Dr. Joan Clos (62) leitet seit Oktober 2010 das UN-Siedlungsprogramm HABITAT. Clos studierte Medizin und arbeitete zunächst als Leiter des kommunalen Gesundheitsamts in Barcelona. Von 1983 bis 1987 engagierte er sich als Stadtrat für besseres Städtemanagement und Stadterneuerungsprojekte. Während seiner Zeit als Bürgermeister von Barcelona (1997 bis 2006) wurde mit dem Projekt „Barcelona@22“ die Industriezone der Stadt saniert. Clos bekleidete verschiedene internationale Ämter, unter anderem war er Präsident der „World Association of Cities and Local Authorities“, Vorsitzender des UN-Beirats für Lokalbehörden und Vizepräsident der United Cities and Local Governments.
Was macht eine Stadt in Ihren Augen lebenswert und nachhaltig?
Clos: Es gibt drei wichtige Punkte: Planung, Planung, Planung! Priorität hat die Lebensqualität der Bürger. Das reicht von der Grundversorgung mit Wasser und Strom über effektive Transport- und Kommunikationsnetze bis zum öffentlichen Raum mit seinen kulturellen Wechselwirkungen. Eine ideale Stadt gibt es nicht. Jede hat ihren eigenen Charakter, denn Städte sind lebendige und atmende Wesen.
2050 sollen fast 6,5 Milliarden Menschen in Städten leben – so viele wie heute auf der ganzen Erde. Welche Probleme sind am dringlichsten?
Clos: Städte kreieren Wohlstand und können die Wirtschaft eines ganzen Landes antreiben. Das sollten wir uns zunutze machen. Die höchsten Raten an Verstädterung sehen wir in Afrika, Asien und Südamerika. Die Bevölkerung dort ist sehr jung; in manchen Städten Afrikas sind sechs von zehn Einwohnern unter 35 Jahren – und alle wollen arbeiten. Eines der Hauptprobleme ist also, Arbeitsplätze zu schaffen. Ein anderes die wuchernde Ausdehnung der Städte. Nur mit einer starken Politik kann eine Regierung das Wachstum managen. Ressourcen sind immer eine Herausforderung, aber die Ablehnung, sich um Fragen von Wasser, Sanitäranlagen, Nahverkehr und Wohnungen zu kümmern, wird dazu führen, dass mehr Menschen in Slums leben – nicht weniger.
Wie kann ein Unternehmen wie Siemens helfen, Stadtplanung und Lebensbedingungen zu verbessern?
Clos: Neue Technologien eröffnen neue Möglichkeiten für grünes Bauen und den Nahverkehr. Private Unternehmen sind für diesen Prozess hervorragend aufgestellt, falls eine Stadt gute Investitionsbedingungen bietet. Wo es geht, arbeitet UN-Habitat mit Firmen wie Siemens zusammen. Als Mitglied unserer „World Urban Campaign“ fördert Siemens beispielsweise gemeinsam mit UN-Habitat weltweit nachhaltige Stadtentwicklung.
Ist es möglich, die Umwelt in Städten dauerhaft weniger zu beanspruchen, während zugleich Weltbevölkerung, Konsum und Wirtschaft ungebremst wachsen?
Clos: Grüne Wirtschaft bietet eine Fülle an Chancen, die noch nicht völlig ausgeschöpft wurden – und umweltfreundliche Politik ist wirtschaftlich außerordentlich sinnvoll. So reduziert ein verdichtetes Stadtgebiet mit guter Nahverkehrs- und Kommunikationsanbindung nicht nur die Emission von Treibhausgasen, sondern erlaubt auch, Geschäfte schnell und effizient zu erledigen. Eine nachhaltige Entwicklung soll per Definition umweltbewusst und zugleich stark mit wirtschaftlicher Entwicklung verknüpft sein.
Dharavi in Mumbai gilt als der größte Slum Asiens. Vielfach gründen auch die Einwohner von Slums kleine Unternehmen, um sich ein besseres Leben zu schaffen. Wie können Slumbewohner am Dialog über die Zukunft der Städte teilnehmen?
Clos: In Indien und Südafrika haben sie Organisationen gegründet, die sich auf ihre Identität als Slumbewohner stützen; dies macht deutlich, dass soziale und politische Anerkennung notwendig ist. In Indien haben sich diese Vereinigungen in den vergangenen zwei Dekaden stark für die Gegenwart und Zukunft der indischen Städte engagiert. UN-Habitat fand heraus, dass beispielsweise Mikrokredite nicht nur die Produktionsleistung der Armen fördern, also nicht nur für die wirtschaftliche Entwicklung wichtig sind, sondern auch die politische Teilhabe vorantreiben. Lokales Wissen verbreitet sich so in den Netzwerken und fördert die Anerkennung als soziale, wirtschaftliche und politische Interessensvertreter.
Kann Indien ein Vorbild werden für die Entwicklung von Megastädten im 21. Jahrhundert?
Clos: Indien hat zwei Städte mit mehr als zwanzig Millionen Einwohnern und eine mit mehr als zehn Millionen. Diese großen Städte verschmelzen mit kleineren zu Siedlungen gewaltigen Ausmaßes. Zweifellos sind diese großen Ballungsgebiete die neuen Wirtschaftsmotoren der Welt und sie werden neue städtische Hierarchien hervorbringen. Umfang, Reichweite und Komplexität dieser Räume verlangen eine innovative Koordination von Stadtmanagement und Landesregierung. Indien kann nur dann ein Vorbild werden, wenn es bereits heute beginnt, sich dieser Aufgabe zu stellen.
Was erwarten und erhoffen Sie sich von Veranstaltungen wie dem Future Dialogue, der dieses Jahr in New Delhi stattfand?
Clos: UN-Habitat ist reich an Expertenwissen über Städte, aber verantwortlich für die Stadtentwicklung sind die Stadtregierungen. Sie können jedoch nicht erfolgreich sein ohne die Unterstützung durch den privaten Sektor und die Zivilgesellschaft. Treffen wie der Future Dialogue bringen alle Akteure zusammen, um zu diskutieren und Best-practice-Beispiele auszutauschen. Und sie spielen eine wichtige Rolle, um Stadtentwicklung auf der weltweiten Agenda zu halten.
Beim Future Dialogue treffen sich Wissenschaftler, Ökonomen und Politiker. Wie kann man die Einwohner der Megastädte integrieren?
Clos: Die Beteiligung der Bevölkerung ist sehr wichtig, wenn man nachhaltige Stadtplanung betreiben und implementieren will. Eine der besonderen Stärken von UN-Habitat ist ja die Feldarbeit, über unsere lokalen Partner, kommunale Initiativen und Nicht-Regierungs-Organisationen. Man darf die Zusammenarbeit von Angesicht zu Angesicht bei der Stadtentwicklung nicht unterschätzen, auch wenn soziale Netzwerke und das Internet viele Veränderungen gebracht haben.
Zum Schluss: Was ist Ihre Vision von der Stadt der Zukunft im Jahr 2050?
Clos: Ich blicke optimistisch in die Zukunft, denn es gibt einen aufrichtigen Willen, Verstädterung positiv zu gestalten. Zu lange wurde Urbanisierung als etwas Schlechtes betrachtet, was verlangsamt oder gar ganz gestoppt werden sollte. Das aber ist unmöglich. Jetzt beginnen die Menschen, die Stadt als positive Macht für Veränderung zu begreifen – um Maßnahmen gegen den Klimawandel zu ergreifen und die sozioökonomische Entwicklung voranzutreiben. Mit der richtigen Planung können wir eine glänzende städtische Zukunft sicherstellen.