Indien gehört zu den am schnellsten wachsenden Schwellenländern der Welt. Doch damit der Aufschwung nachhaltig wird, müssen Indiens Städte sich neu erfinden.
Gegensätze: In der 14-Millionen-Metropole Mumbai treffen Arm und Reich aufeinander. Für eine nachhaltige Entwicklung müssen die Städte auf ganzheitliche Konzepte setzen. Siemens kann hierbei helfen.
Infrastruktur-Bedarf: Indiens Städte benötigen Investitionen in Höhe von 1,2 Billionen US-Dollar.
Das Dach über Laxmi Chinnoos Kopf ist eine Autobrücke, die über die nahen Bahngleise führt. Wenige Meter entfernt rattern Züge in Richtung von Mumbais Bahnhof Chuna Bhatti. Die Mittvierzigerin lebt in einem Rechteck aus festgestampfter Erde. Kleine Lehmwälle markieren auf dem Boden, wo ihre Parzelle endet und die ihrer Nachbarn beginnt. Seit drei Jahren haust Laxmi Chinnoo hier, gemeinsam mit ihren drei Töchtern und ihrer alten Mutter. Schlafen, kochen, waschen, lesen – ihr ganzes Leben spielt sich im Freien ab. Ihre Privatsphäre beschränkt sich auf einen aus gespannten Drähten und aufgehängten Teppichen gebildeten Verschlag, in dem die Frauen sich umziehen. Laxmi Chinnoo ist eine fleißige Frau. Sie hat zwei Jobs als Haushaltshilfe in bessergestellten Familien der 14-Millionen-Metropole. Die eine bezahlt ihr 500 Rupien im Monat – rund 11 USDollar –, die andere etwa sieben Dollar. Das Einkommen reicht zum Essen und um die Mädchen zur Schule zu schicken. Als die Familie vor einigen Jahren vom Land in die Stadt zog, hatte sie noch ein Zimmer in einer nahen Slum-Siedlung gefunden, doch die Behörden rissen die Behausungen ab und stellten Laxmi Chinnoo vor ein Dilemma: Sollte sie obdachlos in der Nähe ihrer Arbeit bleiben, oder in ein weiter entferntes Squatterviertel ziehen und einen Großteil ihres Gehalts für den Transport ausgeben? Sie entschied sich fürs Leben unter der Brücke.
Das Schicksal von Laxmi Chinnoo, das der US-Journalist Robert Neuwirth in seinem 2005 erschienenen Buch „Shadow Cities“ beschreibt, ist die Alltagsrealität vieler Millionen Inder. Sie zu verändern, stellt das Land vor enorme Herausforderungen. Denn Indiens Bevölkerung wächst rapide, vor allem in den Städten. Zugleich wird schnell gewaltiger Wohlstand geschaffen – allerdings nicht für alle: Der Unterschied zwischen Arm und Reich ist dramatisch. Um eine nachhaltige Entwicklung zu schaffen, müssen vor allem die Städte sich neu erfinden.
„Indiens Städte bleiben weit hinter ihrem Potenzial zurück“, sagt Dr. Shirish Sankhe, Direktor der Unternehmensberatung McKinsey & Company in Mumbai. „Das ist eine schwierige Situation, aber mit der richtigen Politik sind die Probleme zu lösen.“ In einer breit angelegten Studie mit dem Titel „India’s Urban Awakening“ haben Sankhe und seine Kollegen untersucht, welche Wachstumspotenziale in Indiens Städten schlummern und wie sich diese wecken lassen – ein Thema, das auch im Zentrum des Symposiums Future Dialogue stand, das von Siemens und der Max-Planck-Gesellschaft Ende September 2011 in Neu Delhi veranstaltet wurde.
Die Herausforderung: Nach Angaben der Vereinten Nationen leben heute über 1,2 Milliarden Menschen in Indien, und ihre Zahl steigt rapide. Von 1950 bis 1990 wuchs Indiens Bevölkerung von 371 auf 873 Millionen Menschen, seitdem kamen noch einmal 350 Millionen hinzu. Bis 2030 prophezeit die UN weitere 300 Millionen, insgesamt sind es dann über 1,5 Milliarden. Die Zahl der Inder im arbeitsfähigen Alter wird dann rund 270 Millionen höher sein als heute.
Ihre Jobs werden sie überwiegend in Städten suchen. Obwohl bisher erst ein Drittel der Inder in urbanen Regionen leben, werden dort mehr als zwei Drittel der Wirtschaftsleistung generiert. Wegen massiver Landflucht dürften Städter 2030 über 40 Prozent der Bevölkerung ausmachen, prognostiziert McKinsey. 68 Städte werden dann mehr als eine Million Einwohner haben, und in sechs Megacities werden sogar mehr als zehn Millionen Menschen leben.
