Brito Cruz
Ozires Silva
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2010 wuchs die brasilianische Wirtschaft um 7,5 Prozent. Mit so einem Wachstum könnte Brasilien in 20 Jahren zu den fünf größten Volkswirtschaften der Welt zählen. Heute ist vor allem der Export von Rohstoffen wichtig – doch welche Rolle spielen Forschung und Entwicklung für die brasilianische Volkswirtschaft?
Cruz: Leider noch eine zu kleine. An den Universitäten leisten wir zwar gute Arbeit – so werden pro Jahr an Brasiliens Hochschulen rund 12.000 Promotionen fertiggestellt, zudem erscheinen 30.000 wissenschaftliche Artikel brasilianischer Forscher in internationalen Publikationen. Woran es mangelt, sind wirtschaftlich relevante Innovationen und ihre konsequente Nutzung. Die akademische Welt und die Wirtschaft tauschen sich noch nicht konsequent genug aus und lassen daher ein erhebliches Potenzial brach liegen. Firmen und Universitäten müssen mehr und strukturierter miteinander sprechen.
Silva: Das sehe ich genauso. Innovativ sind wir Brasilianer, kein Zweifel. Sehen Sie sich Industrien wie die erneuerbaren Energien oder den Flugzeugbau an, da leisten wir Arbeit auf Weltklasseniveau. Aber im Großen und Ganzen fällt es uns sehr schwer, Innovation in Produkterfolg zu überführen. Das hat auch mit den Rahmenbedingungen für Unternehmer zu tun. Im „Doing Business“-Index der Weltbank für das Jahr 2010 liegt Brasilien auf Platz 127 – hinter Mosambik und vor Tansania. Es gibt in Brasilien einfach viel zu viele Regeln, Verbote und Pflichten. Geschäftsleute nennen das den „custo Brazil“, den „brasilianischen Aufschlag“.
Warum ist der Weg von der Idee zum innovativen Produkt so mühselig?
Cruz: Das hat mit unserer Geschichte zu tun: Bis in die 1980er-Jahre war es oberstes volkswirtschaftliches Ziel, teure Importe durch lokale Produkte zu ersetzen. Hohe Importzölle und Einfuhrbarrieren verringerten den Wettbewerb und sollten es der heimischen Ware leichter machen. Das verhalf leider auch minderwertigen brasilianischen Produkten zum Erfolg. Kein Rezept für Spitzenqualität und kein Anreiz zur Innovation. In den 1980er-Jahren setzte dann eine Phase großer ökonomischer Unsicherheit ein: Die Inflation galoppierte. Ein Unternehmen hatte in diesen Jahren mehr davon, einen pfiffigen Buchhalter einzustellen, der den Cash-flow plant, als einen innovativen Ingenieur. Viele Firmen lernen erst langsam, wie wichtig Innovationen sind.
Silva: Es gibt aber auch ganz konkrete Hindernisse: Viele Unternehmer mit einer innovativen Technologie und einem brauchbaren Geschäftsplan haben keinen Zugang zu Kapital. Die extrem hohen Zinsen in Brasilien verschärfen das Problem. Und wer mit einer Geschäftsidee gescheitert ist, der bekommt in Brasilien oft keine zweite Chance. Wer dagegen in den USA einmal gescheitert ist, gilt nicht als gebranntes Kind, vielmehr wird ihm ein Bonus an Erfahrung zugeschrieben. Besonders problematisch ist auch die Einstellung vieler Brasilianer, gerade junger Menschen: Für viele ist es erstrebenswerter, einen angenehmen Job in einem Ministerium zu ergattern, statt ein eigenes Unternehmen zu gründen. Innovation beginnt im Kopf.
Haben Sie die Hindernisse für Unternehmer in Brasilien selbst kennengelernt?
Silva: Kürzlich versuchten wir, ein Unternehmen zu gründen, das sich auf Hautcremes und pharmazeutische Produkte aus Naturlatex konzentrieren sollte. Zwei Forscher einer Universität in São Paulo hatten mich 2002 angesprochen und auf besondere, in Latex enthaltene Proteine hingewiesen. Diese können die Hautalterung verzögern und die Wundheilung beschleunigen. Obwohl ich inzwischen mehrere internationale Patente habe, bekommen wir von den Banken kein Geld. Stattdessen müssen meine Freunde und ich unser Erspartes zusammenlegen und mit US-amerikanischen Investoren sprechen. Das größte Hindernis für unser Unternehmen ist der Mangel an Investitionskapital.
