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Dr. Ulrich Eberl
Herr Dr. Ulrich Eberl
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"Jeder Bürger hat eine Stimme, die gehört werden muss"
Pablo Vaggione

Pablo Vaggione (45) ist ein Stadtplaner mit dem Schwerpunkt auf Strategien zur nachhaltige Entwicklung. Er wurde in Spanien geboren und hat über 50 Projekte begleitet: in Latein- und Nordamerika, in Westeuropa oder Ostasien. Er studierte Stadtplanung, Design und Betriebswirtschaftslehre an der Harvard Universität und nachhaltige Entwicklung an der United Nations University. Vaggione war Generalsekretär der Internationalen Gesellschaft für Stadt- und Regionalplaner, einer in 70 Ländern vertretenen, regierungsunabhängigen Organisation. Er ist Gründer von Design Convergence Urbanism (DCU), einer Plattform für Stadtexperten.

Was macht eine Stadt lebenswert?

Vaggione: Jede Stadt hat ihre ganz eigene Definition von Lebensqualität. Für einige können das Arbeitsplätze sein, für andere bedeutet es einen kürzeren Weg zur Arbeit, ein breites kulturelles Angebot, Sicherheit oder bessere Luft.

Heißt das, Nachhaltigkeit und Lebensqualität sind nicht zwingend miteinander verknüpft?

Vaggione: Sie sind eng verwandt, aber nicht identisch. Lebensqualität ist subjektiv. Eine nachhaltige Stadt kann ihren Bewohnern aber viel wahrscheinlicher eine gute und dauerhafte Lebensqualität bieten. Die ökonomischen und sozialen Entwicklungen sind hier in Balance mit einer geschützten und gesunden Umwelt. Eine nachhaltige Stadt ist ein komplexes System: Gebäude, Transport, Gesundheitsund Bildungswesen, Energie- und Wasserversorgung. Diese Bereiche müssen alle als integriertes System gesehen werden. Eine effiziente Stadt kann mit weniger Verbrauch mehr erreichen. Beispielsweise brauchen kompakte Städte weniger Terrain und haben niedrigere Kosten für die Infrastruktur als Städte mit einer großen Ausdehnung.

Welche Städte verfolgen diesen Ansatz?

Vaggione: Da gibt es eine ganze Reihe: London, Helsinki oder Kopenhagen sind bekannt dafür, dass sie Nachhaltigkeit in ihre Langzeitplanung einbeziehen. Bogotá in Kolumbien konnte das Problem massiver Verkehrsstaus lösen, indem es viele verschiedene Anbieter in ein koordiniertes Schnellbussystem überführte. Die brasilianische Stadt Curitiba hat Verkehr und Flächennutzung effektiv verbunden. Und Porto Alegre ist ein Vorreiter für partizipative Haushalte, bei denen Bürger teilweise über die Ausgaben der Stadt mitbestimmen dürfen.

Was sind Ihrer Ansicht nach die lebenswertesten Städte der Welt?

Vaggione: Es ist schwierig diese Frage zu beantworten, auch wenn ich sie an meine persönliche Sichtweise gerichtet ist. Viele Städte bieten attraktive Angebote, weil sie verschiedene Bedürfnisse befriedigen. Vancouver, Portland (Oregon), Kopenhagen, Genua, Zürich und München stehen in Studien zu gesunden und florierenden Städten stets weit oben. Die kulturellen Angebote von New York oder London sind grenzenlos. Die organisierte Energie von Tokio ist ansteckend. Die natürliche und von Menschenhand geschaffene Schönheit Rios und Istanbuls ist atemberaubend. Madrid hat pro Kopf eine unglaublich hohe Zahl an Museen von Weltrang und Ho-Chi-Minh-Stadt ist ein dynamischer Ort mit großem Potenzial.

Vor welchen Herausforderungen stehen die Stadtplaner weltweit?

Vaggione: Städte stehen unter einem enormen Entwicklungsdruck: exponentielles Bevölkerungswachstum, Klimawandel, überlastete Infrastrukturen und begrenzte finanzielle Ressourcen. Die Stadtverwaltungen müssen Wege finden, ihre Mittel bestmöglich einzusetzen. Stadtplaner sollen dabei einen Fahrplan für das nachhaltige Wachstum einer Stadt erstellen. Dazu zählen praktische Richtlinien und Technologien, die helfen das Stadtmanagement zu optimieren und Methoden zu liefern.

Inwiefern können Informations- und Kommunikationstechnologien dazu beitragen?

Vaggione: Für eine effiziente Stadtplanung und ein effizientes Stadtmanagement ist es entscheidend, fundierte Entscheidungen zu treffen. Informationstechnologien können helfen, eine Stadt effektiver zu gestalten, indem sie alle Daten der Stadt bündeln – vom Stromverbrauch der Straßenlaternen bis zur Messung der Luftqualität, und diese Zahlen in leicht lesbare Kennziffern überführen. Dadurch können Stadtverwalter die Leistungsfähigkeit leichter ermitteln, Entscheidungsträger besser beraten und Stadtplaner befähigen, ihre Pläne zu verbessern, indem sie die Informationen einfließen lassen.

Wie unterscheiden sich stadtplanerische Strategien in Industrie- und Entwicklungsländern?

Vaggione: Städtische Strategien sind nicht übertragbar. Sie unterscheiden sich auch innerhalb entwickelter Länder, wie etwa bei Detroit und Portland. Zentrale Themen in Nairobi sind Transport, Landrecht und die Anzahl der Menschen, die in Slums wohnen. In Shanghai liegt die Herausforderung eher im rasanten Bevölkerungs- und Wirtschaftswachstum und der steigenden Luftverschmutzung. New York wird, um wettbewerbsfähig zu bleiben, seine Infrastruktur verbessern müssen – also die Flughäfen und Bahnverbindungen. Außerdem muss es den Energieverbrauch von Gebäuden senken.

Wie könnte in Zukunft eine Stadt mit der perfekten Lebensqualität aussehen?

Vaggione: Die Teilnahme der Bürger wird eine viel größere Rolle einnehmen. Eine Bevölkerung, die informiert und einbezogen wird, schafft das richtige kollektive Klima für nachhaltige Entwicklungen und kann unsere Städte zu lebenswerteren Orten machen. Das heißt, dass wir Rechte und Verantwortung anerkennen: Jeder Bürger hat eine Stimme, die gehört werden muss und sein aktiver Beitrag zur Nachhaltigkeit ist entscheidend. Die Dezentralisierung städtischer Dienstleistungen ist in diesem Zusammenhang wichtig.

Das Interview führte Silke Weber