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Dr. Ulrich Eberl
Herr Dr. Ulrich Eberl
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Indios wie Paiki, seine Familie und das gesamte Dorf Kikretum profitieren von einer Gesundheits-Expedition in den Amazonas.

Fabio Atui nutzt Ultraschallgeräte von Siemens für eine präzisere Diagnose. Davon profititeren unter anderem die Kayapo-Indios.

Vor Ort wird untersucht und sogar operiert.

Vor Ort wird untersucht und sogar operiert.

Vor Ort wird untersucht und sogar operiert.

Vor Ort wird untersucht und sogar operiert.

Klinik unter Palmen

Die Ureinwohner des brasilianischen Amazonasgebietes müssen für viele medizinische Eingriffe in die Großstadt reisen. Eine Privatinitiative will das ändern: Ärzte behandeln die Indios direkt vor Ort im Urwald. Siemens unterstützt mit mobilen Ultraschallgeräten.

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Image Neue Hoffnung im Urwald: Indios wie Paiki, seine Familie und das gesamte Dorf Kikretum profitieren von einer Gesundheits-Expedition in den Amazonas. Vor Ort wird untersucht und sogar operiert.
"Ein so hoher Standard findet sich in kaum einem brasilianischen Krankenhaus – aber im Urwald".
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Image Fernab der Städte: Iria Novaes und Fabio Atui nutzen Ultraschallgeräte von Siemens für eine präzisere Diagnose. Davon profititeren unter anderem die Kayapo-Indios.
Viele Gesten, die für den Austausch zwischen Arzt und Patient wichtig sind, bleiben unverstanden.
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Paiki zieht ein letztes Mal die Leinen ein. Drei Welse und fünf Piranhas liegen vor ihm im Boot. Er hat schon mal mehr gefangen. „In der Regenzeit beißen weniger Fische an“, sagt er. „Doch sobald der Wasserspiegel des Flusses niedriger liegt, lassen sie sich wieder leichte fangen.“ Die Gesetze des Urwalds kennt Paiki. Seit seiner Kindheit streift er durch den Amazonas, auf der Suche nach Wildschweinen, Schildkröten, Fischen. Der Indio lässt den Heckmotor des kleinen Bootes an, das sich langsam in Bewegung setzt. Geschickt manövriert er es an den aus dem Wasser ragenden Baumkronen vorbei. In ein paar Wochen, mit Einsetzen der Trockenzeit, wird der Wasserspiegel des Rio Fresco um bis zu zehn Meter sinken. Dann werden auch die Baumstämme wieder sichtbar. Noch sind sie verborgen, im Strom der gelbbraunen Wassermassen, die sich durch den brasilianischen Bundesstaat Pará wälzen.

Eigentlich hätte Paiki heute Morgen eine Verabredung mit dem Zahnarzt gehabt, in seinem Heimatdorf Kikretum. Auch für amazonische Verhältnisse ein abgelegener Flecken Land mit 500 Einwohnern, mitten im Territorium des Stammes der Kayapo: Regenwald soweit das Auge reicht, die nächste Großstadt, Marabá, ist zwei Flugstunden entfernt. Die Angelei ging heute vor, der 31-jährige versorgt immerhin vier Kinder. Seine Frau hat erst vor einer Woche wieder eines zur Welt gebracht. Eine Jungen, darauf ist Paiki besonders stolz. Womöglich wird der Kleine ja eines Tages Kayapo-Krieger. Die Prüfungen auf dem Weg dahin sind hart. So wird er ein Stück aus einem Wespennest herausreißen müssen, die Biester zerstechen die Nachwuchskrieger bei der Mutprobe, das gehört dazu.

