Dr. Mathis Wackernagel (48) ist Gründer und Präsident der Denkfabrik Global Footprint Network mit Hauptsitz in Oakland, Kalifornien, und Niederlassungen in Genf und Brüssel. Im Rahmen seiner Dissertation entwickelte er mit seinem Doktorvater Prof. Dr. William E. Rees den „Ökologischen Fußabdruck“. 2007 erhielt Wackernagel den Ehrendoktor der Universität Bern und ist seit 2011 Gastprofessor an der Cornell University in Ithaca, New York. Zu seinen Auszeichnungen zählen der Skoll Award for Social Entrepreneurship (2007) und der Zayed International Prize for the Environment (2011).
Was beschreibt der ökologische Fußabdruck?
Wackernagel: Das ist ein Buchhaltungssystem für den „Naturkonsum” des Menschen. Er misst, wie viel Hektar Land und Wasser ein Mensch, eine Stadt, ein Land oder die Menschheit braucht, um die Konsumbedürfnisse zu befriedigen. Diesen Wert vergleichen wir mit der vorhandenen Biokapazität – also mit dem globalen oder regionalen „Bauernhof“ mit Ackerland, Fischgründen, Grasland und Wäldern. Das Ergebnis: Seit etwa Mitte der 70er- Jahre leben wir „auf Pump”. Zwar hat sich die Biokapazität dank Technologie vergrößert, jedoch viel langsamer als der menschliche Anspruch. Wir schätzen, dass wir bereits 50 Prozent schneller die Natur der Welt nutzen, als sie sich regenerieren kann. Es gibt heute auf der Erde pro Mensch 1,8 Hektar ökologisch produktive Fläche, aber im Durchschnitt braucht jeder weltweit schon 2,7 Hektar.
Sie sagen, ein US-Amerikaner braucht 8,0, ein Inder 0,9 und ein Chinese 2,2 Hektar. Was bedeuten diese Zahlen?
Wackernagel: Konsumierten alle Bewohner der Welt so wie Amerikaner, bräuchten wir über vier Planeten Erde. Rechnen Sie selbst: 8 globale Hektar Footprint dividiert durch 1,8 globale Hektar Biokapazität. Auch wenn wir alle wie Chinesen konsumieren würden, würde der Planet nicht reichen. Inder stecken in einem Dilemma. Sie brauchen relativ wenig, aber in Indien gibt es auch nur halb so viel Biokapazität, wie sie eigentlich benötigen. Außerdem: Wie viel Biokapazität wollen wir den Millionen Tier- und Pflanzenarten lassen?
Wie gehen Sie bei der Berechnung vor?
Wackernagel: Ganz einfach. Nehmen wir an, der Kaffee von George Clooney stammt aus Guatemala, der Weizen für seine Hühner aus Iowa und die Wolle für seine Kleidung aus Neuseeland. Er hinterlässt Spuren auf der ganzen Welt. Um seinen Footprint zu messen, fragen wir unter anderem:
➔ Wie groß sind die Felder für die Produktion seiner konsumierten Kaffeebohnen, Baumwolle und Getreidesorten? Letzteres nicht nur für sein Brot, sondern auch für die Fütterung der von ihm verzehrten Hühner.
➔ Wie viel Wald braucht es zur Kompensation seines CO2-Verbrauchs für das Heizen und Kühlen seiner Häuser, für seine Auto- und Flugreisen und so weiter?
➔ Wie viel Land benötigt sein Haus und seine Anteile am „Verbrauch“ von Straßen oder Parks? Dann übertragen wir alle Flächen in globale Hektar und addieren. Voilà, der Clooney-Footprint!
Was bedeutet denn bei Ihren Rechnungen der Ausdruck „globaler Hektar“?
Wackernagel: Jeder Hektar ist anders. Denken Sie an einen dürftigen Taigawald oder einen hochproduktiven Ackerboden in Deutschland. Um zu vergleichen, müssen wir jeden Hektar in Hektar mit gleicher Produktivität übersetzen. So wie wir verschiedene Währungen in Dollar umrechnen. Unsere Währung ist der „globale Hektar“. Er entspricht einem Hektar bioproduktiver Fläche mit weltdurchschnittlichem Ertrag.
Worin liegt die Stärke des Konzeptes?
Wackernagel: Alle können sich Bauernhöfe und Wälder leicht vorstellen, man kann sie sehen, fühlen, riechen. Nachhaltigkeitsdiskussionen sind absurd ohne die Frage „wie viel Natur haben wir, und wie viel beanspruchen wir?“ Zu viele Diskussionen finden im luftleeren Raum statt. Mit unseren 6.000 Datenpunkten pro Jahr und Land, die hinter den nationalen Berechnung stehen, können wir eine detaillierte Bilanzierung aufstellen.
Und worin liegen die Schwächen?
