub. Kinder benutzen den Ort als Spielplatz und obwohl sie ausgelassen um die Lehmhügel tollen, klingen ihre Stimmen in der drückenden Mittagshitze wie in Watte gepackt. Vom nahen Fluss weht eine faulige Brise herüber. Sie vermischt sich mit dem Nelkengeruch der Kretek-Zigaretten, die ein paar Männer vor ihren zusammengeschusterten Hütten rauchen.
Noch herrscht eine bizarre Idylle im Slum von Cawang, in Indonesiens zehn Millionen-Metropole Jakarta. Doch bald, wenn die Regenzeit beginnt und der Monsun mit aller Macht seine Wassermassen über der Megacity ablädt, wird sich der kleine Fluss in einen reißenden Strom verwandeln und das Armenviertel im Elend versinken. Hunderte Menschen werden dann ihre improvisiertes Obdach verlieren und wenn es ganz schlimm kommt – wie bei der großen Flut im Jahr 2007 – auch Dutzende ihr Leben. Der Friedhof wird dann wieder Zuwachs bekommen, aber die Menschen in Cawang nehmen es mit Gelassenheit.
„Wir sind es gewohnt, jeden Tag vor existentiellen Fragen zu stehen“, sagt Oyo, der Slum-Sprecher. „Und wir haben gelernt, uns der Situation anzupassen.“ Der 55-Jährige mit dem verhärmten Gesicht kümmert sich um die Belange der Nachbarschaft, ist Ansprechpartner und Sprachrohr der Bewohner zugleich. Seit seiner Geburt wohnt er im Viertel und ist mit den Problemen der Menschen vertraut. Wasser war immer die größte Bedrohung, sagt Oyo und meint damit nicht nur die alljährlichen Überschwemmungen. Mit den Fluten werde man fertig, die Leute würden sich zur Not auf die Dächer ihrer Hütten retten und nach ein paar Stunden sei der Spuk meist vorüber. Doch sauberes Trinkwasser wäre bislang das ganze Jahr ein Problem gewesen. „Die Familien holten ihr Wasser vom Fluss oder bohrten sich improvisierte Brunnen“, erzählt Oyo. „Aber selbst das Grundwasser ist gelb und stinkt.“
Nach der Flutkatastrophe, die über 60 Prozent Jakartas überschwemmt und Cawang Pegelstände von sechs Meter über Normal beschert hatte, half nicht einmal mehr abkochen. „Viele von uns wurden schwer krank“, erinnert er sich. Doch die Situation im Slum von Cawang hat sich seitdem gebessert: Eine kleine Wasseraufbereitungsanlage, die die Hilfsorganisationen Susila Dharma Indonesia und SkyJuice Foundation nach der Jahrhundertflut gespendet hatten, schafft nun Abhilfe. Der so genannte Skyhydrant wurde vom australischen Siemens-Ingenieur Rhett Butler entwickelt und arbeitet mit ultrafeinen Membranfiltern, die alle Schwebstoffe und Krankheitserreger abscheiden (siehe Artikel „Der himmlische Wasserspender“). Damit kann er pro Tag 10.000 Liter Wasser in hochreines Nass verwandeln – wartungsarm und ohne Einsatz von Chemie.
Oyo deutet auf eine betonierte Plattform, die zwischen den Hütten und wilden Bananenstauden in den Boden eingelassen ist. Darauf steht der anderthalb Meter hohe zylinderförmige Skyhydrant, daneben ein großer Plastiktank mit Wasserhahn. Ein Schlauch verbindet den Tank mit dem Filter. Dazwischen hängt eine Wäscheleine. „180 Familien zapfen sich hier umsonst Wasser“, sagt er. Benutzt wird es jedoch nicht nur zum Trinken. Einige Meter entfernt ist ein zweiter Hahn angebracht – eine alte Frau sitzt auf dem müllbedeckten Boden und wäscht darunter ihr Geschirr. Eine weitere Leitung führt zu einem Holzverschlag. „Unsere Dusche“, erklärt Oyo stolz.
Das reine Nass wird aus Grundwasser gewonnen, das eine Elektropumpe aus 12 Metern Tiefe zum Skyhydranten befördert. Alternativ kann die Anlage auch mit Regenwasser betrieben werden. Oyo ist dafür zuständig, dass die kleine Frischwasserfabrik stets einwandfrei läuft. Einmal im Monat reinigt er sie, indem er die Filter mit klarem Wasser rückspült. Und seit die Anlage im Jahr 2007 aufgebaut wurde, hat sie problemlos funktioniert. Für die Slumbewohner ist der etwa 3.500 US-Dollar teure Skyhydrant mehr als nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Denn die paar Liter sauberes Wasser pro Tag hätten das Leben der Menschen in Cawang entscheidend verbessert, meint Oyo. „Lebensqualität bedeutet für uns vor allem Gesundheit“, sagt er und steckt sich genüsslich eine Nelkenzigarette an.