Eine Hilfsschwester des brasilianischen Gesundheitsdienstes Secretaria Especial de Saúde Indígena (SESAI) war bei der Geburt von Paikis jüngstem Sohn zugegen. Doch voll ausgebildete Ärzte und Zahnärzte machen in den extrem abgelegenen Dörfern der Ureinwohner nur eintägige Stippvisiten. „Meist kümmert sich der Schamane um uns, wenn wir krank sind“, sagt Paiki und duckt sich unter einem schweren Ast, der über das Wasser ragt, während er sein Boot Richtung Kikretum steuert. Der Schamane nimmt sich etwa Schlangenbissen an und „Krankheiten der Seele“, wie die Kayapo psychische Störungen nennen. Er versteht schnell, ob ein Unwohlsein womöglich mit dem Wassergeist zusammenhängt und ob man zur Förderung der Heilung Kräuter geben sollte oder dem Patienten bestimmte Speisen verbieten muss. Doch bei Tuberkulose, Leistenbrüchen oder Malaria versagt seine Kunst. Inzwischen verlangen viele Kayapo eine bessere Versorgung mit der „Medizin des weißen Mannes“, wie sie die Schulmedizin nennen. Im Jahr 2009 besetzten wütende Indios sogar ein Gebäude der Vorgänger-Organisation der SESAI, um ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen.

Gebiet der Größe Österreichs. Die Urwaldärzte der SESAI reisen regelmäßig mit einem einmotorigen Flugzeug nach Kikretum, denn die rund 7.000 Kayapo verteilen sich auf ein Gebiet der Größe Österreichs. Viele Fälle können die Ärzte ambulant nicht behandeln, dann überweisen sie die Indios an die Krankenhäuser der Städte, nach São Felix do Xingú, nach Marabá, oder gar in die Millionenstadt Belém, unweit der fernen Atlantikküste.

„Einer meiner Söhne hatte einmal eine Lungenentzündung“, erinnert sich Paiki. „Die Behandlung in Belém dauerte sechs Wochen. Wir waren die ganze Zeit bei ihm und schliefen im Krankenhaus auf Plastikstühlen. Es wäre schon gut, wenn mehr vor Ort in unseren Dörfern behandelt würden.“ Dieser Tage erfüllt sich sein Wunsch: Mehr als ein Dutzend Ärzte ist angereist, das gab es noch nie im Territorium der Kayapo. Die Doktoren und Krankenschwestern der spendenfinanzierten Nichtregierungsorganisation Expedicionários de Saúde (EDS) verwandeln die Dorfschule von Kikretum für zehn Tage in ein Krankenhaus: Sie bauen Zelte auf und knatternde Dieselgeneratoren, im Gepäck haben sie Klimaanlagen, Operationsbesteck und sogar Ultraschallgeräte von Siemens. Die gefürchteten Zahnärzte sind auch dabei. Bisherige Begegnungen mit dem Berufsstand, so berichten die Indios, führten oft eher zum Verlust eines Zahns als zu seiner Rettung, so etwas merkt man sich.

Paikis Kahn nähert sich dem Dorf, schon von weitem sieht er das Getümmel an der Bootsanlegestelle. Eben kam ein Schiff aus Gorotiri an, einer anderen Kayapo-Siedlung. Es bringt Patienten und damit Arbeit für die Augenärzte, den Kinderarzt, den Chirurgen, die Gynäkologin und die anderen Mediziner, die während ihres Aufenthalts rund 1.700 Untersuchungen und Behandlungen durchführen werden, darunter über 70 Operationen.

Paiki macht sein Boot fest und schlängelt sich durch das Getümmel. Durch die Kiemen der Fische hat er einen biegsamen, schmalen Zweig gesteckt, dessen Enden verknotet sind. Wie an einer Perlschnur aufgereiht baumeln sie daran, die fetten, langen Welse und die Piranhas mit ihren gefährlich spitzen Zähnen. Bald schwimmen sie in der Suppe.

Viele der Ankömmlinge aus Gorotiri habe zur Untersuchung Anhang mitgebracht, einige haben Pfeil und Bogen dabei, um sich während des Aufenthaltes in Kikretum frische Mahlzeiten erjagen zu können. Ein Käfig, in dem ein Papagei unruhig flattert, steht verloren in der Menge; ein junges Kayapo-Mädchen pult aus dem Fell ihrer Ratte Ameisen.