Cruz: Ich hatte eine kleine Firma, als ich 19 Jahre alt war. Meine Partner und ich waren die ersten kommerziellen Hersteller von Lasern in Brasilien und wir verkauften auch ein paar. Natürlich war das ein Stück weit Bastelei, und als ich studierte, war es vorbei damit. Aber ein eigenes Auto hatte ich mir auf diese Weise verdient. Wer weiß, wäre das wirtschaftliche Klima ein anderes gewesen, hätte ich vielleicht nicht die akademische Laufbahn eingeschlagen, sondern es als Unternehmer probiert.
Was kann Brasilien tun, um seine Innovationskraft zu stärken?
Cruz: Es gibt sehr konkrete Dinge, die wir tun können: etwa gezielte Subventionen und Steueranreize. Es kann sinnvoll sein, brasilianischen Firmen auf Feldern, in denen sie einen Vorteil haben, durch Subventionen anfangs unter die Arme zu greifen. Ich denke ier zum Beispiel an die kommerzielle Nutzung der Biodiversität in der Amazonasregion, etwa für die pharmazeutische Industrie, oder an innovative Technologien im Zusammenhang mit Biotreibstoffen und für die effizientere Förderung von Offshore-Öl. Das Gleiche gilt für steuerliche Anreize – wir sollten es Unternehmen leichter machen, sich für höhere Investitionen in Innovation zu entscheiden.
Silva: Die Luftfahrt-Universität, an der ich studierte, ist ein Beispiel für erfolgreiche staatliche Investitionen in Bildung: Ohne diese Hochschule und ihre Absolventen hätte es Embraer – eine der erfolgreichsten brasilianischen Firmen – nie gegeben. Aber wir müssen das Übel an der Wurzel packen und die Ausbildung verbessern, von der Grundschule bis zur Universität. So haben wir zu wenige ausländische Professoren und Studenten im Land. Ob Sie es glauben oder nicht, eine Zeit lang war es vielen brasilianischen Hochschulen sogar verboten, ausländische Dozenten zu beschäftigen. Ein Auswuchs der protektionistischen Denkart.
Welche Rolle spielen große internationale Unternehmen für Forschung und Entwicklung in Brasilien?
Cruz: Ausländische Unternehmen bringen ihre oft stark entwickelte Innovationskultur mit. Sie sind damit ein Vorbild für brasilianische Firmen – auch indem sie zeigen, wie sich durch Investitionen in Innovation die Profite steigern lassen. Die Innovationskultur vermittelt sich beispielsweise durch die Zusammenarbeit internationaler Unternehmen mit lokalen Zulieferern oder indem Mitarbeiter ihren Arbeitgeber wechseln und viel informelles Wissen weitertragen. Mehr als die Hälfte der F&E-Ausgaben in Brasilien wird durch internationale Unternehmen wie Siemens getätigt.
Silva: Unser Ziel muss es allerdings sein, selbst innovationsstarke Unternehmen hervorzubringen, die sich auf dem Weltmarkt behaupten. Und zwar nicht, indem sie Rohstoffe aus dem Boden holen und verschiffen. Wir brauchen mehr Wertschöpfung im Land, und das geht nicht ohne Innovation.
Welche Industrien könnten – nach dem großen Erfolg des Flugzeugbauers Embraer – die nächsten brasilianischen Welterfolge hervorbringen?
Silva: Ich würde sagen, die Informationstechnologie und der Gesundheitsbereich. Es wäre schon eine tolle Sache, wenn wir zu diesem Zweck unsere große Biodiversität noch stärker nutzen würden.
Wo forscht es sich besser: in São Paulo oder in Rio de Janeiro?
Cruz: Rio, wo ich geboren wurde, ist eine der schönsten Städte der Welt. Wir Brasilianer scherzen gern: In Rio geht man zur Arbeit, um darüber nachzudenken, wo man sich nachher vergnügt. In São Paulo denkt man an die Arbeit, während man sich vergnügt. Doch Scherz beiseite: Beides sind starke Innovationsstandorte, die sich ergänzen werden.