Wackernagel: Die Buchhaltung wurde schon von über zwölf Regierungen getestet. Unsere Resultate wurden bestätigt und sind reproduzierbar. Natürlich ist der Footprint – wie das Bruttosozialprodukt (BSP) auch – nicht ganz genau. Wenn Länder den Footprint so seriös anwenden würden wie das BSP, könnten wir die Rechnung um einiges verfeinern. In Frankreich arbeiten angeblich 7.000 Menschen am BSP. In unserer Organisation decken hingegen acht Forscher 200 Länder ab. Außerdem muss der Footprint mit weiteren Messgrößen komplementiert werden, etwa mit Daten zur Gesundheitssituation der Menschen, deren Zufriedenheit und zur wirtschaftlichen Dimension von Nachhaltigkeit wie Schulden oder Inflation.
Was bedeutet es, wenn wir sagen, wir brauchen derzeit 1,5 Erden und im Jahr 2030 sogar zwei? Wie lange können wir „mehr als eine Erde verbrauchen“?
Wackernagel: Nehmen wir die moderatesten Prognosen der Vereinten Nationen, also langsames Bevölkerungswachstum, große Produktionsgewinne in der Landwirtschaft, etwas Entkarbonisierung. Falls sich ein solch milderer Weg als der des „Business as usual“ realisieren lässt, bräuchte es 2030 zwei Planeten. So lang und so hoch das Konto der Erde zu überziehen, ist keine realistische Option. Die Erde würde übernutzt, die Biokapazität signifikant reduziert. Klimawandel ist nur ein Teil davon, dazu kommen Entwaldung, Wassermangel, Bodenverlust. Die Folgen: Nahrungsmittelknappheiten, Energieunsicherheit, Unstabilitäten. Das Leben ginge zwar weiter, wie auch heute in Haiti und Somalia. Doch welche Komfortstufe hätten wir denn gerne?
Gibt es Lösungen für dieses Dilemma?
Wackernagel: Ja, es gibt Lösungen. Da könnten wir Bücher füllen. Doch die Frage ist: Wollen wir? Wir sitzen in einem Boot mit einem großen Loch und sagen: Solange Ihr anderen in euren Booten eure Löcher nicht flickt, flicken wir das unsere auch nicht.
Müssen wir künftig Wohlstand und Lebensqualität anders definieren als über materielle Reichtümer?
Wackernagel: Wirtschaftswachstum über der Regenerationsfähigkeit der Natur ist Raubbau, es macht uns ärmer. Es geht nicht um Beschränkung, sondern um den Erhalt oder den Ausbau unseres Reichtums. Heute zerstören wir unseren Reichtum schneller als wir ihn aufbauen. Wir stecken in der Klemme. Nähmen wir die 350-ppm-CO2-Schranke für den Klimawechsel ernst, müssten wir feststellen, dass wir schon weit drüber sind. Wir haben die besten Möglichkeiten die Trends umzudrehen verschlafen.
Wie zum Beispiel?
Wackernagel: Hätten wir 1972 angefangen, könnten wir unsere Energieversorgung heute wahrscheinlich schon ganz über Erneuerbare abdecken. Auch hätten wir die Bevölkerungsdynamik mit verstärkter Frauenförderung effektiver angehen können. Wir hätten Städte kompakter gestalten und Häuser energieeffizienter bauen und umbauen können.
Wie reagieren Städte und Länder eigentlich auf Ihre Studien?
Wackernagel: Einige begreifen es und werden aktiv. Die Vereinigten Arabischen Emirate zum Beispiel investieren ihr Ölgeld und geben es nicht einfach aus. Abu Dhabi hat sogar Dubai als Bedingung für die geleistete Finanzstütze kräftigere Energieeffizienzstandards vorgeschrieben. Andere, denen wir unsere Berechnungen vorlegen, sind defensiv und bekämpfen uns. Doch wenn ein Ingenieur berechnet, dass die Brücke zu schwach ist und mehr Balken braucht, sagt auch niemand: Seien Sie doch optimistisch.
Und wie sieht Ihre Vision für 2050 aus?
Wackernagel: Ich bin Ingenieur. Ich sehe Möglichkeiten. Der Ruf nach Städteverdichtung und Investition in Frauen ist immer noch aktuell. Die erste Strategie verringert den Konsum-, die zweite den Bevölkerungsdruck. Wir könnten auch die Steuern reformieren, mit stetig wachsenden, substantiellen Energiesteuern. Die Einnahmen könnten in Innovations- und Nachhaltigkeitsförderung fließen. Mit richtigen Innovationen könnten wir 2050 ein fabelhaftes Leben leben, innerhalb des Budgets der Natur. Dazu sollte der Footprint eine ebenso selbstverständliche Messgröße werden wie das BSP. Derzeit fliegen wir in einem Flugzeug, in dem der Pilot die Treibstoffanzeige auf dem Armaturenbrett überklebt hat, statt das Flugzeug zu betanken – entscheiden Sie selbst, wie sinnvoll das ist.