Es ist ein kleiner Erfolg, dass überhaupt ein volles Boot mit Patienten landet. In Gorotiri hatte sich das Gerücht herumgesprochen, dass die Doktoren ihren Patienten die Augen ausreißen und durch Pferdeaugen ersetzen würden. Die Dorfältesten mussten die Kranken erst überzeugen, nach Kikretum zu reisen. Der gestandene Kayapo-Krieger Akiaboro ging mit gutem Beispiel voran. Erhobenen Hauptes schreitet er, der sich als politischer Führer der Kayapo betrachtet, durch die Menge, einen Schmuck aus gelb-grünen Papageienfedern auf dem Kopf: „Es gibt Krankheiten, zu deren Behandlung die Medizin der Weißen besser geeignet ist als die Kunst der Schamanen“, sagt er. „Ich selbst bin nach Kikretum gekommen, um mich durchchecken zu lassen.“ Er will auch zum Zahnarzt, mit einem Wurzelkanal ist etwas nicht in Ordnung. „Ich habe seit Tagen vor Schmerz kein Auge zugetan.“

Paikis Zahnarztbesuch verzögert sich dagegen weiter. Es ist inzwischen Nachmittag und Schlangen von Wartenden haben sich vor der Dorfschule gebildet. Ein Kayapo-Mädchen spielt mit einem Luftballon Fußball, zahlreiche Bemalungen zieren ihre Haut, bunte Kettchen baumeln an Hand- und Fußgelenken. Hier in der Schule werden die Patienten digital erfasst und zu ihrer jeweiligen Behandlungsstation geschickt. Die Krankenschwestern kleben den Indios verschiedenfarbige Etiketten auf die Haut, diese zeigen an, wo die Reise hingeht: „Blau bedeutet Augenarzt, rosa bedeutet Frauenarzt, gelb bedeutet Kinderarzt, grün bedeutet Operationszelt“, erklärt Claudio Braga, der sich um die Computer kümmert.

Drahtlosnetzwerk im Urwald. Das IT-System wird bei jedem der Einsätze von EDS weiterentwickelt. „Die elf Laptops in Kikretum sind durch ein Drahtlosnetzwerk miteinander verbunden, die Patientenakten sind durchgängig digital, auch in den Behandlungsräumen und Operationszelten zugänglich. Ein so hoher Standard findet sich in kaum einem brasilianischen Krankenhaus – aber hier im Urwald“, führt Braga sichtlich stolz aus. Hinter seinem Tisch mit den Computern und dem Drucker befindet sich der Sterilisationsraum, in dem die Untersuchungsgeräte und das Operationsbesteck gereinigt werden. Das Dach über einer Rampe decken gerade ein paar junge Kayapo mit frischen Palmwedeln. Davon profitieren viele der älteren Patienten, die teils kaum noch sehen können; die starke Sonneneinstrahlung lässt die Linsen der Augen schneller eintrüben als andernorts. Grauer Star ist weit verbreitet.

„Die Krankheiten, die wir hier diagnostizieren, haben viel mit den Umweltbedingungen und dem Lebensstil der Indios zu tun“, erklärt Fabio Atui. Der Chirurg betreibt in São Paulo eine Privatpraxis und arbeitet zudem an einer der besten Kliniken der Megacity. Obwohl zu Hause eine Familie auf ihn wartet, nimmt er sich für die Expeditionen von EDS, die schon seit 2003 stattfinden, jedes Mal Urlaub, um – ohne Bezahlung – Medizin auf Weltklasse-Niveau in einen der abgelegenen Winkel des Amazonas zu bringen. „Die Menschen im tropischen Regenwald leiden oft an Infektionskrankheiten, Hautpilz, Krätze. Jede Menge Bewegung, lange Märsche, schwere Lasten: Leistenbrüche kommen da häufig vor, Herzerkrankungen sind dafür eher selten“, erklärt er.