Für Indiens Entwicklung ist das grundsätzlich positiv. Denn Städte sind Jobmaschinen. Infrastrukturmaßnahmen, Hausbau, Bildung, Unterhaltung und Dienstleistungen treiben die Wirtschaft an. Auch aufgrund der starken Dynamik der Städte dürfte sich Indiens Bruttoinlandsprodukt bis 2030 auf 5.060 US-Dollar pro Kopf vervierfachen – und durch gute Planung könne das BIP um ein weiteres Drittel steigen, haben McKinsey-Analysten berechnet.
Doch dafür muss sich viel ändern. Bisher sind Indiens Städte mehr gewuchert als gewachsen. Wie Laxmi Chinnoo hausen viele Menschen im Freien oder in Siedlungen, die sie auf ungenutztem Land errichten, oft ohne Anschluss an Elektrizität, Wasserleitungen oder Kanalisation, zumeist am Rand der Legalität. „Obwohl viele Slumbewohner als Fahrer, Putzfrauen oder Kinderbetreuer arbeiten, werden sie als asoziale Kriminelle gesehen“, sagt Neuwirth, der selbst längere Zeit in Mumbais Squatterviertel Sanjay Gandhi Nagar wohnte. „Egal ob Menschen als Müllsammler oder in einer Fabrik arbeiten, egal ob sie ihren eigenen Straßenstand betreiben oder als Haushälter arbeiten – sie alle sollten mit Respekt und Würde behandelt werden.“
Ganzheitlicher Ansatz. Letztlich sind Metropolen, die von Elendsquartieren geprägt sind, auch für wohlhabende Bewohner nur begrenzt lebenswert. „Indien braucht für seine Städte einen ganzheitlichen Ansatz“, sagt Sankhe. Ein zentrales Element dabei sei der Bau moderner Infrastruktur. „In den kommenden zwei Jahr - zehnten benötigen Indiens Städte Investitionen von insgesamt 1,2 Billionen Dollar.“ Das bedeutet, dass die durchschnittlichen Pro-Kopf-Investitionen in den Städten von derzeit 17 auf 134 Dollar angehoben werden müssen.
Beispiel Verkehr: Für einen gut fließenden Verkehr dürfen auf einer ein Kilometer langen Fahrspur höchstens 112 Autos gleichzeitig unterwegs sein. Vergleicht man das Wachstum des indischen Automarktes mit dem Ausbau des Straßennetzes, könnten aber 2030 bereits 610 Autos auf einen Kilometer kommen – was praktisch völligen Stillstand bedeuten würde. Neben dem Verlust an Lebensqualität bedeutet das auch erhebliche wirtschaftliche Einbußen, vom Treibstoffverbrauch über verlorene Arbeitszeit bis zu den Kosten des Gesundheitssystem infolge der Luftverschmutzung. „Indien braucht nicht nur mehr Straßen, sondern auch ein völlig neues Verkehrskonzept, das den öffentlichen Nahverkehr in den Mittelpunkt stellt“, sagt Sankhe. Pro Jahr würden 19.000 Kilometer neue Straßen benötigt und bis zu 400 Kilometer neue U-Bahn-Strecken – das ist 20-mal mehr als im letzten Jahrzehnt gebaut wurde.
Zudem braucht Indien jährlich 700 bis 900 Millionen Quadratmeter neue Wohnfläche. Das entspricht zwei Städten von der Größe Mumbais. Der Wasserverbrauch wird pro Kopf und Tag um 45 Liter steigen. Und der Energiekonsum dürfte sich binnen zehn Jahren verdoppeln. „Diese Herausforderungen können Indiens Städte nur bewältigen, wenn sie auf modernste Technologie zurückgreifen“, sagt Sankhe. „Infrastrukturlösungen wie die von Siemens können dazu einen wichtigen Beitrag leisten.“ Schon heute ist Siemens in Indien in vielen Bereichen aktiv. So liefert das Unternehmen Nahverkehrszüge für Mumbai, Neu Delhi, Kalkutta und Chennai. Siemens-Gebäudetechnologie hilft, Neubauten energieeffizienter zu machen, etwa Mumbais Tata-Tower, und im Mumbaier Wasserwerk Panjrapur hat Siemens Reinigungsanlagen installiert.
Infrastruktur ist jedoch nicht alles. Laut Sankhe brauchen Indiens Städte eine effektivere Verwaltung und politische Reformen, etwa die Direktwahl der Bürgermeister. Auch müsse der Staat in günstige Wohnmöglichkeiten für Arme investieren – auf die richtige Art und Weise. „Regierungen müssen mit den Gemeinschaften der Slumbewohner ko operieren und mit ihnen ihre Zukunft planen“, so Neuwirth. Lebenswert sind Städte nämlich nur, wenn sie für alle ihre Bewohner lebenswert sind. Dazu gehört neben Indiens neuen Eliten auch die Familie von Laxmi, die eines Tages hoffentlich wieder ein besseres Dach über dem Kopf haben wird.