Sieben Millionen Fahrzeuge. Nur wenige Kilometer von Oyos Hütte entfernt weicht das Elendsviertel einem anderen Jakarta: im Sonnenlicht blitzende Wolkenkratzer, umtost von einer scheinbar unendlichen Blechlawine, bestimmen hier das Bild der „großen Durian“, wie die Megacity nach der exotischen, aber streng riechenden Frucht genannt wird. Ihrem Spitznamen macht die Stadt alle Ehre: Knapp sieben Millionen Fahrzeuge sind in Jakarta unterwegs, und jeden Tag kommen über 1.100 neue Autos und Motorräder hinzu.
Diesen Ansturm können die hoffnungslos verstopften Straßen schon längst nicht mehr bewältigen. Der Dauer-Stau verursacht zudem hohe Kosten: Nach einer Untersuchung des Umweltexperten Firdaus Ali von der University of Indonesia belaufen sich die wirtschaftlichen Schäden der Blechlawinen jährlich auf rund drei Milliarden US-Dollar – nur wegen des Verlustes produktiver Arbeitszeit und auch weil die Gesundheitskosten aufgrund der schlechten Luftqualität steigen. U-Bahnen oder Metros, die Abhilfe schaffen können, gibt es in der zehn Millionen-Metropole bislang nicht. Nur ein Bussystem lindert seit 2004 den Verkehr etwas. Auch die Reise zu Fuß gestaltet sich schwierig – Bürgersteige und Fußgängerampeln sind meist Mangelware.
Eine Erfahrung, die auch Vini Adini tagtäglich aufs Neue macht. Wie Oyo ist sie in Jakarta geboren und hat hier den Großteil ihres Lebens verbracht. Doch im Gegensatz zu den Slumbewohnern wohnt sie in einem normalen Haus, in einem Viertel, das von den Fluten nicht betroffen ist. Für die 25-Jährige stellt sich die Frage nach Lebensqualität bereits um sechs Uhr morgens, wenn sie sich auf den Weg zur Arbeit macht. „Für den Weg brauche über zwei Stunden“, sagt Vini. „Bei normalen Verkehrsverhältnissen wären es nicht einmal 30 Minuten.“ Weil es keinen öffentlichen Nahverkehr gibt, hat Vinis Nachbarschaft ein Car Sharing Modell organisiert. Die letzten Meter geht sie zu Fuß, mit Mundschutz wegen des Smogs. „Wenn ich in 20 Jahren aufwache, würde ich gerne Bäume sehen statt Stau“, wünscht sie sich. „Ich würde gerne einmal im Park unter einem Baum sitzen und ein Buch lesen.“
Doch mangels Grünflächen verbringt Vini wie viele andere Menschen in Jakarta ihre Freizeit in riesigen Einkaufzentren. Diese „Malls“ sind wie kleine klimatisierte Muster-Städte, in denen man einkaufen, flanieren, essen und ins Kino gehen kann. 70 dieser Vergnügungszentren gibt es bereits in Indonesiens Hauptstadt, Tendenz stark steigend. Und da man sie nur per Auto erreichen kann, sind die Malls nach Angaben der lokalen Polizeibehörde mittlerweile zum Hauptgrund für den Dauer-Stau geworden. „Die Menschen flüchten dort in eine surreale Welt“, sagt Vini. „Aber diese steht nicht jedem offen.“ Leute wie Oyo etwa scheitern an den Sicherheitskontrollen und müssen draußen bleiben. Ihnen bleibt nur die harte Realität.
Mit der Realität in der „großen Durian“ ist Sarwo Handhayani quasi von Berufs wegen bestens vertraut. Die gebürtige Jakarterin leitet die lokale Stadtentwicklungsbehörde der Megacity, das Development Planning Board. Wenn Handhayani aus ihrem Bürofenster im Business-Distrikt blickt, erwartet sie ein ähnliches Bild wie Vini Adini – und auch ihr sind die schier endlosen Auto-Karawanen längst ein Dorn im Auge. „Ohne effektiven öffentlichen Nahverkehr werden wir dem Stau nur schwer beikommen“, sagt Handhayani. „Denn sobald es sich die Menschen leisten können, kaufen sie sich ein Motorrad oder Auto und erhöhen somit weiter den Verkehr.“ Das Problem sei, dass ihnen wegen des unzureichenden öffentlichen Nahverkehrs oft gar nicht anderes übrig bleibe – und hier, so Handhayani, „müssen wir ansetzen.“
Kostspielige Infrastruktur. Bis 2016 sollen die Bürger in Jakarta zum ersten Mal U-Bahn fahren können. 2012 sollen die Arbeiten für den ersten, rund 15 Kilometer langen Abschnitt beginnen, der künftig stückweise ausgebaut werden soll. Auch den Busverkehr will die Stadtverwaltung ausweiten, darüber hinaus ist eine City-Maut im Gespräch. Derartige Infrastrukturprojekte sind für Jakartas eher klammen öffentlichen Geldbeutel natürlich sehr kostspielig, gibt Handhayani zu. Die Stadtverwaltung setze daher unter anderem auf Public Private Partnerships mit Firmen oder auf Finanzierungsmodelle der Weltbank.