Sein Arbeitsplatz ist das Operationszelt. Wer dort hinein möchte, muss in einem Vorraum, der als Schleuse dient, einen blauen Overall und einen Mundschutz anlegen. Atui trägt weiße Latexhandschuhe. Er hat gerade einen Leistenbruch unter dem Messer. Allerlei Werkzeug steckt in der Operationswunde, ein Monitor zeigt die Vitalfunktionen des Patienten an. Die Klimaanlage bläst unablässig kühle Luft ins Zelt, während draußen die schwüle Hitze des Amazonas über dem Dorf liegt.

„Wir führen im Urwald nur ganz bestimmte Eingriffe durch“, erklärt Atui. „Die Diagnose muss schnell und eindeutig möglich sein, die Operation darf keine komplizierte Vor- oder Nachsorge erfordern. Wir sind ja nur zehn Tage vor Ort.“ Gerade die Diagnostik ist eine Herausforderung, denn Röntgengeräte hat EDS bei den Expeditionen nicht dabei, sie wären zu groß und schwer für den Transport. Aber Atui kann ein handliches Ultraschallgerät nutzen, das Siemens kostenlos zur Verfügung stellt.

Er und seine Ärztekollegen, die Krankenschwestern und Hilfskräfte verzichten für ihren ehrenamtlichen Einsatz auf Komfort und Privatsphäre: In einem Bretterverschlag neben der Küche befinden sich Plumpsklos und Duschen. Statt in den feinen Lokalen der Großstädte zu speisen, schöpfen sie hier aus großen Töpfen eine Mischung aus Reis und Bohnen mit Fleischeinlage.

„Es ist ein Privileg, dass Ihr hier sein dürft“, ruft Ricardo Affonso Ferreira, der Expeditionsleiter, in die Runde. „Wir wollen den Indios Respekt erweisen. Wir erwarten keinen Dank – wir sind nicht die Missionare des 21. Jahrhunderts“, verdeutlicht er am ersten Abend den jungen Ärzten, die zum ersten Mal dabei sind, die Philosophie der Expeditionen.

Fabio Atui sieht das genau so. Er ist überzeugt: Nur wenn die Indios den Urwald als ihren Lebensraum betrachten, lasse sich seine Abholzung verhindern. Daher dürfe man seine Einwohner zur medizinischen Behandlung auch nicht für ein paar Wochen in die Städte schicken: Viele Indios sind den Versprechungen eines vermeintlich luxuriösen Stadtlebens ohnehin ausgesetzt. Fernseher tragen jedes Jahr den Karneval von Rio in die Hütten Kikretums, genauso wie die Musikvideos US-amerikanischer Popidole und, Tag für Tag, die Telenovelas mit Bildern materiellen Wohlstands.

Was man sich mit Geld alles kaufen kann, daran erinnern sich die älteren Kayapo lebhaft: In den 1980er-Jahren brachten Goldfunde im Gebiet der Kayapo allerhand Glücksritter hierher. Die einströmenden Goldsucher mussten den Indios Abgaben auf ihre Funde bezahlen, die Kayapo kauften sich mit den Einkünften am Ende sogar Flugzeuge. Nach wenigen Jahren ebbte die Goldflut allerdings ab, das schnell gemachte Vermögen der Kayapo war ebenso schnell durchgebracht. Doch Prostitution und Drogenhandel hatten sich inzwischen an den Rändern des Reservats festgesetzt. Die Zivilisation findet ihre Wege in den Urwald.

Hohe Kindersterblichkeit. In Paikis Behausung, in der er inzwischen mit seinem Fang angekommen ist, stehen zwei Fernsehapparate. Müll liegt herum, die Habseligkeiten der Familien befinden sich in Plastiktüten, die an der Wand hängen. Paiki teilt sich seine Hütte mit einer weiteren Familie. Man schläft auf dem Boden, in Zelten oder in Hängematten. In einer liegt gerade Paikis Frau, sie stillt den Nachwuchs. Mangelnde Hygiene und das feuchte Klima setzen vor allem den jungen Indios im Amazonasgebiet zu: Atemwegserkrankungen kommen bei Kindern häufig vor, die Kindersterblichkeit ist hier fast zehnmal so hoch, wie in São Paulo, rechnen die Ärzte vor.

