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Dr. Ulrich Eberl
Herr Dr. Ulrich Eberl
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Dr. Ulrich Eberl
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"Wie ein Wettlauf zum Mond"
Prof Eugene Wong

Carlos Tadeu da Costa Fraga (53) leitet seit 2003 in Rio de Janeiro das Forschungs- und Entwicklungszentrum von Petrobras, einem der größten Mineralölkonzerne weltweit mit einem Umsatz von 151 Milliarden US-Dollar im Jahr 2010. Er ist seit rund 30 Jahren für das Unternehmen tätig und verantwortete unter anderem die Förderaktivitäten im Golf von Mexico. Er erwarb an der Universidade Federal do Rio de Janeiro einen Bachelor in Bauingenieurswesen und mehrere Postgraduate Qualifikationen, unter anderem von der London Business School, INSEAD in Fontainebleau, Frankreich, und der Columbia University in New York.

Welche Rolle spielen Innovationen bei der Ausbeutung der kürzlich entdeckten Ölfelder vor der Küste Rio de Janeiros?

Fraga: Ohne technische Innovation könnten wir einen Großteil des dort lagernden Öls gar nicht fördern. Wir müssen durch kilometerdicke Gesteinsschichten bohren, unter denen wiederum mehrere Kilometer an Salzschichten liegen, durch die wir durch müssen, um an das Öl zu kommen. Daher nennen wir es auch „presalt oil“ – das Öl liegt unter der Salzschicht. Wir werden die Fördereinrichtungen dafür tausende Meter unter der Meeresoberfläche installieren. Wir haben also einen erheblichen Anreiz, in Innovationen zu investieren. Eine starke Innovationskultur hatten wir aber schon vor den jüngsten Ölfunden. Wir sind per Gesetz verpflichtet, ein Prozent der Bruttoerlöse großer Ölfelder in Forschung und Entwicklung (F&E) zu investieren. Rückblickend muss ich sagen, das hat uns als Unternehmen gut getan.

Kleinere brasilianische Firmen haben aber weniger Möglichkeiten und Anreize, in F&E zu investieren…

Fraga: Das sehe ich anders, jedenfalls was unsere Zulieferer betrifft: Die mussten schon immer hohen technischen Anforderungen genügen, die zudem im Hinblick auf die „pre-salt“-Förderung noch anspruchsvoller werden. Wer Petrobras helfen will, dieses Öl zu fördern, ist gezwungen, neue Lösungen zu entwickeln. Zudem verlangt der brasilianische Staat, dass ein hoher Anteil an den Produkten und Dienstleistungen, die wir bei Petrobras nutzen, aus Brasilien stammt. Im Ergebnis bedeutet das: Auch kleinere brasilianische Firmen werden vom anstehenden Ölboom profitieren.

Will Brasilien die Ölfelder ganz ohne ausländische Partner erschließen?

Fraga: Das geht gar nicht. Petrobras ist der fünftgrößte Energiekonzern der Welt, und die „pre-salt“-Felder sind riesig. Im Jahr 2020 rechnen wir damit, sechs Millionen Barrel pro Tag zu fördern. Wir brauchen also internationale Partner, die wir mit solchen Größenordnungen nicht überfordern. Langfristiges Ziel ist aber, dass ein immer größerer Anteil der Wertschöpfung in Brasilien selbst stattfindet: von der F&E bis hin zur Fertigung der Ausstattung für die Öl- und Gasfelder.

Gibt es Beispiele dafür, wie diese Zusammenarbeit in der Praxis funktioniert?

Fraga: Das zeigt sich gerade auf beeindruckende Weise bei uns in Rio de Janeiro, wo sich unser Forschungszentrum befindet. In unmittelbarer Nähe, auf dem Gelände der größten Universität Brasiliens, bauen einige unserer wichtigen internationalen Partner ihre eigenen, erstklassigen F&E-Einrichtungen auf – unter anderem Siemens. So können wir gemeinsam mit anderen Unternehmen, aber auch mit brasilianischen Studenten und Forschern der Universitäten zusammenarbeiten.

Wie funktioniert die Arbeit mit so vielen unterschiedlichen Partnern?

Fraga: Das ist keine kleine Herausforderung. Wir arbeiten ja nicht nur mit unseren Lieferanten an Entwicklungsprojekten. Wir finanzieren auch gemeinsame Projekte mit Universitäten. Teilweise unterstützen wir sogar Forschungsinitiativen, an denen Petrobras gar nicht direkt beteiligt ist. Letztlich bedeutet das, dass wir zum Manager offener Innovationsprozesse werden. Open innovation ist das Schlüsselwort. Jede gute Idee, die von außen kommt, ist uns willkommen. Häufig werden uns die besten Ideen von Leuten angetragen, die nicht einmal in der Öl- und Gas-Industrie tätig sind.

Entsteht damit in Rio de Janeiro nicht eine Innovations-Monokultur: Spitzenforschung zur Ausbeutung eines Energieträgers, den viele für ein Auslaufmodell halten?

Fraga: Das Gegenteil ist der Fall. Der Ölboom ist eine einmalige Chance, Fähigkeiten zu entwickeln, die auch in anderen Industrien wertvoll sind. Für die Tiefseebohrungen denken wir über kostensparende Laserbohrer nach sowie über neue Materialien für herkömmliche Bohrer. Nanopartikel werden eine Rolle spielen, etwa bei Beschichtungen für Metallrohre. Die hochautomatisierten Fördereinrichtungen am Meeresgrund brauchen Sensoren und Datenmanagementsysteme. Es ist ein bisschen wie beim Wettlauf zum Mond: Die Technologien, die wir jetzt zur Ölförderung entwickeln, werden uns auch in anderen Gebieten weiterbringen. So hilft uns die Forschung an effizienterer Subsea-Förderung, uns auf die Herausforderungen der Zeit nach dem Öl vorzubereiten.

Das Interview führte Andreas Kleinschmidt