Neben dem Verkehrschaos bereiten Handhayani auch die jährlichen Überflutungen Sorgen. „Über 20 Prozent Jakartas liegen unterhalb des Meeresspiegels, dazu fließen 13 Flüsse durch das Stadtgebiet“, erklärt sie. „Außerdem sind infolge des Klimawandels die Wetterextreme in der Regenzeit gestiegen, was das Problem noch verschärft.“ Auch die Armut trägt ihren Teil dazu bei. So sackt Jakarta jedes Jahr um einige Zentimeter ab – eine Folge der unkontrollierten Grundwasserentnahmen, etwa in den Slums. Gerade in den Elendsvierteln sind zudem die Drainage-Kanäle oft mit Plastiktüten und anderen Müll verstopft – bei starkem Monsunregen können die Wassermassen nur schlecht abfließen. „Wir werden mehr Rückhaltebecken bauen und die Flüsse erweitern, damit sie mehr Wasser aufnehmen können. Darüber hinaus wollen wir einen neuen Damm an der Küste errichten“, verspricht Handhayani. Menschen wie Oyo könnten dann künftig in Harmonie mit dem Wasser leben.
Trotz der großen Herausforderungen, vor denen ihre Stadt steht, hat Handhayani auch ein Auge für die schönen Seiten der „großen Durian“: „Jakarta ist eine sehr pluralistische Stadt, mit vielen verschiedenen Rassen und Religionen, die trotz der Unterschiede gut zusammen leben.“ Für die Zukunft der Millionenmetropole sieht sie „grün“ – bis 2030, so Handhayani, sollen die Emissionen um 30 Prozent gesenkt werden. Und auch Bäume und Grünflächen, die sich Vini Adini wünscht, sollen dann verlorenes Terrain zurückerobert haben.
Fahrplan für eine grüne Zukunft. Wie der Fahrplan in solch eine bessere Zukunft aussehen könnte, hat Handhayanis Behörde zusammen mit der Deutschen Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit und Siemens untersucht. In der Studie „Jakarta 21“ haben die Partner Indonesiens Hauptstadt mit Metropolen wie Paris und New York verglichen und daraus Empfehlungen abgeleitet, wie sich Jakarta bis zum Jahr 2050 in eine „Weltklasse-Megacity“ verwandeln könnte. Demnach müssten jährlich etwa 1,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts Indonesiens in die Entwicklung Jakartas investiert werden, um das Ziel zu erreichen. Derzeit erbringt die Stadt rund 16 Prozent der indonesischen Wirtschaftsleistung. Davon würde nicht nur die Hauptstadt profitieren, sondern auch das gesamte Hinterland – eine gut angelegte Investition, glauben die Stadtplaner, denn der Großraum Jakarta mit seinen drei Satellitenstädten soll mittelfristig zu einer einzigen gewaltigen Megacity zusammenwachsen. 27 Millionen Menschen sollen sich dann in „Jabodetabek“ (Jakarta, Bogor-Depok, Tangerang, Bekasi) drängen.
Dass man in Indonesiens Metropole noch an einer nachhaltigen Zukunft basteln muss, hat auch eine Studie der Economist Intelligence Unit in Auftrag von Siemens ergeben. Laut des „Asian Green City Index“ hat Jakarta vor allem noch in den Bereichen Wasser und Abfallmanagement Nachholbedarf, wohingegen sich die Megacity bei Energiesparprogrammen bereits positiv von anderen asiatischen Städten abhebt.
Oyo und seine Familie sehen die Entwicklung mit Gelassenheit. Große Veränderungen erwarten sie zunächst nicht, und wenig Verkehr und viel Grün – wuchernde Bananenstauden, wenn auch mit Abfall bedeckt – haben sie schon heute im Slum von Cawang. Eine künftige Megacity namens „Jabodetabek“ würde ihnen vor allem eines bringen, ist sich Oyo sicher: „eine Menge neuer Nachbarn.“