Iria Novaes, eine Gynäkologin aus Campinas, berichtet: „Viele Frauen haben Vorbehalte, sich untersuchen zu lassen. Oft nehme ich die erste gynäkologische Untersuchung im Leben der Frauen überhaupt vor.“ Dabei hilft ihr eines der beiden Ultraschallgeräte, die Siemens, neben finanziellen Zuwendungen an EDS, zur Expedition beigesteuert hat.

Eines Abends, kurz bevor sie zur Nachtruhe in ihr Zelt schlüpft, berichtet sie von den Fällen des Tages. Etwa von einer 27-jährigen Frau, deren Situation ihr nahe geht: Verdacht auf Krebs, eine Gewebeprobe ist auf dem Weg zur Biopsie, nach Campinas, in die Universitätsklinik. Doch schon jetzt gibt es eine gute Nachricht: Metastasen haben sich bisher offenbar keine gebildet, das zeigt die Ultraschalluntersuchung. Noch ist also Zeit, noch gibt es Hoffnung auf Heilung.

Die Kommunikation zwischen Patienten und Ärzten über die kulturellen Grenzen hinweg ist allerdings nicht leicht. Übersetzer unterstützen in Kikretum, und manch ein Kayapo wie etwa Paiki spricht leidlich Portugiesisch. Doch viele Gesten, die für den Austausch zwischen Patient und Arzt so wichtig sind, bleiben unverstanden. Ein Problem, mit dem Ärzte nicht nur am Amazonas konfrontiert werden. Auch wenn die Situation der Eingeborenen hier in vielerlei Hinsicht extrem ist, Milliarden Menschen in ländlichen Gebieten auf der ganzen Welt leiden unter eingeschränktem Zugang zu medizinischer Versorgung.

Dabei lässt sich ihre Situation zu moderaten Kosten erheblich verbessern, wenn – wie bei den Einsätzen von EDS – zwei Dinge zusammenkommen: die Leidenschaft einzelner Ärzte und moderne, bezahl bare Technologie. Um Letztere bereitzustellen, produziert Siemens zunehmend in Schwellenländern vor Ort, statt die Geräte einzuführen.

Auch Augenarzt Celso Takashi Nakano will nicht mit zweitklassigem oder ausrangiertem Gerät arbeiten, nur weil er im Urwald operiert. Er hat beharrlich Spenden gesammelt, sodass er bei den Expeditionen nun die modernste Ausstattung nutzen kann, die am Markt verfügbar ist. Er operiert vor allem Grauen Star und das am laufenden Band; bis zu 20 Eingriffe schafft er an einem Tag. „Wir haben hier die schwierigsten Fälle der Welt“, erklärt er. Eine Herausforderung, auch für ihn, der an der Uniklinik von São Paulo als der Mann für die komplizierten Fälle gilt. „Die Pupillen der Kayapo erweitern sich kaum, das mag mit ihrer Ernährung zu tun haben“, mutmaßt Nakano. In jedem Fall erschwert es die Eingriffe, denn durch die enge Pupille muss er sein Werkzeug einführen.

9.30 Uhr, der erste Fall des Tages: Mit Ultraschall zertrümmert Nakano die eingetrübte, verhärtete Linse eines Patienten, danach führt er mit einer winzigen Pinzette die neue Linse ein. Die operierten Kayapo wachen wenig später in einer Hängematte in der Dorfschule wie der aus ihrer Narkose auf, mit einem dicken Verband auf dem operierten Auge.

Einer der ersten Patienten, dessen Augenverband abgenommen wurde, besucht die Ärzte beim Mittagessen; die Sonnenbrille, die er nun trägt, lässt ihn aussehen, wie einen gealterten Rockstar. „Schaut her, wie klar mein Blick jetzt ist!“ ruft er auf Portugiesisch und nimmt die Brille ab. Vor seiner Operation hatte er ein Sehvermögen von nur noch 15 Prozent; bald, wenn das operierte Auge ganz ausgeheilt ist, könnten es wieder über 80 Prozent sein. Die Ärzte rufen ihm freundlich den Gruß der Kayapo nach, „Meikumré“, „alles gut“. Einige der Expeditionsteilnehmer tragen gegen Ende der ersten Woche sogar die traditionellen Bemalungen des Stammes auf ihrer Haut.

