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Dr. Ulrich Eberl
Herr Dr. Ulrich Eberl
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Materialverbrauch und Wirtschaftswachstum lassen sich entkoppeln

Bis 2050 wird die Weltbevölkerung nach UN-Schätzungen nochmals um 2,3 Milliarden Menschen auf dann 9,3 Milliarden zunehmen – der weitaus größte Teil dieses Wachstums wird in Entwicklungs- und Schwellenländern stattfinden. Wie lässt sich dies gewährleisten, ohne die Ressourcen der Welt über Gebühr zu beanspruchen? Denn fast immer gingen bislang Bevölkerungswachstum und steigender Wohlstand mit einer Zunahme des Energie- und Ressourcenverbrauchs einher.

Doch nach dem Konzept des ökologischen Fußabdrucks übersteigt der Verbrauch der Menschen die Tragfähigkeit der Erde bereits heute um etwa 20 Prozent (siehe Artikel „Wir zerstören unseren Reichtum schneller als wir ihn aufbauen“). Das Umweltprogramm der Vereinten Nationen (UNEP) warnt daher in seinem Bericht von 2010 davor, dass die Menschheit bis 2050 mit einem prognostizierten jährlichen Verbrauch von 140 Milliarden Tonnen Mineralien, Erze, fossile Brennstoffe und Biomasse mehr als doppelt so viel wie derzeit verbrauchen wird, wenn das Wirtschaftswachstum weiterhin im selben Ausmaß wie bisher den Ressourcenverbrauch bestimmt. Künftig liegt die Herausforderung darin, Wirtschaftswachstum und Ressourcenverbrauch zu entkoppeln, letzteren insgesamt zu reduzieren. Eine Lebens- und Wirtschaftsweise, die dem Überverbrauch von Gütern, Rohstoffen und Energie ein Ende setzt, ist unter dem Begriff Öko-Suffizienz bekannt. Der Suffizienzbegriff, also die Frage nach dem rechten Maß, wurde von Prof. Dr. Wolfgang Sachs, dem Leiter des Berliner Büros des Wuppertal Instituts für Klima, Umwelt, Energie, eingeführt.

Leicht wird dieser Umstieg allerdings nicht. Einige Beispiele: Der Bedarf an Öl ist nach wie vor ungebremst. Nach Angaben der Internationalen Energieagentur dürfte sich allein der Ölverbrauch Chinas bis 2015 um 70 Prozent gegenüber 2009 erhöhen und dann 42 Prozent des weltweiten Ölbedarfs betragen. Ähnlich bei Stahl: Nach einer aktuellen Analyse der Beratungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers (PwC) dürfte die Stahlerzeugung bedingt durch zunehmende Urbanisierung und Industrialisierung der Schwellenländer bis 2020 um rund eine auf 2,3 Milliarden Tonnen pro Jahr zunehmen, bevor sich das Wachstum abschwächt. Trinkwasser gilt eben - falls als knappe Ressource. Nach einer Analyse des Zentralverbands der Elektrotechnik- und Elektronikindustrie (ZVEI) wird sich allein der Wasserverbrauch Chinas bis 2030 verdoppeln. Die Grundwasservorräte im Norden Chinas werden in 30 Jahren bereits erschöpft sein.

Obwohl also der weltweite Verbrauch von Ressourcen weiterhin wächst, gibt es erste Anzeichen einer relativen Entkopplung von Rohstoffverbrauch und Bruttoinlandsprodukt (BIP). Das bedeutet nach einer Definition der Europäischen Kommission, dass die Wirtschaft rascher wächst als der Rohmaterialverbrauch. Bleibt dieser dagegen stabil oder nimmt er bei expandierender Wirtschaft sogar ab, spricht man von einer absoluten Entkopplung. Nach Berechnungen der OECD weisen die G8-Staaten bereits seit 1980 eine relative Entkopplung auf. Kanada, Deutschland, Japan und Italien ist es sogar gelungen, den Ressourcenverbrauch in absoluten Größen vom BIP-Wachstum zu entkoppeln.

Die relative Entkopplung beruht vor allem auf einer höheren Ressourcenproduktivität – also das BIP bezogen auf den inländischen Rohmaterialverbrauch (domestic material consumption, DMC). Dieser Quotient misst die Menge an Rohmaterial, die direkt von einer Wirtschaft genutzt wurde. So stieg zum Beispiel nach Angaben der Europäischen Kommission die Ressourcenproduktivität der EU-27 von 2000 bis 2007 von 1,21 Euro auf 1,31 Euro per Kilogramm (kg). Es wurde also weniger Rohmaterial wie fossile Brennstoffe, Biomasse oder Erze verbraucht, um einen Euro des BIP zu produzieren. Die USA haben eine vergleichbare Produktivität wie die EU mit 1,19 Euro pro kg in 2000 und 1,32 Euro in 2005.v

In Asien ist laut dem Sustainable Europe Research Institute (SERI) die Ressourcenproduktivität sehr unterschiedlich. Während 2005 in Singapur 0,87 Euro und in Korea 0,65 Euro pro kg Rohmaterialverbrauch erwirtschaftet wurden, zählen China, Indien, Malaysia und Indonesien zu den weniger ressourceneffizienten Ländern (unter 0,29 Euro/kg). In diesen Messgrößen ist die EU also 4,5-mal ressourceneffizienter als China. Dies liegt nicht zuletzt daran, dass Schwellenländer material- und energieintensive Infrastrukturen und Industrien aufgebaut haben. Industrienationen dagegen haben vor allem weniger ressourcenintensive Industrien wie die Elektronikindustrie oder den Servicesektor stärker forciert.

Die EU will bis 2020 das Wirtschaftswachstum von der Ressourcennutzung entkoppeln. Dies wurde in einer EU-Initiative innerhalb der „Strategie Europa 2020“ festgelegt. Ziel ist umweltverträgliches Wachstum. Dies soll beispielsweise erreicht werden durch Anreize für einen effizienteren Einsatz von Ressourcen, Schaffung neuer Märkte über die Ankurbelung der Nachfrage nach umweltfreundlichen Technologien, Produkten oder Dienstleistungen sowie durch Instrumente wie die Besteuerung von Rohstoffeinsatz oder Umweltbelastungen.

Grundsätzlich gibt es allerdings kein Patentrezept für die Umsetzung von Strategien für umweltverträgliches Wachstum. An erster Stelle steht hierbei sicherlich eine Wirtschaftspolitik, die ein solches Wachstum ermöglicht. So hat sich China im zwölften Fünfjahresplan von 2011 bis 2015 zum Ziel gesetzt, vermehrt in effizientere Technologien, Recycling und Abfallmanagement zu investieren. Außerdem soll der Energieverbrauch um 16 Prozent und der CO2-Ausstoß um 17 Prozent pro Einheit des BIP sinken. Erreicht werden soll dies vor allem durch den verstärkten Einsatz erneuerbarer Energien, die im Jahr 2015 elf Prozent und 2020 dann 15 Prozent der Energie in China erzeugen sollen.

Sylvia Trage