Auch in Nordamerika gibt es sehr umweltbewusste Städte, wie der US and Canada Green City Index zeigt. Bei der Wasserinfrastruktur, der Luftqualität und dem Recycling schlagen sie sogar viele Städte Europas. Großer Nachholbedarf besteht beim Ressourcenverbrauch, den CO2-Emissionen und dem öffentlichen Nahverkehr.
Spitze in der Neuen Welt: San Francisco ist die grünste Stadt Nordamerikas, gefolgt von Vancouver und New York. Vielen Städten fehlt vor allem ein ausgefeilter öffentlicher Nahverkehr.
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Auch im Sommer zieht der US-Wintersportort Aspen viele Besucher an – mit dem Aspen Ideas Festival. Im Zentrum: Ideen für eine bessere Zukunft. Ende Juni 2011 wurde hier auch der „US and Canada Green City Index“ vorgestellt. Im Auftrag von Siemens hatte die Economist Intelligence Unit (EIU) 27 Großstädte in den USA und Kanada untersucht, in Bezug auf neun Umweltkategorien: CO2-Emissionen, Energie, Landnutzung, Gebäude, Verkehr, Wasser, Abfall, Luftqualität und Umweltmanagement. Ähnliche Studien entstanden bereits für Europa, Asien und Lateinamerika.
Oft wird den US-Metropolen Ressourcenverschwendung, Zersiedelung und fehlendes Umweltbewusstsein nachgesagt. Doch der Schein trügt: „Die Bürgermeister haben erkannt, dass gehandelt werden muss und setzen sich für eine nachhaltige Zukunft ein“, sagt Alison Taylor, Chief Sustainability Officer bei Siemens für Nord- und Südamerika. „Natürlich stehen einige noch am Anfang, andere sind dagegen schon sehr weit.“
Die Nase vorn hat San Francisco, das zur grünsten Stadt des Index gekürt wurde, gefolgt von Vancouver, New York, Seattle und Denver. Überraschend: Alle Top-Städte haben sehr unterschiedliche Voraussetzungen in Bezug auf Einwohnerzahl und -dichte, Fläche oder Einkommen, und dennoch sind sie erfolgreich. So hat New York zwölf Millionen Einwohner, Boston oder Seattle nur etwas mehr als 600.000. Vancouver erwirtschaftet ein Bruttoinlandsprodukt von knapp 37.000 USDollar pro Kopf, in den anderen Städten sind es fast 60.000 Dollar. Gemeinsam haben sie alle ambitionierte Umweltziele. San Francisco setzt darüber hinaus auf eine enge Partnerschaft mit privaten Firmen und hat strenge Gesetze, etwa für Recycling, erlassen.
Durstige Metropolen. Doch auch schlechter platzierten Städten gelingen bemerkenswerte Erfolge:
➔ Atlanta belegt nur den 21. Rang, hat aber die höchste Anzahl LEED-zertifizierter – also besonders umweltfreundlicher – Gebäude.
➔ Miami (Platz 22) belegt dank sauberer Kraftwerke den zweiten Platz in der Kategorie CO2- Emissionen.
➔ Detroit, das Schlusslicht der Studie, hat eines der am besten ausgebauten öffentlichen Verkehrsnetze – noch vor New York oder Seattle.
„Insgesamt schneiden die nordamerikanischen Städte verglichen mit anderen Weltregionen mit ihren Maßnahmen zur Verbesserung der Luftqualität und des Abfallmanagements sowie beim Recycling und bei der Wasserinfrastruktur gut ab”, sagt Tony Nash, Leiter der EIU. Die Wasserverluste durch undichte Leitungen sind mit 13 Prozent deutlich geringer als in Asien (22%), Europa (23%) oder Lateinamerika (35%). Auch die Recyclingquote ist mit 26 Prozent rund ein Drittel höher als etwa im European Green City Index.
Trotz dieser Erfolge gibt es noch viel zu tun – vor allem beim Ressourcenverbrauch, den CO2-Emissionen und beim Verkehr. Der Einwohner Nordamerikas benötigt im Durchschnitt 590 Liter Wasser am Tag, mehr als doppelt so viel wie in Europa, Asien oder Lateinamerika. Auch produzieren die kanadischen Städte im Mittel acht Tonnen CO2 pro Kopf und Jahr, die US-Städte etwa doppelt so viel. Damit schneiden sie zwar besser ab als der US-Durchschnitt, der laut Weltbank bei knapp 20 Tonnen liegt, aber Städte in Europa oder Asien produzieren im Schnitt nur etwa fünf Tonnen. Immerhin haben sich 21 von 27 Städten des Index eigene Ziele zur Senkung ihrer CO2-Emissionen gesetzt.
Pendeln per Auto. Viele Probleme im Verkehr gehen auf die Zersiedelung der Städte zurück. Ideal wäre eine Kombination aus hoher Bevölkerungsdichte, ausreichenden Grünflächen und kurzen Wegen zur Arbeit und Freizeit – wie bei New York City mit seinen knapp 11.000 Einwohnern pro Quadratkilometer (qkm) und den Grünflächen, die etwa ein Fünftel des Stadtgebiets ausmachen. Doch die meisten Metropolen im Index sind mit rund 3.000 Menschen pro qkm nur dünn besiedelt. In Europa liegt die Zahl bei 3.900, in Asien bei 8.100. In den USA wohnen viele Menschen in Vororten und nutzen häufig das Auto. Nur jeder zehnte US-Amerikaner und jeder vierte Kanadier fährt mit öffentlichen Verkehrsmitteln oder dem Fahrrad zur Arbeit oder geht zu Fuß. In Europa sind es über 60 Prozent. In Kanada wurde der öffentliche Nahverkehr schon recht gut ausgebaut: Rund 1,5 Kilometer Bus-, Bahn- und Metrolinien pro qkm stehen den kanadischen Einwohnern zur Verfügung, mehr als dreimal so viel wie in den US-Städten.
Ein positives Signal sind die guten Ergebnisse beim Umweltmanagement, die sich mit denen der fortschrittlichen europäischen Städte messen können. Fast jede Stadt im Index hat einen Beauftragten für Nachhaltigkeit ernannt und einen umfassenden Umweltplan verfasst. Auch das Engagement von Nicht-Regierungs-Organisationen ist vorbildlich. Ein prominentes Beispiel ist der U.S. Green Building Council, eine gemeinnützige Organisation aus Washington, die die LEED-Richtlinien für Gebäude verfasst hat, die mittlerweile weltweit angewandt werden.