Vor dem Zelt der Zahnärzte werden die Schlangen länger, je näher das Ende der Expedition rückt. Es hat sich herumgesprochen, dass die Zahnärzte, die diesmal gekommen sind, seltener Zähne ziehen und mehr vom Gebiss retten. Wer noch nicht drangekommen ist – oder bisher zögerte –, will nun seine Chance nutzen. „Kekét meitere“ steht als Werbung auf dem Schild außerhalb des Zeltes: „schönes Lächeln“. Im Inneren müssen die Zahnärzte auf der Höhe ihrer Kunst arbeiten, wie Pedro Affon so Ferreira aus Campinas erklärt: „Wir haben hier zu wenige Speziallampen. Also benutze ich zusätzlich eine Stirnlampe. Deren Licht lässt aber manche Materialien rascher aushärten. Also muss ich schneller arbeiten.“

Stundenlange Regengüsse. Draußen hat sich wieder einmal der Himmel verdunkelt, wie so oft Nachmittags. Blätter rascheln im auffrischenden Wind, ein Tröpfeln, das in einen stundenlangen Regenguss übergeht. Danach wird sich Kikretum in Sumpfland verwandelt haben. Improvisierte Stege aus Brettern – wie auf dem Markusplatz in Venedig bei Überschwemmung – ermöglichen es den letzten Patienten, die anreisen, zu ihrem Quartier und später zur Dorfschule zu laufen. Ein letztes Boot aus A’Ukre. Ein weiteres, großes, aus Gorotiri. An Bord unter anderem neun Patienten mit Malaria-Symptomen. Vor zwei Jahren gab es in diesem Teil des Kayapo-Territoriums kaum noch Malaria-Fälle, doch die Infektionskrankheit ist wieder auf dem Vormarsch. Hier hilft nur Prävention, nicht der punktuelle Einsatz von Spitzenmedizinern mit modernen Gerätschaften, das wissen auch die Ärzte von EDS.

In wenigen Tagen werden sie ihre Zelte abbrechen und von der staubigen Dschungelpiste abheben, mit den einmotorigen Flugzeugen, die sie zum nächsten größeren Flughafen in Marabá bringen. Von dort geht es weiter, in die großen Städte im Süden Brasiliens, wo die meisten von ihnen leben und arbeiten. Nach Kikretum werden sie auf absehbare Zeit nicht zurückkehren, denn jede Expedition von EDS sucht sich ein neues Ziel. Bedarf nach Gesundheitsleistungen gibt es im riesigen Amazonas schließlich an allen Ecken und Enden.

Paiki schlendert zur Bootsanlegestelle, während ein Kayapo-Junge mit seiner Schleuder Steine auf den Rio Fresco hinausschleudert. „Sie haben nicht mal gebohrt!“, ruft Paiki erfreut aus. Er hat es am Ende doch noch zum Zahnarzt geschafft. Er lächelt und entblößt seine über die vergangenen Jahre mit viel glänzendem Metall reparierten Zähne. „Wir werden traurig sein, wenn die Doktoren gehen“, fügt er hinzu. Kann es sein, dass Paiki selbst eines Tages den Urwald verlassen würde? Unvorstellbar, sagt er. Er gehöre hierher. In der Stadt lasse sich zwar der Schmuck, den seine Frau anfertigt, gut verkaufen, aber unübersichtlich sei es dort, allein finde er sich nicht zurecht. Der kleine Junge am Flussufer hat zu tanzen begonnen, zwischen seinen Steinwürfen singt er in verständlichem Englisch den Refrain eines Songs, den er kürzlich im Fernsehen aufgeschnappt hat: „Baby, baby, baby, oh! Baby, baby, baby, oh!“

Andreas Kleinschmidt